Herrn Peter Squenz, dem gerade das Herz in seligem Stolz auf die Zeit erschauerte, in der er lebte, sah Fräulein Sinsheimer mitleidig aus den Winkeln seiner Augen an und sagte, die Errungenschaft sei eine Sache, über die hinaus es einfach nicht mehr ginge.

Fräulein Veronika aber lächelte und antwortete: »Schade, daß wir in fünfzig Jahren beide irgendwo im All herumwirbeln oder etwa als wilde Rosen an einer Berghalde unsere Sommerseele in heiterem Blühen verhauchen und uns über unsern heutigen Zusammenstoß nicht mehr unterhalten können!« Dann lachte sie ihm so überlegen ins Gesicht, und das erhabene Bild des Luftkreuzers versickerte im Blau über dem Gebirge. Herr Peter Squenz aber dachte: »Was richten Bücher, Gedanken und Einsamkeit in von Natur ganz vernünftigen Menschen für heillose Verwirrungen an!«

Nun hatte Fräulein Sinsheimer aber weder den Ehrgeiz, ein gelehrtes Frauenzimmer zu sein, noch war sie vom Dichterwahn oder den Emanzipationsgelüsten ihrer städtischen Schwestern befallen; sie predigte weder die Erlösung vom Manne – was in ihrer manneslosen Lage nicht unverständlich gewesen wäre – und forderte auch nicht das Frauenstimmrecht … aber schon daß sie ein ganzes Regal voll Bücher besaß und sich sogar mit ihnen belästigte, war für Ibenheim bei Waltershausen eine unerhörte Tatsache. Und die hätte genügt, die Besitzerin so vieler gedruckter Gelehrsamkeit zum Gegenstand sorgsamer Beobachtung ihres Geistes zu machen, wenn das Fräulein das Bedürfnis gefühlt hätte, den Leuten häufiger in ihrer Ueberlegenheit zu begegnen. So aber hatte sie sich die herrlichste aller Künste in vollkommenem Maße zu eigen gemacht: sich vor der Welt ohne Haß zu verschließen. Und ihr kleines Reich blieb für alles, was draußen lag, uneinnehmbar.

Als der Jockele seinen Einzug in das Frühlingshaus gehalten hatte, rieten die Leute eine Zeitlang wieder lebhafter an den Dingen da oben herum und sagten: Wenn ein Mensch keine Sorge hätte, so mache er sich welche – an dem Jungen von dunkler Herkunft werde sie ihr Wunder schon noch erleben! Etliche mutmaßten sich darum in eine wilde Zukunft hinein und sahen den Jakobus Sinsheimer, der doch wahrscheinlich ein Zigeuner wäre, als Räuberhauptmann sein Unwesen in den thüringischen Wäldern treiben.

Einmal brachte das Mädchen Mali solchen phantastischen Klatsch mit aus dem Dorfe. Das war sehr heilsam für sie, denn sie erkannte an der hellen Empörung ihres Herzens, wie sie sich in ihrer Denkart allgemach loslöste von den Schichten, aus denen sie gekommen war.

Tante Veronika lachte ihr vergnügtes Lachen darüber und sagte einige Worte über die Macht der Erziehung, die nicht nur den Leuten von Ibenheim, sondern der Menschheit im allgemeinen noch ein Buch mit sieben Siegeln sei … Doch – das war wieder einmal eine der gelehrten Reden des Fräuleins, die das Mädchen Mali nicht ganz verstand. Aber zu denken hatte ihr diese Unterhaltung gegeben, und sie lenkte das Gespräch in der Folgezeit immer wieder einmal darauf zurück; denn der Unterschied zwischen der Blütenfreude des kleinen Jockele und einem angehenden Räuberhauptmann hätte schließlich doch selbst einem Holzhauerverstande eingehen müssen.

Weil es nicht in dem Wesen des Fräuleins lag, so schulmeisterte sie weder an Mali noch an den Kindern herum. Sie ging zwischen diesen drei Menschen einher wie zwischen den vielen, vielen Rosen ihres Gartens, und ließ blühen und ranken nach eigenen Gedanken, bis die Natur einmal sich selber im Wege war. Wie sie des Morgens mit der kleinen blanken Rosenschere durch die Sommerbeete wandelte, so schuf sie mit der klaren Feinfühligkeit des Herzens auch Ordnung in der überschießenden Seligkeit des jungen Lebens. Und die Regel, in die sich dies Leben hineinlief, hieß: der Wille zum Glück.

Nicht weit vom Hause lag eine Sandgrube, die war voll Sonne, und um ihre Säume wob der Sommer blühende Borden. Da standen die Kerzen des Natterkopfs, und an jeder brannte ein Dutzend blauer Flämmlein und leuchteten über die goldene Einsamkeit der Sandhalde. Da war ein Wildrosenbusch, da war purpurner Steinklee – es brachte jeder Monat ein paar Hände voll neuer Blumen, es brachte auch jeder dem Buchwald eine neue Farbe des Kleides, und zuletzt den scharlachenen Königsmantel. Und als das große Rauschen der Wälder gekommen war, fuhr der Wind über den Sandbruch hinweg, und es war, als hätte sich aller Sommersonnenschein in der Kuhle gesammelt.

Das Zinzilein war über diese Wahrnehmung ganz außer sich vor Freude, kletterte hinab in den gelben Trichter und sah zu, wie der Wind droben an den Rändern die bunten Blätter als Kreisel trieb. Er jagte ihrer gleich hundert auf einmal in wirrem Tanze dahin, immer auf dem schmalen Rande – wenn eins davon an den Hang entwischte, durfte es nicht mehr mitspielen; denn in dem Trichter war es still und warm wie an einem schönen Sommertage. Da sagte das Zinzilein: der Sandbruch wäre ihr goldenes Haus; aber die Mali meinte, das Haus hätte ja kein Dach, also wäre es keins. So genau ginge das nicht, sagte wieder das Zinzilein, wurde aber auf einmal schweigsam und patschte mit seinen kleinen Händen die Mauern der Sandburg fester, die sie während der vorigen Tage gebaut hatten. Nach einiger Zeit sagte es: »Mali, es ist ein Loch, und es ist voll Gold – und wenn es kein Haus sein kann, so ist es ein Brunnen; denn ein Brunnen hat auch kein Dach.« – »Aber in einem Brunnen ist Wasser,« wußte die Mali. – »Haha,« lachte das Zinzilein, »in unserem ist etwas viel Feineres – guck nur, es ist ein ganz goldener Brunnen!« Da guckte die Mali und fand das nun wirklich.

Von Stund an hieß der Sandbruch der Goldbrunnen. Zwar – dies Wort hatte zuerst die Tante Veronika ausgesprochen, als sie ihr erzählten, was sie heute miteinander geredet hätten; aber das Zinzilein hatte doch die ganze Sache erfunden. – Der Wildrosenstrauch hatte nun Hagebutten mit schwarzen Mützen, und die Mali lehrte davor das Zinzilein das Lied von dem Männlein, das still und stumm im Walde steht und sein Mäntlein aus lauter Purpur umhat. Der Gesang der Mali war scheußlich, aber das Lied war fein.