Auf dem Weg über den Stern nach Goethes Gartenhause fragte er: »Sie redeten von dem ewigen Tempel – wo ist er?«

»Später, später!« sagte sie. »Jetzt von der klassischen Walpurgisnacht – dies ist die Landschaft! Rechts die Ilm, die Goethe den Peneios nennt; links der Rosenberg oder das Horn, der ihm zum Olymp geworden. Und daß dies Reich in den ›Sand‹ versickert, ist ebenfalls dem Ilmtal entnommen; denn der Platz, in den dies Tal vor Oberweimar hinübermündet, hieß ›der Sand‹ und war ein Exerzierplatz. Sehen Sie – so führt der Dichter selbst alle jene, denen der Geist Flügel gab, zu dem Schatze seines letzten, des wahren Faust! Jetzt verstehen Sie die Landschaft und Sie verstehen die Mahnung:

In des Olympus hohlem Fuß
Lauscht sie (Persephoneia) geheim verbotenem Gruß;
Hier hab' ich einst den Orpheus eingeschwärzt;
Benutz' es besser, frisch! beherzt!

Kann ein Dichter, der der Nachwelt ein Rätsel aufgeben wollte, unverschleierter andeuten, daß er die Handschrift, von der er als von dem ›Hauptgeschäfte‹ redet, in den Fuß dieses Hanges vergrub? Kann er klarer den Weg dazu weisen?«

Jakobus empfand ihre Worte wie liebevolle Umarmungen. Aber der Gedanke an den Reif, den der Herbstmorgen heut über die allzufreudige Hingabe seines Herzens gesprüht hatte, ließ seine Sinne steil und sein Herz lauschend werden, und er fragte aus leisem Zweifel heraus:

»Hat man diese letzte Niederschrift des Faust von Goethes Hand in der Tat nie gesehen?«

»Nie! Und doch ist sie beinahe in jeder Anmerkung seines Tagebuchs aus der Zeit kurz vor seinem Tode erwähnt.« Erika Flucht zitierte aus einem sicheren Gedächtnis alle Stellen dieses Tagebuchs mit den Daten. Sie hatte jede Zeile Goethes geprüft auf das Rätsel, dem sie in ahnender Erleuchtung nachzog.

Da waren sie an die untere Pforte des Gartens gelangt.