Am nächsten Morgen, dem 10. Dezember, überreichte ich meine Beschwerde persönlich dem Kommandanten. Er geriet in heftigste Erregung, ich habe ihn nie so gesehen. Aber die Angst, die Beschwerde weiterzugeben, überwog doch alles anständigere Denken. Er beschwor mich, ich solle ruhig bleiben, die Schuld trage die wahnsinnige Erregung der Franzosen gegen uns. Ich blieb fest, der Comte unterstützte mich. Der Kommandant sagte in größter Erregung: „Le docteur est un homme charmant mais d’un race sale.“ Der Comte übersetzte mir das: Dr. Br. ist ein scharmanter Mann, aber leider eben Deutscher. — Ich hatte mir das Wort, das ich nicht verstand, aber gemerkt, und ließ es mir später richtig übersehen, sale heißt schmutzig. So beleidigte also auch der Kommandant seine Gefangenen, der uns als Gentleman galt.

Der Kommandant lief dann noch einige Male im Zimmer umher. Schließlich blieb er vor mir stehen und sagte: „Besinnen Sie sich 24 Stunden, so lange gebe ich Ihnen Bedenkzeit. Wenn Sie dann auf der Beschwerde bestehen, werde sich sie weiterreichen. Aber ich warne Sie.“ Ich ging, und nach 24 Stunden trat ich wieder vor ihn.

Was wird nun kommen? Vielleicht leugnet M. alles, dann komme ich vors Kriegsgericht wegen Verleumdung, oder 30 Tage Kerker! — Gut! —

Repressalien folgen auf Repressalien, unerträglich fast.

Die Arbeiter und die Soldaten haben durchaus minderwertige Ernährung und weigern sich, hungernd zu arbeiten. Ein Trupp Soldaten wird vom Arbeitsführer zurückgebracht, jeder einzelne hat erklärt, er habe Hunger und fühle sich nicht fähig zur Arbeit. Sie werden vor das Haus des Kommandanten geführt, der droht ihnen, Bericht zu machen und ihren Transport nach Marokko zu beantragen. Aber er fühlt doch, daß es so nicht weitergehen kann, und so verhandelt er mit einigen von ihnen und gibt den Arbeitern Zulage an Brot und sonstiger Nahrung. Wieder wurde eine drohende Gefahr beseitigt. —

Wenn in unserem Zimmer auch keine Infektion aufgetreten ist, so hatten wir doch einen schweren Fall von Blinddarmentzündung, der für uns den immer wiederkehrenden Streit mit dem Lagerarzte auslöste. Marcantoni wird gebeten, den Kranken zu sehen. Er verweigert das: „Herunter soll er kommen, oder oben krepieren.“ Wer nur eine Ahnung von Blinddarmentzündung hat, der kennt auch die Gefahr, welche ein Aufstehen und Gehen mit sich bringt. Die Temperatur steigt und Schüttelfrost tritt auf. Zufällig kommt nachmittags der Kommandant zu uns, nun bitte ich ihn, den Kranken zu sehen, wir ständen machtlos, da uns jede Hilfe verweigert würde. Der Kommandant sagte, wie ein Greis mit den Achseln zuckend, wieder dasselbe: „Ich kann nichts tun. Marcantoni und immer noch Marcantoni! Keiner ist verantwortlich als der.“ Nun aber nahte auch die Aera Marcantoni ihrem Ende und heute war der Vielgeplagte auf Urlaub gefahren, ein junger Arzt vertrat ihn, der ihn bald ersetzen sollte. Das überdachte in diesem Augenblick der gestrenge Kommandant, und er gab mit Genehmigung dieses Arztes die Erlaubnis, das zweietagige Bett abzusägen und den Patienten im Bett herunterzutragen. Der hat sich in wenigen Wochen vom ersten Anfall erholt, und Marcantoni ließ seiner wissenschaftlichen Ader wieder freien Lauf und gab der Krankheit einen anderen Namen. — Aber es ging abwärts mit Marcantoni. Die Schweizer Kommission kam unter Führung des Obersten Marvall. Auf den trat ich im Beisein Marcantonis zu, Dr. Heller auch, und nun berichteten wir von diesem Manne, der sich seines Standes unwert gezeigt, als Arzt und als Offizier. Wir wurden erregter und erregter, Marcantoni sah hämisch drein, er konnte nicht Deutsch, aber er fühlte jedes Wort, und unsere Augen wandten sich immer wieder zeigend gegen ihn, und der Oberst hörte zu und machte Notizen. Als ich auf das unerhörte Vorgehen Marcantonis gegen mich kam, wandte sich der Oberst zu mir: „Ah, Sie sind Doktor Brausewetter?“ Als ich bejahte, sagte er: „Nun, dieser Vorfall ist schon dem Roten Kreuz genau zur Vorlage gekommen; aber bitte, berichten Sie darüber noch einmal ausführlich.“ Einige Male unterbrach er: „Wurden Sie mit Gewalt bedroht?“ Ich bejahte, er notierte. Wir wollen hiermit die Tragödie Marcantoni beschließen, auch Patroklus-Maurer ist gestorben! Marcantoni verschwand bald von der Bildfläche, man hat ihn nicht wieder gesehen. Nach Berichten hat er die Uniform ausziehen müssen und ist zu 30 Tagen Gefängnis verurteilt. Jedes weitere Wort über diesen psychologischen Jago wäre zuviel. — Ob wir dafür Herrn Obersten Marvall zu danken hatten, weiß ich nicht. Marcantoni war zum Fällen reif gewesen, und ich weiß auch, wer in der Schweiz so energisch für mich und gegen diesen Partei ergriffen.

Mit dem neuen Kommandanten, den wir als Ersatz des Herrn Teissier in Herrn Pleit, erhielten, sahen wir das Aufgehen gerechterer Tage, und es schien wirklich so, aber der Herr blieb nur kurze Zeit bei uns, wir haben es bedauert. — — —

Fünf unserer Mitgefangenen sind entflohen.

Sie haben am Strande ein Boot genommen, das sie eingerichtet haben. Zwei Nächte noch mußten sie auf der Insel kampieren, während sie am Tage segelten, am dritten Tage kamen sie nach Sardinien, wo sie gut aufgenommen und nach Rom befördert wurden. Dort nahm die deutsche Botschaft sie in Empfang und versorgte sie zur Weiterfahrt. Die Glücklichen! Sie haben Mut bewiesen und ihr Glück verdient. — Daß wir darunter litten, war klar. Wieder wurde verschärft, was noch zu verschärfen war. Ein neues Mittel wurde erfunden. Sämtliche Ausgänge wurden mit Gefangenen als Posten besetzt, das war ein ergötzliches Bild und führte zu ergötzlichen Szenen. Marder, welcher an dem Tore, das zu den Ställen führte, Wache hatte, waltete streng seines Amtes. Ein Franzose hatte einen Gefangenen beauftragt, ihm etwas von dort zu besorgen, Marder ließ ihn nicht durch. Nun kam der Franzose selber und forderte den Durchgang für den Beauftragten, worauf M. ihm kühl erwiderte: „Sie dürfen durch das Tor und sich alles besorgen, der Gefangene darf nicht durch. So ist mein Auftrag.“ Ein „sale boche!“ fluchend, mußte der sich nun selber bemühen. Gleich darauf wurde Marder seines Amtes, das er zu genau verwaltet hatte, entsetzt. Man kann es den Herren nie recht machen. — —

In diese Zeit fällt der Entscheid über meine von allen Seiten unterstützte Eingabe um Freilassung. Und nun muß ich noch einmal, trotz meines Schwures, den Namen des widerlichen Mannes erwähnen. Die französische Regierung schrieb an die amerikanische und spanische Botschaft, daß sie gern meine Freilassung verfügt hätte, besonders da eine so hohe Dame, wie die Infantin Beatriz von Spanien, sich darum bemüht habe, daß dies jedoch unmöglich geworden sei durch das Attest des Arztes. Dr. Brausewetter sei „en parfait état de sante“, wie eine „enquête minutieuse“ ergeben, und „mobilisable“. Das war die Rache Marcantonis gewesen. Ich war ja so vieles gewöhnt worden, aber um meine Frau war mir’s leid. Die hatte so tapfer gekämpft, und nun diese Enttäuschung!