59. Die gegenwärtigen Industriezweige im oberen Erzgebirge.
Im 16. Jahrhunderte verpflanzten ausgewanderte Schweizer die Musselin- und Schleierweberei nach dem Vogtlande und dem daranliegenden Erzgebirge. Nach den Drangsalen des Dreißigjährigen Krieges vermehrte sich die Bevölkerung hier eher wieder, als in anderen, weit besser gelegenen Landschaften. Wesentlich trug dazu die Einwanderung von böhmischen Protestanten bei, welche, ihres Glaubens wegen aus der Heimat vertrieben, sich in den verödeten erzgebirgischen Orten ansiedelten und neuen Unternehmungsgeist und neue Arbeitskraft mitbrachten. Während in anderen Bezirken damals manches zerstörte Dorf als Wüstung liegen blieb, entstand im Erzgebirge sogar eine neue Stadt, Johanngeorgenstadt; denn dieses ist nur wenige Jahre nach dem Westfälischen Friedensschlusse, im Jahre 1654, von böhmischen Vertriebenen angelegt worden.
Doch half auch zur Hebung des Gebirges, daß in den nächsten Jahrzehnten neue Erwerbszweige aufkamen. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde Chemnitz und Umgegend der Sitz einer bedeutenden Baumwoll-Industrie, der sich später die Wollindustrie anschloß. Der damalige Faden war Handgespinst, und es mußten Tausende von Leuten sich rühren, um den Bedarf an Garn zu decken. Später fertigte man den Faden auf Handmaschinen, von denen jede 10–30 Spulen zählte. Noch zu Anfange unseres Jahrhunderts gab es 18 000 Menschen, welche auf solche Art Baumwolle spannen. – Zu der Spinnerei gesellte sich die Weberei und Strumpfwirkerei. Vor dem Dreißigjährigen Kriege hatte in Chemnitz außer der Leinweberei die von Niederländern eingebürgerte Tuchmacherei geblüht. Nunmehr wandte man sich mit Erfolg der Baumwollweberei zu und fertigte anfangs 1717 Barchent und dann 1725 Musseline und Kattune und allerlei bunte Waren. Fünfzig Jahre nach dem Betreten der neuen Bahn mögen in und um Chemnitz 2000 Handstühle in Thätigkeit gewesen sein. Die Strumpfwirkerei war in Chemnitz schon 1728 eingeführt worden. Sie gewann aber erst große Bedeutung, als es dem Kaufmann Esche in Limbach 1776 gelungen war, mit Hilfe zweier geschickter Arbeiter den von dem Engländer Lee erfundenen Strumpfwirkerstuhl nachzubauen.
Auch das erzgebirgische Frauengewerbe erhielt im Laufe des 18. Jahrhunderts eine Zugabe. Die aus Bialystock gebürtige Klara Angermann, welche sich mit dem Förster Nollain in Eibenstock vermählte, hatte in einem polnischen Kloster das Tambourieren oder Sticken mit einer Häkelnadel gelernt und verpflanzte es 1775 nach Eibenstock.
Rechnet man zu dem allen, daß der Bergbau durch die 1765 in Freiberg errichtete Bergakademie zur Wissenschaft erhoben wurde und man nun im stande war, einen größeren »Teufen« abzubauen und minder edle Erze zu verhütten, so wird man begreifen, daß schon im verflossenen Jahrhunderte das Erzgebirge ein Hauptindustriegebiet für Sachsen, ja für ganz Deutschland wurde. Dabei ist jedoch anzuerkennen, daß die Großindustrie erst seit Anwendung der Maschinen und der Einführung des fabrikmäßigen kaufmännischen Betriebes entstanden ist. Der Gebrauch der Spinnmaschine, die 1775 durch Richard Arkwright in England verbessert wurde, die Anwendung des Jacquard- und des Kraft- oder mechanischen Webstuhles wirkten entscheidend. Trotzdem daß die Handspinnmaschinen in die Rumpelkammer verwiesen, das Weberschifflein der Hand des Arbeiters entzogen und der gewöhnliche Strumpfwirkerstuhl auf gewisse Arbeiten beschränkt wurde, so wuchs die Erzeugung von Waren doch ungemein und wurden überhaupt viel mehr Leute beschäftigt denn früher.
Auch bei der Klöppelei und Stickerei traten Maschinen auf, so die 1809 von Heathcoat in Nottingham erfundene und rasch vervollkommnete Bobbinetmaschine, welche einfache Spitzen sehr billig herstellt, und ferner die von den Schweizern aufgebrachte Stickmaschine, welche 200–500 Nadeln durch einen Hebeldruck in Bewegung setzt und darum nicht zu verwickelte Muster um einen geringen Preis liefert. Beide Maschinen machten der Frauenarbeit gefährlichen Wettbewerb, drückten die Löhne herab und drohten, der weiblichen Hand, welche früher das Spinnrad und neuerdings durch die Strick- und Nähmaschine fast das Strick- und Nähzeug verloren hat, auch den Klöppel und die Sticknadel zu entwinden. Aber durch den Übergang zu künstlicheren Mustern und die Verbindung von Maschinen- und Handarbeit ist es ihr dennoch gelungen, sich neben und mit den Maschinen zu behaupten.
Im Sehmathale herrscht die Posamentenerzeugung als Hausindustrie und zieht sich in starkbevölkerten Dörfern über Annaberg und Buchholz bis zu dem Fichtelberge hinauf, an dessen Fuße die vier Städtlein Wiesenthal liegen. Die Mannigfaltigkeit der Posamentenerzeugung läßt sich nur andeuten; alles, was Kleiderbesatz und Garnitur heißt, Ornamente, Knopf, Borte, Franse, Quaste, Schnur, wird gewirkt und geschlungen, gedreht und genäht. Geht das Geschäft flott, wie 1844–1849, in den 60er Jahren, auch in den ersten 70er Jahren noch, dann sind Tausende von Posamentierstühlen, Hunderte von Mühlstühlen und Chenillemaschinen im Gange. Im Jahre 1863 hat ein Annaberger Geschäft für 600 000 Mark umgesetzt. Die Jahresausfuhr nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika, welches ein Konsulat in Annaberg unterhält, beträgt ungefähr 5½ Mill. Mark. Annaberg hat über 100, Buchholz 30 Posamenten- und Spitzenhandlungen, Buchholz 100 Posamentenfabrikanten und Verleger. In Annaberg wohnen über 600, in Buchholz über 450 Posamentierer. In beiden Städten giebt es zusammen 20 Schnurenfabriken. Besonders merkwürdige Erzeugnisse sind Gold- und Silberspitzen in Annaberg und Kleinrückerswalde, sowie gedrehte und geklöppelte Theater- und Uniformschnüre. Je nach der herrschenden Mode werden fast auf dem ganzen Gebirge durch Frauen- und Kinderhände Zwirn-, Woll- und Seidenspitzen geklöppelt. Der Verdienst der Klöpplerinnen ist sehr gering, dennoch mögen manchmal im Annaberg-Buchholzer Arbeitsbezirke 20 000 Klöppelkissen in Thätigkeit gewesen sein. Neue Geschäftszweige, welche bei gänzlichen Modeveränderungen und umfänglichen Geschäftsstockungen allgemeine Notstände nicht mehr aufkommen lassen, sind beispielsweise in Buchholz durch 8 Kartonnagenfabriken und 6 Prägeanstalten vertreten. Da werden Pappkartons, von den einfachsten Apothekerschächtelchen bis zu den feinsten Bonbonnieren und Ostereiern, mit kostbaren Stickereien und Gemälden, Holzkästen, von den billigsten Sparbüchsen und Federkästchen bis zu den schönsten Schreibschatullen, Zigarren- und Nähkästen hergestellt. Die Prägeanstalten liefern aus Gold- und Silberpapier Sargverzierungen, welche das letzte Haus der Sterblichen mit Randschmuck und sinnigen Bildern und Inschriften bedecken und in teueren Formen besonders in Österreich, Ungarn, Spanien und Südamerika beliebt sind, und fertigen aus Silber- und Papierkanevas tausenderlei Unterlagen zu Stickereien, von den Buch- und Lesezeichen an bis zu Lampen-Tellern und -Schirmen, Papierlaternen, Puppenstubenmöbeln und dergleichen. Sie bringen »papierne Zinnsoldaten«, unter dem Christbaume aufzustellende »Krippen«, »Christgeburten«, Jagden u. a. in den Handel. Holzbildhauerwerkstätten liefern Schrankgesimse und Leisten, Sargfüße und Flaschenpfropfen und dergleichen. – Andere Geschäfte versenden Kränze von Moos und trockenen Blumen, andere wieder Sträuße, Borten und Kartons, Papier-Manschetten und -Spitzen. Auf eigenartigen Stühlen werden Perlengewebe, Sessel, Kissen, Ofenschirme und Fußbänke angefertigt, ein Ersatz kostspieliger Stickereien.
In der ganzen Umgegend von Annaberg und Buchholz ist denn auch die Landwirtschaft von untergeordneter, die Industrie von weit überwiegender Bedeutung. Ja, bezeichnend genug für die späte und doch so schnelle Entwickelung des Obererzgebirges ist es, daß man auf der alten Poststraße, ohne mehr als zwei Dörfer zu berühren, zwölf Städte besuchen kann: Annaberg, Buchholz, Schlettau, Scheibenberg, Elterlein, Zwönitz, Geyer, Thum, Ehrenfriedersdorf (Stadt), Wolkenstein, Marienberg, Zöblitz.
Nach Prof. Berlet und Dr. Manke.