5. 1429 zog Prokopius mit 300 der edelsten Hussiten aus der Lausitz nach Basel zu einem Friedensversuche. Unangefochten zog dabei der Furchtbare, vor dem die Kinder auf der Gasse davonliefen, über Dresden und Freiberg durch Oederan. Einer von seinem Gefolge, Bodowin von Horomirz wird er genannt, kam zwei Tage nachher ganz allein durch Oederan. Da wurde er sogleich von den Oederanern ergriffen, hinaus an das Weichbild an der Nossener Straße geschleppt, lebendig gespießt und ihm ein silberner Helm oben auf den Pfahl genagelt, an dem der Unglückliche verblutete. Weithin schimmerte in der Sonne diese Silberkappe, an der sich niemand zu vergreifen wagte. Erst zur Zeit der Reformation verschwand sie zugleich mit dem daneben errichteten Heiligenbilde.
6. Zur Zeit der Hussitenkriege zogen die Scharen des gefürchteten Ziska, nachdem sie die Stadt Komotau in Asche gelegt hatten, auch auf die Stadt Görkau und das Schloß Rotenhaus los, um unter den dortigen katholischen Bewohnern ebenfalls mit Blut und Mord aufzuräumen. Es war am Schutzengelfeste, als sie durch einen äußerst dichten Nebel auf ihrem Zuge dahin aufgehalten wurden und sich erst dann wieder in Bewegung setzten, als sie ein aus der Ferne herschallendes Hahnengeschrei vernahmen, welchem sie irre führte. Sie gelangten in die Gegend östlich von der Stadt und kehrten nicht zurück. Zur Erinnerung an diese wunderbare Errettung ließen die Bewohner von Görkau ein Kreuz anfertigen und auf dem Friedhofe aufstellen. Jetzt steht es an der Straße von Udwitz nach Görkau und bei ihm eine Linde.
7. Auf dem Schlosse Hartenberg lebte im Hussitenkriege eine schöne, achtzehnjährige Jungfrau. Der mutterlosen Waise entriß auch das Schwert eines wütenden Hussiten den Vater. Der noch vorhandene Anverwandte, Jodok von Pichlberg, war eifriger Kelchdiener und wollte sie, als sie ihn um Schutz anflehte, zum Übertritt bewegen. Sie wollte die Lehren ihrer Mutter nicht abschwören und vertraute Gott, dem Beschützer ihres Glaubens. Sie versah die Burg mit Lebensmitteln, ließ Mauern, Streittürme und Befestigungen ausbessern und Schießpulver herbeischaffen. – In einer finstern Nacht rötete sich der Himmel von mächtigen Feuersäulen, die aus den benachbarten, von den Hussiten in Brand gesteckten Dörfern emporstiegen. Bald begehrte ein Hussitenschwarm mit drohend grimmigen Worten Einlaß und Übergabe. Auf die Verweigerung aber schrien hundert Stimmen schimpfend nach Sturm, Pfeilen und Pechkränzen. Zdenka von Hartenberg ließ die Feuerschlünde donnern; Steinregen fiel auf die Stürmenden; heißes Pech troff auf sie herab. Da wiederholter Sturm nichts nützte, sollte die Burg ausgehungert werden. Bald trat Nahrungsmangel ein; denn das verzagte Landvolk, welches eine gegen die Wasserseite ausgesteckte Notfahne herbeirufen sollte, hatte die Gegend verlassen. In höchster Not ging die Jungfrau in die Burgkapelle und stärkte sich im Gebete. Das letzte Rehviertel wurde vors Thor geworfen, und durch Hornrufe wurden die Belagerer ins Schloß gelockt. Man wollte bei freiem Abzuge die Burg ergeben. Als die Brücke niederrasselte, zogen sechzehn alte, bleiche Männer mit der alten Wärterin ab, und der Hussitenführer stürzte herein mit seinen Horden. An einer Halle blieben sie stehen; denn in einem Gemache stand Zdenka in bräutlichem Schmucke mit lodernder Fackel neben einem Pulverfasse. Sie wollte die Burg in die Luft sprengen, um nicht den Feinden in die Hände zu fallen. Da wälzte sich ein brausendes Getöse gegen die Burg heran. Ein Haufen bewaffneten Landvolkes eilte zum Entsatze herbei und überwältigte die Feinde. Gott dankend, sank Zdenka auf die Knie.
8. In einem Gange des ehemaligen Benediktinerklosters zu Chemnitz befand sich ein hölzernes Christusbild mit einem krummen oder schiefen Munde. Da nun die Hussiten in das Kloster einfielen und alles darin verwüsteten, soll einer von ihnen das Bild verspottet haben. Von Stund' an hatte derselbe nun einen solchen Mund und ist stumm geworden.
Nach Chr. Lehmann, Dr. Spieß, Dr. Köhler.
c.
Wüste Marken im Obererzgebirge aus der Zeit der Hussitenkriege.
1. Mancher Ort ist durch die Hussiten zerstört worden, und nur noch wüste Marken erinnern an sein einstiges Vorhandensein. Wo jetzt das Dorf Waschleite bei Schwarzenberg liegt, hat ehedem das Dorf Gleßberg am Fuße des Gleßberges oder des Schatzensteines gestanden. Es erstreckte sich am oberen Teile des Oswaldbaches hin. Die Hussiten haben es zerstört. Auf einem Teile der Gleßberger Fluren entstand das jetzige Dorf Waschleite. Seinen Ursprung und Namen hat es von den Erzwäschereien genommen, welche der reiche Hammerherr Kaspar Klinger 1500 nebst einer Schmelzhütte am Oswaldbache anlegte.
2. Vor der Gründung von Neudorf an der Sehma, das mitten im Walde aus Holzarbeiter-, Köhler- und Flößerhütten entstand, soll in seiner Nähe nach Crottendorf zu ein Dorf mit Namen Kraxdorf oder Kraftsdorf gestanden haben, wovon früher, und zwar auf dem westlich im Walde gelegenen Morgenberge, noch Mauerreste, alte Schlösser und Schlüssel gefunden wurden.
In einem kleinen Thale, welches Neudorf oberhalb der Kirche von West nach Ost durchschneidet, hat man beim Wegräumen von Teichdämmen auf dem Grunde derselben berußte Steine gefunden, die ihre Schwärze sehr wahrscheinlich einst von einem Feuerherde erhalten hatten.
3. Unweit der Stadt Zöblitz, an den Ufern der Pockau, liegen die Ruinen der alten Burgen Ober- und Niederlauterstein. Die Burg Oberlauterstein, welche eine Viertelstunde westlich von Zöblitz über dem rechten Pockauufer auf einer felsigen Bergecke liegt, wurde im Jahre 1430 von den Hussiten, die eben von der Verwüstung der Schneeberger Bergwerke herkamen, geschleift. Das Schloß Niederlauterstein, das nur einige Minuten unterhalb davon am linken Pockauufer liegt, erhielt sich über 20 Jahre länger. Vieles erzählt man sich von den früheren Besitzern desselben, den Herren von Berbisdorf, deren einer 1520 bei einem Brande des Schlosses auf schreckliche Weise sein Leben verlor. Es war Georg von Berbisdorf, ein gebrechlicher Greis von 90 Jahren. Um ihn vom Flammentode zu retten, wollte man ihn, in Tücher gewickelt, zu einem Fenster herablassen; allein die in Eile nicht festgeknüpften Knoten lösten sich und der unglückliche Alte wurde an den Felsen zerschmettert. 1559 kaufte Kurfürst August das Schloß von Kaspar von Berbisdorf und bestimmte es zum Sitze eines Amtes. Im dreißigjährigen Kriege wurde es zerstört.