Filios Curt abripiebat Saxonis: Ergo
Redditionem hoc aes Christiparae memorat.

und unten:

Aufugiente Ducum plagiario rupta, sed Almi
Ensiferi sumtu sum reparata Patris.
A. MCCCCLVI.

Blüher hat beide Distichen in folgender Übersetzung wiedergegeben:

Kurt entführte die fürstlichen Prinzen, die himmlische Jungfrau –
Diese Glocke bezeugt's – gab sie uns gnädig zurück.
Ob des fliehenden Räubers der Prinzen laut stürmend zersprang ich,
Doch aus fürstlichem Schatz ward ich wieder verjüngt.

Im Jahre 1580 besichtigte Herzog Albrecht die Prinzenglocke. Sie wurde nach der Zerstörung der St. Niklaskirche im Turme der Lorenzkirche aufgehängt. Die Freude über die schöne Glocke ist nicht von langer Dauer gewesen, schon 1535 ist sie abermals zersprungen. Der Umguß der neuen großen Glocke hat im Jahre 1539 stattgefunden, ob mit Beisteuer Heinrichs des Frommen, wie vermutet wird, ist nicht erwiesen, er geschah jedoch unzweifelhaft in der berühmten Hilligerschen Gießhütte in Freiberg. Die große Glocke ist 1,60 m hoch, ihr Durchmesser beträgt 1,80 m, ihr Ton gilt allgemein als ausgezeichnet. In dem breiten Laubwerkfries, das sie umgiebt, sind kleine Medaillons angebracht, die Karl V., Ferdinand I. nebst Gemahlinnen etc. darstellen. Vorzüglich gelungen ist das Rundbildnis Heinrichs des Frommen, wovon wir auf der Bildertafel eine Abbildung bringen. Außerdem ist noch der Bibelspruch Johannes 3: Also hat Gott die Welt etc. und die Jahreszahl 1539 auf der Glocke angebracht. Die Angaben über die Schwere der Glocke sind schwankend, ein Glockengießer versicherte mir, daß sie über 100 Zentner wiegen müsse. Sei dem, wie ihm wolle, die Geyersche Gemeinde hängt mit großer Liebe an ihrer Glocke. Dies zeigte sich besonders im Jahre 1839, als die dreihundertjährige Geburtstagsfeier derselben feierlich begangen wurde. Und noch heute ruft der eherne Mund der großen Prinzenglocke die Gemeinde zum Gotteshause und begleitet mit ihrem Schwunge des Lebens wechselvolle Stunden!

Hermann Lungwitz.

3. Hieronymus Lotter.

Von den Bildern, welche die Brüstung der Empore der St. Annenkirche in Annaberg zieren, trug das 28. Bild, Kains Brudermord darstellend, die Inschrift der Stifter »Michael Lotter und Barbara, dessen Ehefrau«. Dies waren die Eltern des berühmten kurfürstlichen Baumeisters Hieronymus Lotter. Michael Lotter war mit seiner Familie 1509 von Nürnberg nach dem rasch emporblühenden Annaberg eingewandert und hatte es hier durch seine Rührigkeit zu Ansehen und Wohlstand gebracht, sodaß ihm seine Mitbürger das Amt eines Bürgermeisters übertrugen. Sein Sohn Hieronymus hatte sich dem Baufach gewidmet und Leipzig als Schauplatz seiner Thätigkeit gewählt. Hier baute er das Kornhaus auf dem Brühl, das Badstubenhaus am Ranstädter Thor, erhöhte den Nikolaikirchturm und versah ihn mit einer Wächterwohnung, brach das alte Rathaus ab und vollendete den Neubau bis zur Bewohnbarkeit innerhalb 9 Monaten. Fremde Kaufleute, die zur Ostermesse den Anfang des Neubaues mit angesehen hatten, waren, als sie zur Michaelismesse wiederkehrten, »mit Verwunderung über so unverhofften Fortgang fast erstarret«. Kurfürst Moritz übertrug dem Baumeister Lotter, die Pleißenburg als Schloß und Festungsbau neu herzustellen. Sein Nachfolger, Kurfürst Vater August, ehrte seinen Baumeister auch dadurch, daß er, so oft er in Leipzig allein oder in Begleitung seiner Gemahlin erschien, in Lotters Behausung abstieg. Die Leipziger Bürger wählten den hervorragenden Baumeister zu ihrem Bürgermeister.

Mit dem Jahre 1560 finden wir Hieronymus Lotter in der Bergstadt Geyer. Er kaufte den Preußerhof, einen mit »Gerichten über Hals und Hand« versehenen Freihof. Der Freihof stand an der Stelle, an welcher sich die frühere Bürgerschule, die jetzige Posamentenfabrik des Herrn Hermann Dietzsch, befindet. Später erwarb Lotter das Rittergut Geyersberg mit etlichen nahestehenden Bürgerhäusern, die er zum Teil abtrug, als er sein Wohnhaus von Grund aus neu aufführte. Dieses Wohnhaus steht heute noch und befindet sich im Besitz des Herrn C. M. Schürer. Überhaupt begann mit Lotter in Geyer ein neues Leben. Durch seine Kunstfertigkeit zur Baulust angeregt, ließ der Rat die beiden damals vorhandenen Brauhäuser und den Rathausturm neu herstellen, den Wachtturm mit einer Türmerwohnung und mit Glocken versehen. Letztere waren besonders dazu bestimmt, die Bergleute nach achtstündiger Schicht zum Gebet und zur Arbeit zu rufen. Lotter unterhielt allein 300 Bergleute; denn er besaß den größten Teil des Geyerschen Zinnbergbaues nebst 8 Pochwerken, die teils in der Stadt, teils am Greifenbache lagen.