42. Das Obererzgebirge im Schmalkaldischen Kriege.

a.
Der Kriegsschauplatz im Obererzgebirge.

Als der Schmalkaldische Bund siegreich gegen Kaiser Karl V. zog, fiel Herzog Moritz in das Kurfürstentum Sachsen ein. Da trennte sich am 23. November 1546 Kurfürst Johann Friedrich von seinen Bundesgenossen, um sein eigenes Land wiederzuerobern. Nachdem er Leipzig vom 9. bis 27. Januar 1547 vergeblich belagert hatte, zog er mit seinem Hauptheere in die Gegend von Borna und Altenburg. Von da aus entsendete er einzelne Truppenabteilungen gegen die von Moritz besetzten Landesteile und Städte, sowohl des herzoglichen als aus kurfürstlichen Gebietes. Es gewannen Mitte Mai seine Heerhaufen die Bergstädte Annaberg, Marienberg und einige andere Orte dieser Gegend und drangen bis Joachimsthal vor.

In dem Schmalkaldischen Kriege scheint die Stadt Geyer durch ihre Doppelstellung zu dem albertinischen und ernestinischen Hause, die auch in betreff des Bergbaues Schwierigkeiten machte, wenigstens auf kurze Zeit in eine gefährliche Lage gekommen zu sein. Der Kurfürst Johann Friedrich war im Anfang März 1547 mit seinem Heere gegen Rochlitz aufgebrochen und hatte hier den Markgrafen Albrecht von Brandenburg-Kulmbach, damals des Herzogs Moritz Verbündeten, in einem Treffen geschlagen. Während Moritz und August auf Dresden zurückgingen, wandte sich der Kurfürst gegen das erzgebirgische Oberland und nahm hier eine Stadt nach der andern, ohne aber seine glücklichen Erfolge thatkräftig genug auszubeuten. In dieser für das albertinische Haus gefahrvollen Zeit schrieb am 29. März Katharina, die Witwe des Herzogs Heinrich, die sich gleichfalls nach Dresden geflüchtet hatte, an ihre erzgebirgischen Städte Geyer, Ehrenfriedersdorf, Wolkenstein und warnte dieselben ernstlich, daß sie sich nicht wider ihre Landesherren Moritz und August durch den Kurfürsten Johann Friedrich gebrauchen lassen sollten, von dessen Kriegsvolk sie vor etlichen Tagen überzogen worden seien.

Nach Dr. Spieß und Dr. Falke.

b.
Kriegsdrangsale in Zwickau.

Daß sich dieser Krieg, dessen Fäden beim Ausbruch in der Hauptsache nach Süddeutschland führten, im weiteren Verlaufe nach Sachsen spielen und dort zur Entscheidung kommen würde, hatte wohl niemand, die beteiligten Führer nicht ausgenommen, geahnt. Auch unser Erzgebirge mußte manche Sturzwelle desselben über sich ergehen sehen. Ganz besonders hatte die Stadt Zwickau zu leiden. Diese galt in der damaligen Zeit für eine ziemlich bedeutende Festung und wurde als Schlüssel zum Vogtland und zur böhmischen Grenze angesehen. Ihre Bürger waren gut kurfürstlich gesinnt. Ferdinand von Böhmen, der Bruder des Kaisers, sollte zunächst die böhmischen Lehen des Kurfürsten Johann Friedrich einnehmen und dann dem kaiserlichen Bundesgenossen Herzog Moritz von Sachsen bei der Einnahme Zwickaus Hilfe leisten. Die Zwickauer hatten schon im Sommer ihre Stadt gerüstet; durch den kurfürstlichen Obristen Thumshirn waren Adelige, Bürger und Bauern der Gegend gemustert worden. Die großen Geschütze der Stadt wurden auf dem Anger vor der Stadtmauer versucht. Der Kurfürst schickte den Zwickauern 1000 Scheffel Korn zur Versorgung für eine voraussichtliche Belagerung. Die Besatzung bestand aus 7 Fähnlein Knechten, die sich aus einem Fähnlein wirklichem Kriegsvolk und 6 Fähnlein Bauern zusammensetzten. Die wohlgerüsteten Bürger sahen kampfesmutig der Gefahr entgegen. Herzog Johann Wilhelm, der Sohn des Kurfürsten, wurde um Hilfe angegangen, leider vergeblich. Er tröstete die Bittenden in einem Schreiben mit den Worten, Gott werde den boshaften Anschlägen wehren. Unterdessen zeigten sich die ersten Feinde im Erzgebirge. Die Bergwerke von Platten und Gottesgab wurden durch wilde Horden böhmischen Kriegsvolkes heimgesucht. Am 23. Oktober 1546 tauchten dort die gefürchteten und berüchtigten Husaren, vom Volke Hussern genannt, auf. Schrecken ging ihrem Erscheinen voraus, Schrecken verbreiteten sie allenthalben, wo sie sich zeigten. Es waren aber zumeist kroatische, walachische und polnische Grenzer. Leicht und ungerüstet saßen sie zu Roß, nur mit Spieß und Tartsche, einem kleinen Schilde, bewaffnet. Dem deutschen Landsknechte war nach Schilderungen der damaligen Zeit dieses wüste Raubgesindel in seinen viehischen Gelüsten über. Wie mögen die armen Gebirgler unter solchen Barbaren gelitten haben! Von diesen aus dem Gebirge anrückenden Truppen Ferdinands erging die erste Aufforderung an die Zwickauer, sich zu ergeben, wurde aber abgewiesen. Da nahte Herzog Moritz. Er hatte Dresden mit nur wenigen Reitern verlassen und eilte nach Annaberg. Dorthin rief er seine 9 Fähnlein Fußvolk, die während des Sommers in Chemnitz Quartier genommen hatten. Auf dem Zuge nach Lößnitz verstärkten sich diese so, daß Moritz vor Zwickau mit 12 Fähnlein Knechten und 600 Reitern ankam. Dort gedachte er sich mit den Böhmen zu vereinigen, die über Eger in das Vogtland eingefallen waren und dort unterdessen greulich hausten. Am 2. November ließ Moritz die Zwickauer zur Ergebung auffordern. Die Besatzung befand sich in verzweifelter Lage. Bei Adorf waren bereits sechs Stück der Stadt Zwickau gehörige Büchsen unter dem Hauptmann Erhard Zölchner verloren gegangen. Moritz stand wohlgerüstet vor den Thoren, und die Böhmen und Hussern rückten aus dem Vogtlande an. Der Kurfürst schickte Trostbriefe, aber die ersehnte Hilfe blieb aus. Dennoch dachten die Bürger nicht an Unterwerfung. Die Stadt wurde gegen ihren Willen durch die Befehlshaber Dolzig und Planitz übergeben. Am 6. November überreichte eine Abordnung von Ratsherren die Schlüssel der Stadt an Moritz, am 8. leisteten ihm die Bürger auf dem Kaufhause die Zwangshuldigung. Die Bauern verließen die Stadt, die kurfürstliche Besatzung erhielt dem Vertrage gemäß freien Abzug, sie rückte mit fliegenden Fahnen nach Wittenberg.

Moritz zog am andern Tage über Altenburg in nördlicher Richtung weiter, auf seinem Zuge die Zwangshuldigung der Werdauer und Crimmitschauer empfangend. Für die Bergstädte trat nun in gewissem Sinne Ruhe ein, abgesehen von den Reibungen, die fortgesetzt zwischen der evangelischen Bevölkerung und der katholischen Besatzung stattfanden; die Städte des Herzogs Moritz machten hierin keine Ausnahme, weil der Herzog allgemein als Judas an der guten lutherischen Sache angesehen wurde.

Unterdessen war der Kurfürst aus Süddeutschland über Naumburg, Jena, Weimar, Langensalza und Halle gekommen und hatte im Sturme seine verlorenen Städte wiedergenommen. Moritz geriet in Not. Seine einzige Hoffnung beruhte auf den festen Punkten Leipzig, Dresden, Freiberg und Zwickau, welche er noch in den Händen hatte. Aber von Zwickau trafen täglich Nachrichten ein, wie der gemeine Mann gegen die Besatzung »ganz seltsam und aufwägig« sei und durchaus dem alten Herrn anhinge. Der Annaberger Stadthauptmann schickte einige hundert Knechte für Moritz nach Zwickau, die Zwickauer weigerten sich, diese einzulassen. Der Stadtoberst Wolf von Ende sandte eine Klage über die andere an Moritz, bis dieser selbst in der Nacht zum 15. Januar 1547 über Freiberg und Chemnitz in Zwickau ankam.

Er besichtigte die Befestigungen, legte noch ein Fähnlein Hakenschützen und ein Geschwader Reiter in die Stadt und zwang die Bürger, ihm und dem Böhmenkönig noch einmal zu huldigen. Da traf die Nachricht ein, der Kurfürst, welcher 21 Tage vor Leipzig gelegen hatte, wolle in das Gebirge rücken. In seiner Bedrängnis befahl Moritz, das Landvolk solle sich in Dresden, Annaberg und Freiberg in seiner besten Wehr sammeln und für einen Monat Versorgung mitbringen. Die Gebirgler waren zumeist durch die Geistlichen gegen Moritz gestimmt und stellten sich nur in geringer Zahl. Anfang Februar waren 5 Fähnlein böhmischer Knechte nach Freiberg gekommen, um nach kurzer Rast weiterzuziehen, blieben aber liegen, weil sie ihren Sold, den die Offiziere in Dresden verspielt hatten, nicht bekamen. Natürlich mußten darunter die Freiberger bitter leiden. Zwischen den Berghäuern und Soldknechten kam es dort zu Thätlichkeiten, die selten unblutig abliefen. Als wenige Wochen darauf die Freiberger Besatzung gemustert wurde, waren nicht weniger als 150 Knechte entlaufen.