Das Elend der in die Wälder Geflüchteten war, wenn größere feindliche Scharen ihren Aufenthalt ausgespürt hatten, überaus schrecklich. Im Walde wurden Betstunden und Predigten von den Priestern gehalten, auf Baumstümpfen die unter so traurigen Umständen geborenen Kinder getauft; sogar Eheschließungen fanden statt. 1639 ist am 8. April im Walde bei Cranzahl, wo sich auch Wölfe und Bären so mehrten, daß sie in Rudeln von 10 bis 20 den Soldaten nachliefen, um die Überreste vom geschlachteten Vieh zu verschlingen, in dieser rauhen Jahreszeit ein Kind getauft worden. Ähnliches wird auch von andern Gegenden berichtet. Als die Bewohner von Rabenau in die nahen Waldungen flüchteten, hielten sie auch Gottesdienste im Freien ab. Es heißt der Felsen, von dem herab die Pfarrer predigten, noch jetzt der Predigtstuhl oder die Kanzel. Im Gebirge hörte alle Gerechtigkeit, Andacht auf, und aller Gottesdienst verfiel. In Scheibenberg ist in 10 Wochen keine Beichte gewesen. Auch sind wenig Predigten verrichtet worden wegen der Unsicherheit vor den Feinden. Alles Volk hatte sich verlaufen.

Ebenso wurde für die leiblichen Bedürfnisse gesorgt, so gut es ging. Wie als Taufsteine, so mußten die Baumstöcke auch als Verkaufstische für Fleischer und Brotträger dienen. Der Markt mit den Nahrungsmitteln fand also im Walde statt.

Der Scheibenberger Pfarrer Chr. Lehmann erzählt sehr eingehend von den Drangsalen des Krieges. Er sagt unter anderem: »Ich habe mit meinen Augen gesehen, daß im Jahre 1640, da die Schweden die Gottesgaber Wälder plünderten, einem vermögenden Handelsmanne nachjagten. Der ist in einen stehenden, hohlen Baum gekrochen. Sein Weib hat die Öffnung mit Moos artig verdeckt, damit er sicher bliebe. Mein Priesterrock ist sechs Wochen lang in einem hohlen Baume gesteckt. Um Steinbach und Wolkenstein wachsen viele Eschen, daraus Lanzenschäfte zur Kriegsrüstung acht und mehr Ellen lang gemacht wurden. Im Jahre 1633 fand der kaiserliche Oberst Brandstein in Preßnitz viel gesottenes Harz. Er ließ daraus viel Pechkränze machen und damit den Annabergern alle ihre Güter am Bärensteine wegbrennen.«

Eine halbe Meile über Satzungen an einem wilden, mit Kiefern bewachsenen rauhen Ort ist ins Gevierte 30 Schritt breit und lang ein Pfuhl mit rotem Moos bewachsen. Niemand soll sich früher gern allein an diesen Ort gewagt haben. Im dreißigjährigen Kriege sind aber die Leute auch dorthin geflohen, um sicher vor den Feinden zu sein. Doch haben sie daselbst von den Gespenstern des Sees manche Anfechtung erdulden müssen.

Nach Chr. Lehmann.

q.
Wie die Landwirtschaft darniederliegt.

Während des Dreißigjährigen Krieges unterblieb das Bestellen der Felder oft gänzlich. Man warf den Samen gleich auf die Stoppeln aus und mußte ihn dort aus Furcht vor umherstreifenden feindlichen Abteilungen oft vier bis fünf Wochen lang uneingeeggt liegen lassen. Höchstens wagte man sich bei Nacht einmal an die Arbeit; dann spannten sich Männer und Weiber an die Eggen. Mit dem Vieh lagen sie am Tage im Walde. Häufig aber ersparten ihnen das Eggen, freilich auch das Einernten, die wilden Schweine, welche nachts in Haufen kamen und den Samen »aufleckten«. Zum Schutze gegen sie wurden die Zäune anderthalb Ellen hoch, fest und dicht gemacht; aber es half doch nichts. Brachen die Tiere einmal im Herbste in einen Acker ein, so verdarben sie in einer einzigen Nacht ein großes Stück.

Nach Chr. Lehmann.

r.
Die letzte Schlacht auf sächsischem Gebiete.

Für Sachsen endigte im allgemeinen 1645 mit dem Waffenstillstande zu Kötzschenbroda die persönliche Gefahr der Einwohner, sowie Raub und Brand. Dagegen sah das sächsische Hochland noch an mehreren Orten die früheren Greuel erneuert, indem die Schweden, die in Böhmen hausten, die Flüchtlinge oft bis nach Sachsen verfolgten. Annaberg, das mit seiner Umgebung seit 1632 fort und fort alljährlich teils von kaiserlichen, teils von schwedischen Heerhaufen vielfach gelitten, hatte in dieser ganzen Zeit des Waffenstillstandes eine sächsische Besatzung. Eine Abteilung derselben traf am 15. Januar 1648 auf eine kaiserliche Streifhorde bei dem Städtchen Thum, wo sofort ein hitziges Reitergefecht entstand, weil man vergeblich die Kaiserlichen für Schweden hielt. Die Leichen der Gefallenen blieben längere Zeit liegen und davon heißt noch heute der Wiesengrund zwischen Thum und Herold » Das Elend «. Dies war der letzte Kampf des Dreißigjährigen Krieges auf sächsischem Boden. Zum Andenken daran hat man an der Straße von Thum nach Ehrenfriedersdorf im Jahre 1848 eine Spitzsäule mit Inschrift errichtet.