5. Die letzte Pest im Erzgebirge.
Pestopfer waren an Zahl 1582 in Großrückerswalde 51, 1585 in Schwarzenberg 54, 1586 in Geyersdorf 86, in Kleinrückerswalde 61, 1607 in Aue 73, in Wiesenthal 50, in Joachimsthal 204, 1613 in Wiesa 133, 1625 in Zöblitz 323, 1626 in Gottesgab 178, in Breitenbrunn 81, in Schwarzenberg 205, 1633 in Joachimsthal 800, in Breitenbrunn 145, in Marienberg 117, 1634 in Wiesa 145, 1636 in Gottesgab 107, 1637 in Schwarzenberg 262, in Bernsgrün 52, in Lengefeld 80, 1639 in Gottesgab 114, in Fernrückerswalde 205, in Cranzahl von 1582 bis 1640 auf 200.
1679 wütete in Wien die Pest. Von da aus verbreitete sie sich auch nach Prag und schritt dann über die Grenze nach Sachsen.
Am 24. Oktober 1679 wurde ein »Fast-, Bet- und Bußtag um pestilenzialischer Krankheiten« feierlich begangen. Furchtbar trat der Würgengel im Erzgebirge auf. In Freiberg sollen 1200 Menschen dahingestorben sein.
1680 zeigte sich der erste Pestfall in Marienberg, ihm folgten 554 Personen. In Wolkenstein fielen der Krankheit viele zum Opfer. Annaberg, Schneeberg und Chemnitz wurden abgesperrt. In Annaberg ließ man einen Spitzenhändler, welcher aus einem angesteckten Orte kam, durch den Steckenknecht oder Gerichtsdiener gleich nach seinem Eintritte aus der Stadt bringen. So erging es einem andern, der bald auf freiem Felde hilflos niederfiel und verstarb. In der Stadt trat Brotmangel ein. Die Bürger Lahl und Scheuereck setzten das eigene Leben daran, ihre Leidensgenossen durch den gefahrvollen Ankauf von Lebensmitteln vom Hungertode zu erretten. Dr. Macasius besuchte ohne Scheu die Kranken und starb bald selbst. In Marienberg starben beide Geistliche. In Rauenstein starben sieben Abendmahlsgäste. Bei Reifland nahmen die Geängstigten das Abendmahl unter freiem Himmel. An der Stelle errichtete man einen Denkstein zur Erinnerung an das letzte Pestjahr in Sachsen.
Nach Lehmann und B. Schlegel.
48. Die Teuerung und Hungersnot im Erzgebirge in den Jahren 1771 und 1772.
Auch bei dem besten Ertrage der Felder unseres Erzgebirges ist derselbe nie zur Ernährung der dichten Bevölkerung hinreichend. Wir sind bei dem Getreideeinkauf auf die Niederungen angewiesen, mit deren Bewohnern wir gegen unsere Industrieerzeugnisse Brot eintauschen. Jetzt umspannt das Eisenbahnnetz den ganzen Erdteil, aus den entferntesten Gegenden kann mit Leichtigkeit Getreide herbeigebracht werden. Wie war es aber früher, als es noch keine Bahnen gab, die Straßen noch nicht im besten Zustande waren und oft der verschneite Hohlweg den Verkehr auf Tage, ja auf Wochen hinaus hemmte? Auch in den Zeiten vor den Eisenbahnen mußte das Getreide drunten im Niederlande gekauft oder aus den gesegneten Gefilden des nahen Böhmerlandes herbeigeschafft werden. Der Haupthandelsplatz war die Stadt Zwickau, hierher brachte der Altenburger Bauer sein Korn, der Müller und Bäcker aus dem Gebirge kaufte da ein. Wenn aber auch in den Niederungen Mißernte eingetreten war, wenn Böhmen die Grenzen sperrte und kein Getreide hereinließ, dann pochte die drückende Sorge um das tägliche Brot an die Pforten der Wohnungen der sonst so frohgesinnten Gebirgsbewohner, dann trat wohl eine Hungersnot ein, wie sie die Altvordern in den Jahren 1771 und 1772 erlebt haben.
Schon im Frühjahre 1770, als ein später Schneefall den Wintersaaten großen Schaden zufügte und darauf anhaltendes Regenwetter folgte, begann eine allgemeine Besorgnis um die Zukunft sich der Gemüter zu bemächtigen; sie bestätigte sich in den seit Johannis von Woche zu Woche steigenden Getreidepreisen und in einer Mißernte, die sich nicht bloß über das Erzgebirge, nicht bloß über Sachsen, sondern über die fruchtreichsten Gegenden Deutschlands erstreckte. War die Bedrängnis schon groß, welche dadurch für die dichte Bevölkerung unseres Obererzgebirges herbeigeführt wurde, so mußte sie sich zur höchsten Not steigern, als im nächsten Jahre der späte Schneefall und die regnerische Witterung sich wiederholte. Die Felder boten den düstersten Anblick, sie waren von den Eigentümern entweder mit selbst erbautem geringen oder teuer erkauftem Samen möglichst dünn bestreut, oder aus Mangel an solchem gar nicht besät, und die Kartoffelsaat war hier und da von den Armen wieder aufgewühlt. So ließ sich das Schlimmste befürchten, eine nochmalige Mißernte. Und sie trat ein! – trat zu einer Zeit ein, als auch die anderen Nahrungsquellen bei der herrschenden Gewerblosigkeit versiegten und alle Zufuhren aus Sachsens Kornkammern, aus Böhmen und Altenburg gehemmt waren. Da entrollte sich endlich vollständig das Bild der furchtbarsten Hungersnot, die je erlebt worden war. Man sah ganze Scharen von Bettlern umherziehen, darunter Greise, die von ihren Angehörigen nicht mehr ernährt, fremde Unterstützung suchen mußten, Jünglinge, die, sonst kräftig und blühend, jetzt halb verschmachtet, mehr durch ihren Anblick, als durch Worte sich Mitleid erflehten; Männer, die nach Verkauf des letzten, was sie hatten, selbst ihrer Werkzeuge, an den Bettelstab gebracht waren, viele, die bisher in Wohlstand gelebt, jetzt mit bitteren Thränen anderer Milde ansprechen mußten. – Man sah Scharen von Kindern, die, von Eltern hilflos gelassen, Brot aus reicheren Händen zur Stillung ihres Hungers zu erlangen suchten. Die Zahl der Bettler war so groß, daß, wie z. B. Pastor Oesfeld aus Lößnitz versichert, an einem Tage oft mehr als 400 vor den Thüren die Mildthätigkeit in Anspruch nahmen.
Der Kornpreis war vom Frühjahr 1770 bis dahin 1772 von 1 Thlr 4 Ggr auf 14 Thlr gestiegen. Wie vielen Familien mochte es da unmöglich geworden sein, das tägliche Brot zu kaufen. So nahm man seine Zuflucht selbst zu den unnatürlichsten Nahrungsmitteln: die gröbsten Kleien, unreife Waldbeeren, gekochtes Gras, zerriebene Baumrinde als Mehl und dergleichen mehr mußte zur Stillung des peinigenden Hungers dienen.