Unterdessen hatten sich die zwei Edelknaben, die den König bei Tisch bedient hatten, als sie sein Unwohlsein bemerkten, um den Verdacht der Vergiftung von sich abzuwälzen, auf die inkriminierten Speisen gestürzt, würgten sie hinunter und – blieben gesund oder doch jedenfalls am Leben. Danach gewinnt es den Anschein, als hätten die Ärzte – unter denen wir uns hier, wie in den obigen Fällen, nicht etwa Stümper, sondern die ersten Koryphäen ihrer Zeit zu denken haben – ihre Gewaltmittel nicht gegen Gift, sondern gegen ganz harmlose Leibschmerzen angewandt.
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Ein Jahrhundert später verfuhr man nicht wesentlich anders. Kaiser Sigismund erkrankte bei der Belagerung von Znaim im Jahre 1404 heftig an Gift zugleich mit dem 27jährigen Herzog Albrecht von Österreich, der dem Anschlag auch erlag. Sigismund wurde von seinem Leibarzt an den Füßen aufgehängt. so daß die Brust auf einem Kissen auf dem Boden ruhte, um das Gift aus dem Munde abfließen zu lassen. In dieser peinlichen Situation mußte der Fürst 24 Stunden aushalten. Merkwürdigerweise überwand die starke Natur des nachmaligen Kaisers sowohl Gift wie Heilmethode und er genaß völlig, wie der Arzt mit Stolz behauptete, lediglich dank seiner genialen Kur.
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Im ganzen Mittelalter ist die Ehe mit Wahnsinnigen aus politischen Gründen an der Tagesordnung.
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Die Gemahlin Kaiser Maximilians I., die schöne Maria von Burgund, ritt, obwohl bereits mehrere Monate guter Hoffnung, eine Jagd, stürzte und starb an den Folgen. Ebenso ging Maria, Kaiser Sigmunds Gemahlin, zugrunde. Die Rücksicht auf die Gesundheit wurde im Mittelalter so völlig außer acht gelassen, daß man gar kein Bedenken trug, schwangere Frauen Jagden reiten zu lassen.
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Wie gering bis in die neuere Zeit die Achtung vor dem medizinischen Wissen war, ergibt sich u. a. aus den Komödien Molières. Als Gil Blas schwer erkrankt in einem Orte liegen bleibt, dünkt er sich gerettet, weil dort kein Arzt sei.
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