Da lobe ich mir doch die deutsche Gründlichkeit. Bekanntlich entdeckte ein Gelehrter bereits die Wichtigkeit von Goethes Wäschezettel für die deutsche Literatur. Er wird aber noch übertroffen vom »Altmeister der chemischen Geschichtsforschung H. Kopp«, der die Worte Encheiresin naturae aus der Schülerszene des Faust zum Gegenstand jahrzehntelanger Nachforschungen machte.[23]
Zu diesem Kapitel gehört auch folgendes: In der Berliner Wochenschrift »Die Standarte« schreibt ein Germanist, er habe in einem Goetheseminar der Berliner Universität tagelang an der Frage gearbeitet, ob in einem Heft Goethes die Ausstreichungen mit schwarzer oder roter Tinte oder mit Bleistift gemacht worden sind. Das tiefe Problem, ob der vorgoethische Faust mit Vornamen Heinrich oder Johann geheißen habe, läßt die Forscher nicht zur Ruhe kommen. Und von höchster Bedeutung ist, ob Goethe Lieschen oder Liesgen geschrieben hat, wie der Wasserstempel im Konzept zu den »Wahlverwandtschaften« aussieht, ob eine Notiz am 21. oder 22. oder gar – wie Pniower behauptet – am 24. Oktober eingetragen ist. Das ist Goetheforschung! Wer aber etwa gar denkt, es sei gleichgültig, ob das »Kophtische Lied« 1789 oder 1791 geschrieben sei, wird erbarmungslos aus diesem geweihten Kreise verbannt.[24]
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Auf diesen Ton ist auch die Gründlichkeit wissenschaftlicher Kritiken und Kontroversen gestimmt. In der Historischen Vierteljahrsschrift, einem angesehenen Fachorgane, finde ich – um ein Beispiel für unzählige zu nennen – folgende schöne Stelle: »Eine ›mißverständliche‹ Äußerung ist nach meinem Sprachgebrauch keine solche, die von Mißverständnis zeugt, sondern die Mißverständnis erzeugen könnte. ›Mißverständlich› in diesem Sinne erschienen mir die Worte: ›B. setzt die Urkunde nach 1162‹. Setzen ist ein örtlicher Ausdruck; man kann also richtig sagen: ›B. setzt die Urkunde vor 1162‹, weil wir die Präposition vor ebensowohl örtlich als zeitlich gebrauchen. Der richtige Gegensatz zu dem örtlichen vor ist aber nicht nach, sondern hinter (hinter 1162), während nach in örtlichem Gebrauche uns zunächst die Richtung bedeutet, aber damit zugleich häufig die Vorstellung des ›hinein in‹ verbindet; man vergleiche: ›er ist nach Frankfurt gesetzt‹ und ›das Regiment ist nach Krefeld verlegt‹. Ein Leser von korrektem Sprachgefühl, der B.s eigene Darstellung noch nicht kennt, muß hier also geradezu verstehen: ›B. setzt die Urkunde in das Jahr 1162‹, wiewohl die S.sche Ausdrucksweise häufiger vorkommen mag. Müßig war meine Bemerkung also nicht.«[25]
Im engen Kreis verengert sich der Sinn.
Mir selbst ist eine ähnliche Geschichte, die mich königlich amüsierte, mit einem Geheimrat Harry Breßlau passiert. In meiner »Frühmittelalterlichen Porträtplastik in Deutschland« hatte ich auch die Siegelkunde gestreift und zum Belege dafür, daß mir der Beweis, bereits die frühmittelalterliche Kunst habe eine gewisse Porträtfähigkeit besessen – was bisher unbekannt war und von einem großen Teil der gelehrten Zunft heute noch bestritten wird – u. a. auf folgendes hingewiesen: Im Allgemeinen Reichsarchiv in München befindet sich – auch unter der Abgußsammlung echter Kaisersiegel – ein Siegel, das bisher den Namen Heinrichs II. trug. Ich sah sofort, daß hier ein Irrtum vorliege und es eine Porträtdarstellung Heinrichs III. sei. Daraufhin wurde dann der Irrtum richtiggestellt.
Das muß nun den Herrn Geheimrat tief empört haben, denn er schreibt im 35. Bde. des Neuen Archivs der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde S. 297: »Wenn die Kenntnisse und die Sorgfalt des Herrn ebenso groß wären, wie sein Selbstbewußtsein, würde er vielleicht einen Blick in den dritten Band unserer Diplomata-Ausgabe geworfen und sich überzeugt haben, daß die Tatsache bereits in der Note p. zu DH. H. 332 b auf S. 421 festgestellt war.«
Tant de bruit!!!