Von allgemeinen medizinischen Sätzen hielten sie schon deshalb nichts, weil nach ihrer Ansicht dieselbe Affektion einer anderen Behandlung, z. B. in Rom als in Aegypten oder in Gallien bedürfe. Ein Empiriker der späteren Zeit bestritt überzeugungsvoll, mit Argumenten der philosophischen Skepsis, daß die Medizin jemals auf den Namen einer Wissenschaft werde Anspruch machen können. Der Verzicht auf tiefere kausale Begründung in der Medizin wurde überhaupt durch den Skeptizismus sehr begünstigt, welcher aus der Sophistik hervorgegangen, durch Pyrrhon und Timon von Phlius (einem Arzte) weiter entwickelt, immer mehr von den philosophischen Schulen Besitz nahm (Arkesilaos, Karneades). Durch erkenntnis-theoretische Untersuchungen war diese Richtung besonders geeignet, den Empirismus durch logische Argumente zu rechtfertigen — schien es doch vom Standpunkt der Skepsis ganz aussichtslos, den wahren, aber verborgenen Ursachen des Erkrankens nachzugehen, vielmehr ratsam, schon bei der Ermittlung der offen zu Tage liegenden unmittelbaren Bedingungen der Krankheitsvorgänge stehen zu bleiben. Eine eigentliche Verschmelzung der philosophischen Sekte der Skeptiker mit den Empirikern kam aber erst in sehr später Zeit zu stande (Aenesidemos, Agrippa, Menodotos, Sextus Empiricus). — Die Anatomie schätzten sie gering, mit der Motivierung, daß sich die Teile im toten Körper ganz anders als im lebenden verhalten und, daß selbst bei den verabscheuungswürdigen Vivisektionen der Schmerz und Blutverlust die schwersten Veränderungen setzen — man lerne durch solche Eingriffe nur am Toten oder Sterbenden, nicht aber am Lebenden die Organe kennen; höchstens die zufälligen Beobachtungen an chirurgischen Fällen wären verwendbar. — Mit großem Stolze rühmten sich die Empiriker, daß ihre Methode weit älter sei, als diejenige der Dogmatiker — was natürlich nur dann richtig ist, wenn man den mit logischen Argumenten und allen Hilfsmitteln einer vorgerückten Zeit ausgerüsteten Empirismus der hochstehenden alexandrinischen Sekte mit dem naiven Empirismus zusammenwirft, aus dem ursprünglich die Heilkunde hervorging. Deshalb führte man später die Sekte auf Akron von Akragas, der gegenüber den Naturphilosophen in seiner diätetischen Therapie erfahrungsgemäß verfuhr, ganz willkürlich zurück.
Anklänge an den Empirismus finden sich schon bei Herophilos (keine Systembildung in der Pathologie, Erweiterung der Therapie durch Beobachtung und Versuch, Polypragmasie), aber auch bei Erasistratos (Beschränkung auf die ursächliche Erforschung der Symptome; Physiologie sei Sache der Naturforscher, nicht der Aerzte). Als eigentliche Begründer der Richtung sind Philinos von Kos (um 250 v. Chr.), ein Schüler des Herophilos, Serapion aus Alexandreia (um 220 v. Chr.) und Glaukias aus Taras (etwa 50 Jahre später) anzusehen.
Wie die Hippokratiker, pflegten auch die Empiriker die klinische Beobachtung mit rühmenswerter Sorgfalt und ließen sich, ebenso wie die ersteren, in der Therapie ausschließlich von der „Erfahrung“ am Krankenbette leiten. Dennoch waren die Empiriker vom echten Hippokratismus, zu dem sie anscheinend zurückkehrten, durch eine Kluft getrennt, da sie von den Einzelwahrnehmungen nicht zu allgemeinen Gesetzen fortzuschreiten versuchten, statt auf die Aetiologie und die individuellen Verhältnisse gebührend Rücksicht zu nehmen, Ontologien von Symptomenkomplexen (συνδρομή) aufstellten, und deshalb unter Vernachlässigung der Indikationen eine Behandlung einleiteten, die nicht den einzelnen Kranken angepaßt war, sondern sich schablonenhaft gegen ersonnene Krankheitschemen richtete.
Notgedrungen mußten die Empiriker in ihrer Literatur zu Hippokrates Stellung nehmen, schon um ihrer Lehre das erforderliche Ansehen zu sichern. In ebenso einseitiger Weise wie die Vertreter der dogmatischen Sekten, nur vom entgegengesetzten Standpunkte aus, taten sie dies derart, daß sie die empirischen Elemente des Hippokratismus allein in den Vordergrund rückten, ja am liebsten den großen Koer zu einem Vorläufer ihrer Richtung erhoben, hingegen alles, was sich im Corpus Hippocraticum an ätiologisch-pathogenetischen Anschauungen oder allgemeinen Folgerungen vorfand, teils bekämpften, teils abschwächten oder als unecht erklärten. So schrieb Philinos, der die Humoraltheorie heftig angriff, sechs Bücher gegen den Hippokrateskommentar des Bakcheios; Serapion wagte es sogar, den Hippokrates selbst in den Staub zu ziehen; Glaukias hingegen, der ein Wörterbuch und einen Kommentar zu allen hippokratischen Schriften verfaßte, suchte den Empirismus mit der dogmatischen Lehre zu versöhnen, bezeichnete aber beispielsweise die Schrift de humoribus für eine unterschobene.
Mit Anerkennung ist dagegen hervorzuheben, daß die Väter der empirischen Schule insofern über die Hippokratiker hinausschritten, als sie die Technik der medizinischen Erfahrung in festere Regeln bannten und das klinische Denkverfahren dem Subjektivismus des einzelnen Beobachters zu entziehen suchten. Als Grundlagen der Erfahrung galten zunächst die wiederholt gemachte eigene Beobachtung, Autopsie (τήρησις, zufällig oder durch Versuche oder Nachahmung des Zufalles oder der Versuche erworben), respektive die Erinnerung daran (Theorem), sodann, da der einzelne immer nur ein relativ kleines Gebiet zu überschauen vermag, die Ueberlieferung fremder Beobachtungen (ἱστορία) — nach diesen beiden Erkenntnisquellen nannten sich die frühesten Anhänger der Sekte τηρητικοὶ oder μνημονευτικοὶ. Als dritte Stütze wurde von Serapion (der Uebergang von dem einen Aehnlichen zu dem anderen Aehnlichen, μετάβασις ἀπὸ τοῦ ὁμοίου), d. h. der Analogieschluß hinzugefügt, mittels dessen man sich in neuen Fällen, für welche weder die eigene noch die fremde Erfahrung direkten Aufschluß gewährte, in der Behandlungsweise zurechtfinden konnte, sei es, daß man aus der Aehnlichkeit der Krankheitssymptome oder der Aehnlichkeit der Körperregion auf das erforderliche Heilmittel, sei es, daß man aus der Aehnlichkeit der Wirkungsweise gewisser Heilsubstanzen auf die Aehnlichkeit der Krankheitserscheinungen schloß. Ein unerläßliches Postulat für jede dieser Erfahrungsquellen, welche Glaukias unter der Bezeichnung „Dreifuß“ in einem erkenntnis-theoretischen Schema zusammenstellte und im einzelnen sorgfältig analysierte, bildete es, daß sie auf dem Wege der Induktion erworben sein mußten und ausschließlich für therapeutische Zwecke benutzt werden durften. Der Analogieschluß der Dogmatiker, der sich auf die Erforschung der Krankheitsursache richtete, wurde gänzlich verworfen.
Bei diesem strengen Festhalten an der klinischen Beobachtung, welche zwar zu einer Sonderung der wesentlichen von den unwesentlichen Symptomen führte, aber höchstens die offenkundigen Gelegenheitsursachen berücksichtigte, bei der ängstlichen Vermeidung jeder, selbst auf anatomisches Wissen gegründeten Theorie konnte natürlich von einer ursächlichen Erfassung des pathologischen Tatbestandes keine Rede sein, und demgemäß stellten die Krankheitsdefinitionen der Empiriker, die sie Hypotyposen nannten, bloße Nominaldefinitionen dar, die weder die tieferen Ursachen, noch das Wesen des Krankheitsprozesses in sich schlossen. Schlimmer aber als dies war es, daß, abgesehen von den Lücken im Erkenntnisgang, in vielen Fällen eine richtige Therapie eben nur auf Grund der Erforschung pathogenetischer Momente eingeschlagen werden kann — eine Tatsache, welche auf die Dauer den Einsichtigen nicht entging. So ist es denn nicht zu verwundern, daß die empirische Schule einerseits mehr und mehr ins Fahrwasser der rohen Empirie gelenkt wurde, welche unter sanguinischer Anwendung des post hoc ergo propter hoc einen Schatz angeblicher Heilmittel aufstapelte, anderseits aber einem gemäßigten Rationalismus zusteuerte. Letztere Richtung erhielt späterhin eine methodische Grundlage durch Menodotos aus Nikomedeia, welcher, um den Einwürfen der Unwissenschaftlichkeit wegen Nichtberücksichtigung der Krankheitsursachen zu begegnen, zum Denkverfahren der Empiriker den sogenannten Epilogismos hinzufügte, der wenigstens auf die Ermittlung verborgener Gelegenheitsursachen abzielte. Letzteres Verfahren wird durch folgendes Beispiel klar: Findet z. B. ein Arzt bei der Untersuchung eines Geisteskranken Spuren einer früheren Kopfverletzung, so darf er (nach Analogie anderer Fälle, wo erfahrungsgemäß ein solches Trauma zu einer Psychose geführt hatte) die vorausgegangene (aber direkter Beobachtung unzugängliche) Läsion als Ursache des Wahnsinns annehmen.
Entsprechend der Forschungsrichtung und Methode liegen die Verdienste der Empiriker vorzugsweise auf dem Gebiete der Symptomatologie, der Pharmakologie und Chirurgie. So manche ihrer Leistungen in diesen Fächern überdauerten die Jahrhunderte und sicherten der Schule eine zahlreiche Anhängerschaft bis in die letzten Zeiten des Altertums. Die Materia medica wuchs durch Aufnahme einer Menge von neuen Heilsubstanzen beträchtlich an, die Kenntnis der Gifte und Gegengifte nahm einen, durch die Zeitverhältnisse begünstigten Aufschwung, die Präparation und Untersuchung der Arzneikörper wurde ein Gegenstand sorgfältigen Studiums, und die Chirurgie erfuhr hinsichtlich der Verbandstechnik, Apparatenlehre und Operationsmethoden bedeutende Verbesserungen.
Die höchste Blüte erreichte die empirische Schule in Herakleides von Taras (Anfang des 1. Jahrhunderts v. Chr.), einem Schüler des Herophileers Mantias, welcher auf Grund umfassender praktischer Kenntnisse und mit gewissenhafter Benützung der vorausgegangenen Literatur außer einem Kommentar zu Hippokrates und einer Verteidigungsschrift der Sekte, ausgezeichnete Schriften über Diätetik, Therapie der internen und chirurgischen Krankheiten, über die Pulslehre, Bereitung und Prüfung der Arzneimittel, über giftige Tiere, Kosmetik, Militärmedizin u. a. verfaßte. Auch bei den Gegnern der empirischen Schule wegen der Schärfe der Beobachtungen und Genauigkeit in der Wiedergabe derselben außerordentlich geschätzt, wurden diese Werke vielfach benützt und zitiert. Die erhaltenen Fragmente werfen nur spärliche Streiflichter auf die Anschauungen und Leistungen des Herakleides, so daß wir die Bedeutung des Forschers nur ahnen können. Von großer Tragweite war es namentlich, daß er zahlreiche Versuche mit Arzneimitteln anstellte, seine Behandlungsweise auf gewissenhafte Prüfung basierte und im Gegensatz zu anderen Empirikern mehr auf die Bereitungsweise und auf die Indikationen als auf die Zahl, Neuheit oder Seltenheit der Heilmittel achtete; eine Anzahl der überlieferten Rezeptformeln ist durch Zweckmäßigkeit ausgezeichnet. Zu seinen Lieblingsmitteln gehörten Zimt, Pfeffer, Opobalsam etc., ganz besonders aber das Opium; die Gebrauchsweise des letzteren als Sedativum und Hypnotikum regelte er mit großer Umsicht. Neben der Arzneibehandlung wendete er auch auf die Chirurgie (Lehre von den Luxationen, Maschinen zum Einrichten des Oberschenkels, Operation des Ankyloblepharon, Ohrpolypen) und Diätetik viel Aufmerksamkeit. Unter den erhaltenen Krankheitsschilderungen sind diejenigen bemerkenswert, welche den Ileus, den Starrkrampf, die Phrenitis (die er in entzündliche, gastrische und von Entartung des Gehirns herrührende Arten unterschied), die Synanche betreffen.
Die Vorzüge des Herakleides treten deutlich hervor, wenn man ihn mit anderen Empirikern, insbesondere mit seinem vielschreibenden Vorgänger Serapion vergleicht. Dieser erblickte in der Anzahl der Arzneimittel das Wesen der Medizin. Bei den wahllos aufgenommenen Heilmitteln des Serapion lief zwar manches Gute mit unter, z. B. Schwefel gegen Hautkrankheiten, dafür aber schadete er durch rohe Behandlung des Ileus und bereicherte die (schon bei den Knidiern beliebten und auf ägyptischem Boden ganz besonders gedeihenden) seltsamen Mittel.
So empfahl er gegen Epilepsie Kamelhirn, Robbenlab, Hasenherz, Schildkrötenblut, Eberhoden. Unter solchen Einflüssen wurde unter anderem der Krokodilskot ein so begehrter Arzneistoff, daß Verfälschungen vorkamen. Es dürften wohl bei Empfehlung derartiger Wundermittel auch die oft unverstandenen, falsch gedeuteten Rezepte der ägyptischen (hermetischen) Medizin eine Rolle gespielt haben.