Altehrwürdige Hausmittel, einfache chirurgische Handgriffe, magische Prozeduren (Zaubersprüche), wie sie zum größten Teile von Etruskern, Marsern und anderen altitalischen Völkerschaften herstammten, bildeten das ganze Um und Auf der altrömischen Medizin — ein Zustand, der am besten durch Senecas Ausspruch gekennzeichnet wird: Medicina quondam paucarum fuit scientia herbarum, quibus sisteretur fluens sanguis, vulnera coirent. Vertreter dieser Volksmedizin — bei Epidemien oder langdauernden Uebeln konnten nur die Götter und deren Priester helfen — waren vor allem der Pater Familias, welcher seinen Angehörigen und auch der Familia rustica hilfreich beistand, Frauen, Freunde, Sklaven. Mit größter Wahrscheinlichkeit läßt sich aber annehmen, daß es in Rom schon in sehr alten Zeiten Leute gegeben hat, welche gewerbsmäßig als Haupt- oder Nebenbeschäftigung den Heilberuf ausübten (anfangs Etrusker, Haruspices?). Im Kriege verbanden sich die Soldaten gegenseitig, doch wie unvollkommen die Hilfe war, geht z. B. aus der Nachricht hervor, daß nach der Schlacht bei Sutrium mehr Krieger den Verletzungen erlagen, als vom Feinde getötet worden waren.

Die medizinische Mythologie der Römer ging ursprünglich aus dem Volksglauben der Etrusker und der alten italischen Stämme hervor, bereicherte sich aber zunehmend durch Entlehnungen aus dem Götterkreise fremder Nationen. Religion und Menschenleben waren bis in die kleinsten Einzelheiten verknüpft; physiologische Vorgänge, Krankheitsursachen und Krankheiten wurden personifiziert. Altitalischen Ursprungs sind Carna (die Beschützerin der Eingeweide; an ihren Festen „Carnalia“ betete man „ut jecinora et corda, quaeque sunt intrinsecus viscera, salva conservet“), Bona Dea (eine geheimnisvolle Heilgöttin, deren Tempel kein Mann betreten durfte), Minerva memor oder medica (Göttin der Weisheit, speziell der Heilwissenschaft), Diana (Mond- und Geburtsgöttin, als D. Thermia Göttin der heißen Quellen), Mars (als Beschützer vor Seuchen), Dea Febris, Mefitis (Göttin der Miasmen, Personifikation der gefährlichen Schwefeldämpfe), Meditrina (oskische Göttin der Heilkunst, Feste Meditrinalia), Dea Salus (sabinische Göttin der Gesundheit), Angitia (ursprünglich von den Marsern verehrte Göttin der Gegengifte), Silvanus u. a.

Unter dem Schutz einer ganzen Reihe von Gottheiten stand das Geschlechtsleben und die Kindesentwicklung. Geburtsgöttinnen waren Diana und Juno, unter dem Namen Lucina (Dea Natio, Sospita, Conservatrix), ferner Carmenta (Feste „Carmentalia“, je nach der Kindeslage als Porrima [Anteverta] oder Postverta angefleht); die geschlechtlichen Vorgänge des Weibes bis zur Empfängnis leiteten die Götter Pilumnus, Fascinus, die Göttinnen Rumina, Deverra, Cunina, Mena, Uterina; Fruchtbarkeit spendete (entsprechend dem Priapus) der Gott Mutunus Tutunus, welchem die Frauen verhüllt zu opfern pflegten; bei zweifelhafter Potenz erwarteten die jungen Ehemänner Hilfe von den Gottheiten Deus Subigus, Dea Prema, Dea Pertunda, Dea Perfica etc., deren Namen deutlich genug ihre Wirksamkeit kennzeichnen; beim Neugeborenen behütete Intercidona den Nabel, Ossifraga das Knochenwachstum des Kindes. — An den Luperkalien, welche zu Ehren des Wald- und Feldgottes Faunus gefeiert wurden, nahmen auch Frauen teil, um Fruchtbarkeit zu erlangen.

Von den Griechen wurden übernommen: Apollo (salutaris), sodann Asklepios als Aesculapius (291 v. Chr. wurde sein Kult nach einer schweren Pest nach Rom verpflanzt), Hygiea, Herakles (als Gott der warmen Quellen) u. a. In der Kaiserzeit gewann der Kult der ägyptischen Heilgottheiten Isis, Osiris, Serapis große Bedeutung; auf Votivtafeln, die man in Spanien fand, wird der rätselhafte Gott Endovellicus genannt.

Die Heilquellen, welche bei den Römern von alters her ein sehr großes Ansehen genossen, beherrschten Nymphae salutiferae, und viele Inschriften beweisen die Verehrung, welche man ihnen erwies. Bei einzelnen, namentlich heißen Quellen, befanden sich Heilstätten und Traumorakel.

Die Genesenen dankten für die überirdische Hilfe durch Weihgaben, Donaria. Zahlreiche Funde gewähren uns Einblick in die verschiedenen Arten derselben. In die heiligen Quellen warf man Schmuckgegenstände, Münzen, kleine Götterbilder etc.; in den Heiligtümern hing man Votivgaben aus Marmor, Metall oder gebrannter Erde auf, welche in körperlicher Nachbildung oder in Reliefbildern teils krank gewesene Körperteile (Augen, Ohren, Brüste, Unterleibsorgane, Geschlechtsteile, Arme, Hände, Beine, Füße, das Haupthaar etc.), teils kranke Personen (z. B. mit Schwindsucht oder Brustwunden behaftete) darstellen.

Die Darstellungen von Eingeweiden, welche man auffand, beruhen nicht auf der Kenntnis des menschlichen Körpers, sondern auf der Uebertragung tierischer Formen. Sie sondern sich in Darstellungen der geöffneten Leibeshöhle, in Darstellungen einer Gruppe von Eingeweiden (auf Tafeln) oder einzelner Eingeweide (Herz, Trachea, Lunge, Zwerchfell, Nieren, Milz, Magen, Darmkanal, Harnblase, männliche, weibliche Geschlechtsorgane).

Wie bei Orientalen und Griechen spielte auch im Kultus der Römer die von den Etruskern[9] entlehnte Opferschau (consultatoria sacrificia) eine bedeutende Rolle; sie lag in den Händen der Haruspices, welche aus den Eingeweiden (exta) ebenso weissagten, wie die höher angesehenen Auguren aus der Beobachtung des Vogelflugs prophezeiten. Da der Opferpriester zum Zwecke der Wahrsagung die Körperteile des Opfertieres genau betrachten mußte (hinsichtlich der Lage, des Aussehens, des Verhaltens beim Durchschneiden), so entwickelte sich natürlich auf diesem Wege ein gewisses Maß von anatomischem und selbst pathologischem Wissen. Die überlieferten Kunstausdrücke der (griechischen und) römischen Opferschauer zeigen, daß man eine topographische Kenntnis der Organe[10], insbesondere der Leber, besaß. Man beobachtete bei derselben das allgemeine Aussehen der Lappen (fibrae), das Ausfließen des Blutes, das Aussehen des Processus pyramidalis (caput jecoris) und der Gallenblase, den Durchschnitt der Gefäße („cellae“). Nachbildungen von Schafs- oder Rindslebern aus Bronze oder Alabaster — es sind bereits zwei (die Bronzeleber von Piacenza und die Alabasterleber von Volterra) aufgefunden worden — dienten den Haruspices zum Modell (vergl. die analogen Verhältnisse bei den Babyloniern, S. 24). Neben der Leber und Gallenblase kamen bei der Opferschau auch die Lunge (Oberfläche, Einziehungen), das Herz (Lage, Größe, Fettbelag u. a.), das Netz in Betracht. Um die Götter zu versöhnen, bezw. Epidemien abzuwehren, veranstaltete man Göttermahlzeiten, Lectisternia, von Flötenspiel begleitete Tänze (woraus das Schauspiel entstand) etc. und mit ganz besonderer Feierlichkeit war die Sitte umgeben, gemäß welcher der eigens hierzu ernannte Diktator in Pestzeiten im Tempel des Jupiter Capitolinus einen Nagel einschlug (der Gebrauch war etruskisch und hing ursprünglich mit der Zeitmessung zusammen).

Es liegt die Annahme nahe, daß die Haruspices ihre anatomischen Kenntnisse auch als Wundärzte benützt haben. Die Existenz eines einheimischen Aerztestandes in Latium ist jedenfalls erwiesen: schon das Wort „medicus“, welches italischen Ursprungs ist und neben mederi, medicina bei den ältesten lateinischen Schriftstellern vorkommt, deutet darauf hin. Man bringt den Terminus „medicus“ mit dem oskischen Worte „meddix“ in Zusammenhang, welches (bei den Samniten) eine Art von Beamten bezeichnete; mederi = imperare, curare (vergl. oben die Göttin Meditrina). Dionysius von Halikarnass erwähnt Aerzte bei der Epidemie des Jahres 451 v. Chr.; das Aquilische Gesetz (aus dem 4. Jahrhundert v. Chr.) „Si medicus, qui servum tuum secuit, dereliquerit curationem ejus et ob id mortuus fuit servus, culpae reus erit“ setzt einen freien Arzt voraus, den es für vernachlässigte Behandlung eines Operierten verantwortlich macht. Keinesfalls aber wußten sich die altrömischen Heilkünstler eine angesehene Stellung zu erwerben, sonst wären sie später nicht so rasch durch die eingewanderten Griechenärzte verdrängt worden.

Ueberraschend früh tauchen bei den Römern trotz des niedrigen Standes der Medizin hygienische Maßnahmen und sanitätspolizeiliche Gesetze auf. Zu den ersteren gehören die Anlage der Cloaca maxima, der Wasserleitungen (die erste wurde 312 v. Chr. durch Appius Claudius erbaut), von Myrten- und Lorbeerhainen am Meeresstrande (zur Abhaltung der Sumpfausdünstungen), von Bädern (das altrömische Haus besaß einen eigenen Baderaum, lavatrina). Alte Gesetze ordneten die Leichenbestattung (hominem mortuum in urbe ne sepelito nec urito), befahlen den Kaiserschnitt an schwanger Verstorbenen (Lex de inferendo mortuo, l. regia des Numa Pompilius; Caesi, Caesones, Caesari — sectio caesarea), setzten juristisch die Schwangerschaftsdauer auf 10 Monate fest (in decem mensibus homines gigni), stellten Geisteskranke unter die Vormundschaft von Verwandten (si furiosus sit, agnatorum, gentiliumque in eo pecuniaque ejus potestas esto), bestraften die Behexung (qui malum carmen incantassit, coerceto), verboten Frauen den Weingenuß (si vinum domi biberit, ut adulteram puniunto), wachten über den Verkauf von Lebensmitteln u. a.