Es wird also Größe, Schnelligkeit, Stärke, Völle, Häufigkeit, Härte, Rhythmus, Gleichmäßigkeit in der Aufeinanderfolge untersucht. Wichtig waren die Unterarten des doppelschlägigen (δίκροτος), ameisenartigen (μυρμηκίζων), gazellenartigen (δορκαδὶζων), wurmartigen (σκωληκίζον) und welligen (κυματώδης) Pulses. — Von der Therapie des Archigenes wissen wir, daß er neben der eifrig gepflegten diätetisch-physikalischen Behandlungsweise auch Abführmittel (z. B. bei Fieber, bei Melancholie, gab er seine, „Hiera“ genannte, Koloquinthen enthaltende Komposition), Blutentziehungen (mit Indikationsstellung) und Brechmittel (gewisse Speisen, Rettiche, Nieswurz) anwendete. Eines seiner Lieblingsmedikamente war das Bibergeil. — Archigenes gab eine glänzende Beschreibung der Lepra und berichtete auch über verschiedene indische Heilmethoden; er kannte auch die Diphtherie.

Ebenfalls Pneumatiker war Apollonios aus Pergamon, welcher die häufige Ausführung des Aderlasses widerriet, mit der Begründung, es werde dadurch zu viel πνεῦma dem Körper entzogen; besser sei es daher vom Schröpfkopf und Skarifikationen Gebrauch zu machen.

Die Schule der Pneumatiker hat sich auch um die Chirurgie große Verdienste erworben, gehörten ihr doch die berühmtesten Wundärzte der Kaiserzeit an, Archigenes, Leonides und Heliodoros und der spätere Antyllos.

Archigenes zeichnete sich dadurch aus, daß er die Indikationsstellung für die Amputation (gegenüber den Hippokratikern) bedeutend erweiterte, Gefäßligatur oder Umstechung anwendete; er operierte Brust- und Gebärmutterkrebs, verwendete zur Stillung der Blutungen, sowie bei Coxalgie das Glüheisen und bediente sich des Speculum uteri. Heliodoros hinterließ, wie die Fragmente zeigen, wertvolle Angaben über die Operation von Abszessen, über Schädelverletzungen (Untersuchung mit der Sonde, Trepanation), Exostosen, Empyem, Hypospadie, Strikturenbehandlung, nahm Resektionen vor, kannte den Lappenschnitt und bespricht ausführlich die verschiedenen Verbände (Rollbinden, gespaltene und zusammengenähte Binden) und Repositionsmethoden (mit der Hand, mit den Utensilien des gewöhnlichen Lebens, mit Maschinen, z. B. πλινθίον des Neileos).

Leonides aus Alexandreia (gegen Ende des 1. Jahrhunderts) stützte sich vornehmlich auf Philoxenos (vergl. S. 281), verbesserte mehrere Operationsmethoden, z. B. bei der Amputation (Lappenschnitt), bei den Hämorrhoiden (unter Benutzung des Mastdarmspiegels) und beschäftigte sich, wie die erhaltenen Bruchstücke zeigen, besonders mit der Diagnostik der Schädelbrüche, sowie mit der Therapie der Tumoren, Hernien und Fisteln; er wußte auch, daß die Filaria Medinensis in Indien und Aethiopien endemisch vorkommt.

Literarische Bedeutung hat von den späteren „Eklektikern“ Kassios, der Iatrosophist (_?_ n. Chr.), dessen „Medizinische Fragen und Probleme“ (ἰατρικαὶ ἀπορίαι καὶ προβλήματα φὑσικα) in 84 Sätzen medizinische und naturwissenschaftliche Dinge behandeln. Der Standpunkt des Verfassers ist vorwiegend pneumatisch aber auch methodisch. Die Fragen betreffen u. a. auch die Tatsache der gekreuzten Lähmungen, die Lehre von den Sympathien (metastatische Abszesse, sympathische Augenentzündung etc.), die Ernährung der Körperteile durch die spezifische Assimilation, womit auch die Kallusbildung in Zusammenhang gebracht wird (vergl. Ideler, Med. gr. min. I). Erwähnenswert ist ferner: Markellos aus Side (Pamphylien) zur Zeit des Marc Aurel, welcher 42 Bücher ἰατρικά = Aerztliches schrieb, wovon wir noch ein Fragment über Lykanthropie und 101 Hexameter über die in der Medizin gebräuchlichen Fische besitzen (Schneider, Marcelli Sidetae medici fragmenta, Leipzig 1888).

Aretaios, Rhuphos, Soranos.

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Die Spirallinie der geschichtlichen Entwicklung führte das medizinische Denken unverkennbar wieder zum Rationalismus, allerdings auf höherer Stufe, zurück, und die pneumatisch-eklektische Schule bedeutet nichts anderes, als eine Erneuerung der dogmatischen Fundamentalsätze, deren humoralpathologischer Inhalt freilich durch die Pneumalehre erweitert, durch die Qualitätentheorie verschleiert, durch die Heranziehung aller bisher erzielten theoretischen und praktischen Errungenschaften wesentlich modifiziert wurde.

Eine logische Geschichtskonstruktion würde als weitere Etappe schließlich die vollendete Rückkehr zu Hippokrates selbst erfordern, von dem sich ja einst die dogmatische Richtung auf der Suche nach rationeller Begründung der Kunstregeln ableitete, sie würde die Existenz eines Mannes präsumieren, dessen Denken und Wirken gleichsam die Asymptote zu einem den Zeitansprüchen äquivalenten, wissenschaftlich gefestigten Hippokratismus darstellt.