Verdanken wir auch der klassischen Antike eine ansehnliche Reihe mustergültiger Heilmethoden, eine erstaunliche Menge von Erfahrungen, eine große Zahl von meisterhaften Krankheitsschilderungen, wurde auch der Untersuchungstechnik die gebührende Aufmerksamkeit nicht versagt; das Hauptziel, das den Gang der griechischen Medizin bestimmt, bildet doch weniger die Erforschung der einzelnen Krankheiten als die Spekulation über das Wesen der Krankheit. Katastrophenartig, durch den Subjektivismus unterbrochen, nicht in allmählicher ruhiger Evolution verläuft daher ihre Geschichte, mit wechselndem Schauplatze (Hellas, Alexandria, Rom), um schließlich in dem großen Sammelbecken Galens pomphaft zu enden, und wenn auch nicht selten die Unerfahrenheit Mutter der Weisheit ward, viele der herrlichsten Geisteskräfte zersplitterten sich in grotesken Verirrungen, die manche wertvolle Teilwahrheit verdunkelten.
Das große Ziel, das all den Denkern vorschwebte, die hippokratische Kunst in eine systematische Wissenschaft umzuwandeln, schien freilich in dem Monumentalwerke eines Galen erreicht zu sein, und viele Jahrhunderte glaubten, daß die Entwicklung der Medizin in dem großen Arzte von Pergamon schon ihren Schlußpunkt gesetzt habe. Die nagende Zeit mit ihren Fortschritten hat auch diesen Gedankenbau zerbröckelt und nur so viel davon stehen gelassen, als tatsächlich auf Erfahrung, auf wirklich biologischen Kenntnissen beruhte. Alles andere aber, was seine Größe und Schönheit ausmachte, die rationelle Verknüpfung durch philosophische Prinzipien und dialektischen Scharfsinn, die ganze Syllogismentektonik ist dahingeschwunden. Unanfechtbar bleibt immerhin der methodologische Wert! Nie wurde erhabener, nie wurde mit dem Aufwand eines größeren Ideenschatzes der indirekte Beweis erbracht, daß gerade die glänzendste spekulative Systematik dem Fortschritt den Weg verbaut, daß die aprioristische Deduktion, soweit sie nicht erfahrungsgemäß rektifizierbar ist, gefährliche medizinische Irrwege eröffnet. Und so bleibt denn die Nachwelt nicht nur wegen der positiven Errungenschaften, sondern auch wegen der Aufdeckung der Fehlerquellen ewige Schuldnerin der Griechen.
Homerische Heilkunst und priesterliche Medizin.
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Von der vorhistorischen Heilkunde der Hellenen ist anzunehmen, daß sie aus der indogermanischen Urmedizin hervorgegangen, späterhin den Charakter der Mykenäepoche trug, d. h. aus den benachbarten Kulturländern Drogen und Heilverfahren aufnahm, welche namentlich das seegewaltige Handelsvolk der Phönizier übermittelte. Empirie und Theurgie sind die Elemente, aus denen sich überall die Anfänge zusammensetzen, denn wenn Heilmittel im Stiche lassen, treten Gebete, Besprechung, Opfer und sonstige Kulthandlungen an ihre Stelle. Auch bei den Griechen entfaltet sich die Theurgie allmählich zu einem System von mystischer Tempelmedizin, ohne aber die Entwicklung der Erfahrungsheilkunst zu hemmen oder gar zu überwuchern.
Durch Homer erhalten wir den ersten Einblick in die griechische Medizin. In den zahlreichen Schlachtenbildern findet der Dichter Gelegenheit, Verletzungen der verschiedenen Körperteile realistisch zu schildern und bei deren kunstmäßiger Behandlung (Ausziehen von Pfeil- oder Lanzenspitzen, Blutstillung, Anwendung von schmerzstillenden Arzneien, Verbänden, kräftigenden Heiltränken) zu verweilen. Es sind zwar vornehmlich die tapferen Helden, gleichwie in der Sangeskunst auch in der Heilkunst wohlerfahren, doch gedenkt die Ilias andeutungsweise auch anderer Heilkundiger, welche mit dem Prädikate πολυφαρμάκος ausgezeichnet werden, und die Odyssee kennt sogar bereits Berufsärzte, die man gegen Entgelt, so wie die anderen Demiurgen (die Sänger, Seher und Baumeister) von weither ins Haus ruft. Welches hohe Ansehen die ärztliche Kunst genoß, erhellt aus dem berühmten Verse: ἰητρὸς γὰρ ἀνὴρ πολλῶν ἀντἀξιος ἄλλων = denn ein Arzt wiegt viele andere Männer auf.
Die homerische Heilkunst repräsentiert im wesentlichen noch volkstümliches Wissen und Können. Schärfe der Beobachtung und Klarheit des ursächlichen Denkens geben ihr das charakteristische Gepräge — soweit nicht mythische Erklärungsgründe die breiten Lücken des damaligen Wissens ausfüllen mußten. Letzteres war namentlich bei den spärlich erwähnten inneren Krankheiten der Fall, die vorwiegend auf den Götterzorn zurückgeführt werden (Seuchen, Melancholie). In der homerischen Chirurgie überrascht die Exaktheit, mit der die Folgen bestimmter Verletzungen vorher erkannt wurden.
Die Entfernung der Geschosse wurde, wenn das einfache Ausziehen mit Schwierigkeiten verbunden war, durch Erweiterung der Wunde oder Ausschneiden bewerkstelligt; von chirurgischen Instrumenten ist bloß das gewöhnliche Messer genannt; die schmerzstillenden Substanzen, z. B. Wurzeln, streute man entweder in Pulverform auf oder wendete sie in Form von Umschlägen an; als Stärkungsmittel diente für die Verwundeten eine Mischung von Pramnischem Wein mit Zwiebeln, Honig, geschabtem Ziegenkäse und Mehl. — Die anatomischen Kenntnisse des homerischen Zeitalters — die Nomenklatur zählt 150 Worte — beruhten nebst der Opferschau (in ältester Zeit auch Menschenopfer) zum großen Teile auf den Beobachtungen bei der Pflege Verwundeter (namentlich solcher mit Frakturen, Verrenkungen etc.); ebenso war es ein allerdings unvollkommener Erfahrungsschluß, wenn man das Leben, den Lebensgeist (θυμὸς, ψυχὴ) als Hauch auffaßte und in das Zwerchfell (φρὲνες) verlegte, dessen Verletzung als tödlich erkannt wurde. — Als Heilkundige erscheinen in den homerischen Gesängen vor allem die tapferen Helden, welche sich gegenseitig Hilfe leisten: Achilleus, der seine Kunst dem weisen Kentauren Cheiron verdankt, Patroklos, Nestor, namentlich aber Machaon und Podaleirios, die beiden Söhne des thessalischen Fürsten Asklepios; neben ihnen sind auch Frauen erfahren in der Heilkunde, wie in der Krankenpflege: die Zauberin Kirke, die Kräuterkennerin Agamede und Helene, welche bezeichnenderweise der Aegypterin Polydamna so manches Arzneimittel verdankt, besonders das φάρμακον νηπένθες, den Heiltrank, der jedes Leid vergessen macht (wahrscheinlich Opium). — Nicht zu übersehen ist es, daß Homer mit seinem übrigen Bildungsschatz auch das hoch entwickelte volkstümliche medizinische Wissen allen späteren Zeiten übermittelte!
Es bildet eine überraschende Tatsache, daß in der Ilias zwar vom Zorn des Pest sendenden Apollon, von Entsühnung die Rede ist, keineswegs aber ein Heilverfahren mit abergläubischen Sprüchen oder Beschwörungen verbunden wird, — selbst der Götterarzt Paieon heilt nur mit Balsam die Wunde des Ares; erst in dem jüngeren Heldengedicht, in der Odyssee, welche einer schon vorgerückteren Kulturepoche entspricht und die Anfänge des städtischen Lebens schildert, kommt die Besprechung (ἐπῳδαί) als Hilfsmittel bei der Wundbehandlung vor (Episode von der Eberjagd auf dem Parnaß). Dies zeigt schlagend, daß der Mystizismus, als erste Form der Theoriebildung, der Empirie im historischen Werdegang erst nachfolgt und anfangs gerade mit dem Aufschwung der Kultur zunimmt.
Blickt man durch den Schleier hindurch, so bergen auch die meisten griechischen Mythen, soweit sie auf Medizin Bezug nehmen, einen ganz rationellen empirischen Inhalt, der nur phantastisch verhüllt ist. Der sagenhafte Melampus heilt z. B. den impotenten Iphiklus mit Eisenrost, die drei wahnsinnigen Töchter des Proetus mit Nieswurz, Bädern, Bewegung; des Herakles Hautleiden wird durch Schwefelbäder vertrieben, des Minos ansteckende venerische Krankheit wird durch ein Ziegenblasenkondom unschädlich gemacht u. s. w. Die Unwissenheit erkennt nicht den Zusammenhang der einfachen, nüchternen Tatsachen, glaubt vielmehr in Nebenumständen die Ursachen des „Wunders“ zu erblicken und stattet dieselben phantastisch aus.