In den Traumgesichten, welche erst von den kundigen Priestern gedeutet werden mußten (d. h. nämlich mit ihrem ärztlichen Plan in Uebereinstimmung zu bringen waren!), ordnete Asklepios zumeist rationelle Kuren (Diät, Bewegungen in Form von Reiten, Jagen, Waffenübungen, psychische Mittel, z. B. Anhören eines Liedes, eines Lustspiels u. s. w., seltener Aderlässe, Abführmittel u. s. w.) an oder scheinbar Widersinniges mit suggestivem Endzwecke. Der Erfolg war stets ein neues Wunder des Gottes, der Mißerfolg wurde von den schlauen Priestern sehr leicht auf ein oder das andere Versehen des Patienten geschoben. Die Genesenen mußten sich dem Heilpersonal und dem Gotte erkenntlich zeigen. (In Epidauros fordert Asklepios einmal selbst den Lohn mit den Worten: „Geheilt bist du, nun mußt du aber das Honorar zahlen.“)
Nach uralter Sitte widmete man „Anathemata“, bildliche Darstellungen der geheilten Körperteile in Gold, Silber, Elfenbein, Marmor u. s. w. oder klebte Münzen mit Wachs an die Schenkel der Götterstatuen oder warf dieselben in die heilige Quelle als Weihgeschenk; in manchen Heiligtümern wurden die Krankengeschichten und die verwendeten Mittel auf die Tempelsäulen eingezeichnet oder auf Votivtafeln aus Metall oder Stein (πίνακες) niedergeschrieben, die man an den Säulen und Pfosten anbrachte. Dem Gotte zu Ehren feierte man auch Feste Asklepieia, welche in musischen Wettspielen bestanden.
Der Heilbetrieb in den einzelnen Asklepieien scheint sehr verschieden gewesen zu sein, je nachdem man bei den Kuren den Schwerpunkt auf den Mystizismus oder auf ein rationelles Heilverfahren legte — ein Unterschied, der in letzter Linie damit zusammenhing, ob die Priesterschaft den angeblichen Nachkommen des Gottes, den Asklepiaden, welche als Tempelärzte fungierten, einen größeren oder geringeren Einfluß gönnte.
In dieser Hinsicht können Epidauros mit seiner ausgesprochenen Thaumaturgie und Kos mit seiner Hinneigung zum Rationalismus als Repräsentanten gelten. Als Kultort behielt das erstere stets den Vorrang und suchte seit dem 5. Jahrhundert die Oberherrschaft über alle übrigen Asklepieien zu erlangen; die Hegemonie drückte sich symbolisch darin aus, daß die ehrgeizige epidaurische Priesterschaft zur Einweihung heilige Schlangen nach dem abhängigen Heiligtum schickte. Die Mythe erzählt, daß die Sendung nach Kos erfolglos blieb, d. h. die dortige Priesterschaft erklärte sich mit den Umtrieben der Epidaurier nicht einverstanden und huldigte in der Therapie Grundsätzen, welche im Sinne des Rationalismus von den wissenschaftlich forschenden koischen Asklepiaden ausgebildet wurden. Die koischen Tafeln, πίνακες, dürften darum im Inhalt ihrer Heilberichte wesentlich verschieden gewesen sein von den epidaurischen und verwandten, die, soweit sie jetzt bekannt sind, nur Zeugnis vom absurdesten Aberglauben liefern.
In welchem Geiste aber auch immer die therapeutischen Vorschriften von der Priesterschaft gegeben wurden, so handelte es sich formell doch immer um Theurgie — es war Asklepios selbst, der durch den Mund seiner Diener Vorschriften verkündete. Mochten dieselben von der anwachsenden Erfahrung noch so viel Nutzen ziehen, offiziell konnte die Priesterschaft vom Bestande einer Sammlung kritischer Beobachtungen — die ihre Richtschnur gewiß im geheimen bildete — keinen Gebrauch machen; die göttliche Offenbarung tat in jedem einzelnen Falle ein Wunder. Um den Schein des Supranaturalismus zu wahren, mußten die Priester anderen Männern die Begründung der wissenschaftlichen Heilkunst überlassen, nämlich solchen, die dem Kultus fernstanden. So wirkte, abgesehen von dem Mangel eines geschlossenen religiösen Dogmatismus, gerade die strenge Gebundenheit der Priester an den Kultus als Faktor für die freie Bearbeitung der griechischen Medizin neben und außerhalb der Tempel.
Die Aerzte.
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Asklepiaden, Gymnasten, Rhizotomen.
Der Asklepioskult bildet nur eine Form der medizinischen Entwicklung; verhältnismäßig spät auftauchend, stößt er sehr bald auf Gegenströmungen älteren Ursprungs, und infolge der fehlenden Möglichkeit, sich an bestehende universelle Priestersysteme anzuschließen gewinnt er wenigstens in den höheren Schichten des Volkes kaum vorübergehend jene geistige Macht, welche der Theurgie in der Heilkunde des Ostens die Oberherrschaft sicherte. Tiefer als der Obskurantismus wurzelt bei den Griechen die freie ärztliche Kunst.
Seit Homer erwähnen Dichter und Historiker nichtpriesterliche Aerzte, welche, ungehindert von der Tempelmedizin, in vollster Freizügigkeit ihren Beruf ausüben, ihre Erfahrung nach selbsterworbenen Gesichtspunkten verwerten konnten, und schon frühzeitig entstand die Sitte, daß politische Gemeinwesen Amtsärzte anstellten, mit der Obliegenheit, gegen fixen Gehalt die Armen unentgeltlich zu behandeln, bei Seuchen die entsprechenden Anordnungen zu treffen, vor Gericht als Sachverständige auszusagen; ebenso ist es sicher verbürgt, daß Aerzte Heer und Flotte begleiteten (bereits Lykurg führte Feldärzte ein!) oder, daß sie als Hof- und Leibärzte, wie z. B. Demokedes im 6. Jahrhundert v. Chr., dem Rufe von fremden Fürsten Folge leisteten.