Sammlung und Beobachtung von Tatsachen bilden die erste Stufe zur Wissenschaft, nicht diese selbst. Die ökonomische Veranlagung des menschlichen Geistes erheischt Gruppierung der Einzelfakten unter ordnende Gesichtspunkte, der Erkenntnistrieb erhebt die Forderung nach klarer Einsicht in die Gesetze, welche die Erscheinungswelt beherrschen.

Lange bevor die Bedingungen für eine methodische Ableitung oberster Prinzipien aus dem medizinischen Erfahrungsstoff auch nur angedeutet waren, versuchte kühn vorgreifendes Denken die ärmliche Empirie wissenschaftlich zu durchdringen, indem man Elemente der Weltanschauung in die Medizin hineintrug als Leitsätze, aus denen sich bekannte oder noch unbekannte Tatsachen, wie Folgerungen mit logischer Notwendigkeit ergeben sollten.

Die Priesterärzte des mesopotamisch-ägyptischen Kulturkreises verankerten die Theorie der Heilkunst an den Satzungen ihres religiös-kosmosophischen Dogmatismus, das medizinische Denken der Griechen schloß sich vorwiegend an die schwankenden Theoreme philosophischer Spekulation mit ihren verwegenen weit ausgreifenden Schlüssen an. Wurde es so zum Spiel der Wogen, welche ein fesselloses Gedankenmeer vielgestaltig, im beständigen Wechsel emporwarf, so überwog den Nachteil der Unstetigkeit der unschätzbare Vorteil beständiger Kritik, die im Wandel der Systeme geboren wurde und wenigstens mit einem Ende an empirischer Naturforschung haftete. Denn die vorsokratischen Philosophen verschleierten oft spärliche, aber sicher gewonnene Erfahrungsergebnisse durch scheinbar rein intuitive Ideen und richteten ihr Streben nicht bloß auf die Analyse der Begriffswelt, sondern mit Vorliebe auch auf Naturerkenntnis, einschließlich des Baues, der Entwicklung und der Lebenstätigkeit organischer Wesen; sie waren Naturforscher und manche unter ihnen selbst Aerzte, welche beherrscht vom Gedanken einer allumspannenden Regelmäßigkeit einzelne Erfahrungen kühn verallgemeinerten. Biologische Forschung, Kosmologie und Dialektik schließen sich noch zu einer Kreislinie, deren Ausgangspunkt beliebig angenommen werden kann.

Es sei beispielsweise auf einige empirische Stützen der ältesten naturphilosophischen Systeme hingewiesen. Wenn Thales von Milet (624-548/5 v. Chr.) das Wasser für den Grundstoff aller Dinge erklärt, so konnte seine Anschauung aus der Erwägung hervorgehen, daß Feuchtigkeit für die Vegetation unentbehrlich ist, Regengüsse und Ueberschwemmungen (Nil) Fruchtbarkeit erzeugen, die Nahrung von Pflanzen und Tieren feucht ist, Lebendiges aus Flüssigem (Samenflüssigkeit) entsteht u. s. w. Die Lehre des Anaximenes (geb. zwischen 528 und 524 v. Chr.) oder später des Diogenes von Apollonia (um 430 v. Chr.), daß die Luft den Urstoff bildet, aus dem sich alles entwickelt, konnte damit bekräftigt werden, daß die Luft überall hindringt, die Atmung das Leben unterhält, die Winde von größtem Einfluß auf Temperatur, Wachstum und Gesundheit sind — nach Homer ist Zephyros Erzeuger der Früchte, dem Hesiod ist Luft überhaupt weizenbringend, dem Boreas wurden in Athen Feste gefeiert, den Windgöttern brachte man wegen des Kindersegens vor der Hochzeit Opfer etc. Ebenso beruht es auf einseitiger, aber doch realer Naturbetrachtung, wenn Herakleitos aus Ephesos (535-475) aus dem fortwährenden Wechsel von Aufbau und Zerstörung, in allen Naturvorgängen (namentlich im Lebendigen) denjenigen „Stoff“, der niemals zu ruhen scheint, Umwandlungen in den flüssigen, gasförmigen oder festen Aggregatzustand (Schmelzung, Verdampfung, Asche) hervorruft und der außerdem auch der Lebenswärme (Beseelung) höher organisierter Wesen als Prinzip zu Grunde liegt, für die Urmaterie erklärt — das Feuer. Die Bedeutung der Lebenswärme kommt auch bei Parmenides aus Elea (geb. um 540 v. Chr.) zur Geltung, wenn er das Warme als Grund des Lebens ansieht und die Menschen aus Erdschlamm vermittels der Sonnenwärme entstehen läßt. — Die tausendfältige Beobachtung der Vergänglichkeit und Veränderlichkeit der Sinneswelt, manche Erfahrung abnormer Sinnesempfindungen (z. B. das Sehen des Gelbsüchtigen) führte die eleatischen Philosophen zu ihrem System, nach welchem „wir das Seiende weder schauen noch erkennen“. — Die Pflege der Mathematik, das Studium der Regelmäßigkeiten geometrischer Körper, die Begründung der wissenschaftlichen Tonlehre (wobei das bisher Unfaßbare, die Tonhöhe, die Harmonie als Wirkung bestimmter Zahlenverhältnisse erkannt wurde) erweckten den Gedanken des Pythagoras von Samos (etwa 575 v. Chr. bis zur Jahrhundertwende), daß die Zahl das Wesen der Dinge ausmacht. — Dem Anaxagoras aus Klazomenä (geb. um 500 v. Chr.) galten die zu seiner Zeit für einfach gehaltenen Elemente (Feuer, Wasser, Luft und Erde) als die kompliziertesten Stoffe, voll von „Samen“ jeder erdenklichen Art, er glaubte, es gäbe so viele Grundstoffe, als uns die Sinne Modifikationen der Materie vorführen, bestehend aus unendlich kleinen unveränderlichen Teilchen (z. B. Gold aus Goldteilchen, Silber aus Silberteilchen etc.) — Homöomerientheorie. Die Wurzel dieser grotesken Verirrung ist darin zu suchen, daß der Philosoph den Ernährungsprozeß zum Ausgangspunkt seiner Betrachtung nahm und erwog, wie mannigfache Gebilde, z. B. Haut, Fleisch, Blut, Adern, Sehnen, Knochen, Haare u. s. w., aus dem Nahrungsstoff hervorgehen; es müßten daher bereits in der Nahrung, z. B. im Brot, im Wasser u. s. w., die unsichtbaren Teilchen (also Fleisch-, Blut-, Knochenteilchen u. s. w.) vorhanden sein, um beim Ernährungsprozeß unter günstigen Umständen zusammentreten zu können. — Empedokles von Agrigent (etwa 495-435 v. Chr.) nahm bekanntlich eine begrenzte Zahl (4) von Grundstoffen an — Feuer, Wasser, Luft und Erde (letztere bei Parmenides und Xenophanes aus Kolophon [etwa 575-480 v. Chr.] als Grundstoff erwähnt) — und ließ aus deren Vereinigung oder Trennung, aus den quantitativen Verhältnissen ihrer Zusammensetzung die verschiedenen Dinge der Natur hervorgehen. Um die Lehre von der Mischung der Elemente verständlich zu machen, erinnert er bezeichnenderweise an den Prozeß, der sich auf der Palette des Malers abspielt. Mit seinen vier Grundstoffen vergleicht er die Grundfarben (Weiß, Schwarz, Rot, Gelb), deren sich die Malerkunst bediente und aus deren vielfach abgestufter Mischung unzählige Nüancen zu stande kommen. Daraus ergibt sich, wie sehr auch dieser Denker von positiven Wahrnehmungen ausging; deshalb ist gewiß anzunehmen, daß sein Weltgesetz: „Gleiches zieht sich wechselseitig an“ auf der Beobachtung der Massenansammlung gleichartiger Stoffe (Luft, Erde, Wolken, Meer) beruht. — Zum Schlusse möge noch darauf hingedeutet sein, daß die Atomenlehre eines Leukippos oder Demokritos aus Abdera (geb. 460 v. Chr.) sich anschaulich vorstellen ließ in der Betrachtung der Sonnenstäubchen, mit ihrer, selbst bei scheinbar vollständiger Ruhe der Luft, unablässigen Bewegung. — An dieser Stelle sei darauf verwiesen, daß die verschiedenen Phasen der hellenischen Spekulation die philosophischen Grundlehren orientalischer Völker widerspiegeln; so erinnert die mathematische Weltanschauung des Pythagoras (Harmonielehre) und manche Eigentümlichkeit seiner Ethik an die chinesische Philosophie, die eleatische Lehre an die Vedantaphilosophie der Inder, die Vierelementenlehre des Empedokles an die Aegypter, das System des Herakleitos an Zoroaster.

Unter den Philosophen, welche auf die Medizin den frühesten und nachhaltigsten Einfluß ausübten, gebührt Pythagoras die erste Stelle. Der Weise von Samos, welcher nach langen Studienreisen (in Aegypten und wahrscheinlich auch Babylon) in Kroton einen religiös-sittlichen Bund gründete, beschäftigte sich nicht allein in bahnbrechender Weise mit Mathematik, Astronomie und Akustik, sondern auch mit Untersuchungen über Körperbau, Zeugung und Entwicklung, Sinnesfunktion und Seelentätigkeit, sowie mit der Behandlung von Kranken. Von seinen theoretischen Forschungsergebnissen wäre besonders erwähnenswert, daß er die Entstehung von Lebewesen aus faulenden Stoffen leugnete und durchwegs auf Samen zurückführte, ferner daß er die Affekte (θυμός) vom Verstand (νοῦς) scharf unterschied, wodurch die Lokalisation des Intellekts im Gehirn vorbereitet wurde.

Mit seinem System, wonach strenge Gesetzmäßigkeit, ein bestimmtes Zahlenverhältnis alle Naturvorgänge beherrscht, ließ sich die Lehre von den kritischen Tagen so ungezwungen vereinigen, daß man dieselbe gerne auf seine Autorität zurückführte. Was die Therapie anlangt, so verwendeten Pythagoras und seine Schüler, unter denen sich viele Aerzte befanden, unter Vernachlässigung der Chirurgie einfache Pflanzenmittel, Umschläge, Salben, theurgische Gebräuche (Sühnungen, Beschwörungen, magische Kräuter, Zaubergesänge, religiöse Musik), besonderer Nachdruck wurde aber auf die Regelung der Lebensweise und Leibesbewegungen gelegt (Pflege der Gymnastik und gewisse diätetische Vorschriften — Einschränkung des Fleischgenusses, Verbot der Fische und der Bohnen — zählten bekanntlich zu den wichtigsten Einrichtungen des Pythagoreerordens). Nach Sprengung des Bundes (infolge politischer Ereignisse kurz vor 500) verbreiteten sich viele Aerzte, die im Geiste des Stifters gebildet waren, über ganz Griechenland; die medizinische Schule von Kroton stand zweifellos mit den Pythagoreern in Beziehung.

Die Schule von Kroton wurde durch den knidischen Asklepiaden Kalliphon zu hoher Blüte gebracht. Dessen Sohn Demokedes verließ 526/5 die Heimat, wurde Gemeindearzt in Aigina, hierauf in Athen, und folgte sodann einem Rufe des Polykrates von Samos. In dessen Mißgeschick verflochten, geriet er in persische Gefangenschaft, gelangte aber später zu hohen Ehren, weil er den König Dareios I. von einer Fußverrenkung, die Königin Atossa von einer Mastitis heilte. Von Sehnsucht nach der Heimat erfüllt, griff er zur List, ließ sich als Kundschafter nach Hellas senden und benutzte die günstige Gelegenheit, um die goldenen Ketten des Perserhofs mit dem Aufenthalt in Kroton zu vertauschen. Als krotoniatische Aerzte werden genannt die Philosophen Philolaos, Alkmaion und Hippon, ferner Hippasos (der nach anderen aus Metapont stammte).

Die höchste Bedeutung für die Entwicklung der medizinischen Theorie ist einem jüngeren Zeitgenossen des Pythagoras zuzusprechen, dem tiefdenkenden Arztphilosophen Alkmaion von Kroton. Mit seiner Schrift über die Natur, περὶ φύσεως, welche leider schon früh verschollen war, beginnt das griechische medizinische Schrifttum. Er gilt als erster, der Sektionen anstellte, als Entdecker des Sehnerven (fälschlich auch der Eustachischen Röhre), er unterschied (in der Leiche) blutleere Adern (φλεβες) und blutführende Adern (αἰμόρροοι φλεβες), kannte die Luftröhre (ἀρτηρἰη); die Entstehung des Geschlechtes führte er auf das Ueberwiegen des männlichen oder weiblichen Samens zurück und lehrte, daß sich der Kopf zuerst bilde, damit der Mund schon im Uterus die Nahrung aufsaugen könne. Den Schlaf erklärte Alkmaion aus dem Zurückstauen des Blutes in die blutführenden Gefäße; wegen der bei Gehirnerschütterung eintretenden Sinnesstörungen meinte er, daß Blindheit oder Taubheit dann entstehe, wenn das aus seiner Normallage gerückte Gehirn die Wege der Sinnesempfindung (πόροι) verschließe; dem allgemein verbreiteten Vorurteil, daß der Same aus dem Rückenmark stamme, trat er mit dem tatsächlichen Befund entgegen, daß das Mark der Rückenwirbel bei Tieren, die nach dem Zeugungsakt getötet werden, keine Verminderung aufweise.

Die bedeutendste Leistung des großen Forschers liegt aber darin, daß er zuerst im Gehirn das Zentralorgan der Geistestätigkeit erkannte. Gesundheit wird nach ihm durch das Gleichmaß (Isonomie) der im Körper vorhandenen Stoffqualitäten erhalten (des Kalten, des Feuchten, des Warmen, des Trockenen, des Süßen, des Bitteren u. s. w.). Krankheit entsteht durch das Vorherrschen (μοναρχἰα) einer Qualität (z. B. des Kalten, des Feuchten, des Bitteren, des Süßen etc.), Heilung erfolgt durch Wiederherstellung des Gleichgewichts, indem die entgegengesetzte Qualität (z. B. Wärme beim Vorherrschen des Kalten, Feuchtigkeit beim Uebermaß der Trockenheit) zugeführt werde.

Ἀλκμαἰων τὴς μὲν ὑγεἰας εἶναι συνεκτικὴν τὴν ἰσονομἰαν των ὀυναμέων, ὑγροῦ, ξηροῦ, ψυχροῦ, θερμου, πικρου, γλυκεος καἰ των λοιπων, την δ' ὲν αυτοις μοναρχιαν νοσον ποιητικην: φθοροποιὸν γὰρ έκατέρου μοναρχἰαν (Aetius, Plac. V, 30). — Zu den Pythagoreern wird von manchen auch Epicharmos (etwa 550-460 v. Chr.) gerechnet, bekannt als Dichter (dorisch-sizilianische Komödie) und Arzt; er schrieb u. a. über den Kohl als Heilmittel.