7. Παραγγελὶαι. Praecepta = Vorschriften. Aerztliche Sittenlehre, welche in dem Satze gipfelt: Wo Liebe zum Menschen ist, da ist auch Liebe zur Kunst vorhanden.

8. Ἀφορισμοί. Aphorismi = Die Aphorismen (Lehrsätze). Bücher, deren letztes in viel späterer Zeit verfaßt wurde und nur eine höchst mangelhaft redigierte Kompilation darstellt. Die Aphorismen sind der berühmteste Teil der ganzen hippokratischen Schriftensammlung, wurden in fast alle Sprachen übersetzt und unzählige Male kommentiert, sie enthalten in zumeist lapidarer Kürze das Resumé der Prognostik der koischen Schule. Wenn auch dem Werte nach ungleichartig, finden sich unter den Aphorismen Thesen und Sinnsprüche, welche von echt hippokratischem Geiste durchweht, in ihrer prägnanten Fassung an die Aussprüche der sieben Weisen erinnern und zu den Perlen der Weltliteratur zählen. Zu geflügelten Worten sind namentlich die folgenden beiden geworden: „Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang, der rechte Augenblick ist rasch enteilt, der Versuch ist trügerisch, das Urteil ist schwierig“ (I, 1)[19] und „Was Arzneien nicht heilen, heilt das Eisen, was das Eisen nicht heilt, heilt das Feuer, was das Feuer nicht heilt, das muß man als unheilbar betrachten“ (VIII, 6)[20]. Das erste Buch betrifft hauptsächlich die diätetische Therapie; das zweite die Prognostik; das dritte Krankheitsdisposition, Einfluß der Jahreszeiten und des Lebensalters; das vierte handelt von Brech- und Abführmitteln und von der Diagnose, insbesondere fieberhafter Krankheiten; das fünfte von Krämpfen, von der Wirkung der Wärme und Kälte, namentlich bei chirurgischen Affektionen, von Frauenkrankheiten; das sechste enthält in seinem sehr bunt gemischten Inhalt Bemerkungen über die Symptomatologie chirurgischer Krankheiten; das siebente handelt von Nebenerscheinungen, Komplikationen mit Prognose und über die Aufeinanderfolge von Krankheiten.

Zur Anatomie und Physiologie.

9. περὶ ἀνατομῆς. de anatomia = Die Anatomie. Kurzes Fragment, welches die innerhalb des Rumpfes gelegenen Organe beschreibt.

10. περὶ καρδίης. de corde = Das Herz. Wahrscheinlich unter dem Einfluß der sizilischen Schule verfaßte Schrift, enthält eine genaue Beschreibung des Herzens als Sitz der Seele.

11. περὶ σαρκῶν. de carne = de musculis = Das Fleisch. Besonders bemerkenswert durch die in Anlehnung des Herakleitos und Parmenides ausgesponnenen physiologischen Hypothesen, sowie durch die Theorie von der Bedeutung der Zahl Sieben für die Entwicklungsgeschichte und den Krankheitsverlauf. (Knidisch.)

12. περὶ ἀδένων. de glandulis = Die Drüsen. In der Beschreibung der Drüsen wird das Gehirn als die größte bezeichnet und angeführt, daß von demselben sieben Arten von Flüssen = Katarrhen ihren Ursprung nehmen. (Wahrscheinlich knidisch.)

13. περὶ ὀστέων φύσιος. de natura ossium = Die Natur der Knochen. Enthält außer einer unvollständigen Aufzählung der Knochen nichts Osteologisches, sondern eine verworrene Schilderung des Gefäßsystems.

14. περὶ φύσιος ἀνθρώπου. de natura hominis = Die Natur des Menschen. Das Buch ist aus verschiedenartigen Stücken zusammengesetzt und entstand wahrscheinlich nach der Konsolidierung der sizilischen Schule. Es ist die Haupturkunde der koischen (= hippokratischen) Humoralpathologie, da es die Zusammensetzung des Körpers aus vier Qualitäten bezw. den entsprechenden Kardinalflüssigkeiten Blut, Schleim, gelber und schwarzer Galle verteidigt und die Krankheiten von einem Mißverhältnis derselben ableitet (Kap. IV). Indes wird (Kap. X) auch dem Pneuma bei der Entstehung endemisch-epidemischer Krankheiten eine Hauptrolle zugewiesen, gegenüber den Fehlern der Lebensweise, welche individuelle Leiden verursachen. Die Venenbeschreibung, welche das Buch (Kap. XII) enthält, stammt nach Aristoteles von Polybos.

15. περὶ γονῆς. de semine (genitura) = Der Samen.