Unter dem Schutze der Bürgerfreiheit wagte es der Künstler, losgelöst von den Fesseln des Konventionalismus den Gegenstand zu gestalten, wie er ihn schaut, erkühnte sich der Dichter, der philosophische Denker, wie mit tiefgehender Pflugschar, selbst den geheiligten Boden der Tradition durch rückhaltlose Kritik aufzuwühlen. An Stelle der geschlossenen Weltanschauung der älteren Kultur tritt die subjektive Ueberzeugung des einzelnen Individuums hervor, erscheinen die Typen der Mythologie in neuer Beleuchtung, erfahren die herkömmlichen Begriffe dialektische Zersetzung, verkündet sophistische Rhetorik die Relativität aller Erkenntnis, aller Sittlichkeit. Im Drama, wo der Chor seit Aischylos immer mehr an Bedeutung einbüßt, und in der Geschichtschreibung erstarkt das Recht der Persönlichkeit; die Komödie des Aristophanes, die Malerei erhebt sich zur Naturwahrheit, ja zur Porträtähnlichkeit, und derselbe freie Kunstgeschmack, welcher die erhabenen Schöpfungen der Bildhauerkunst mit Leben, Bewegung und Ausdruck erfüllte, verdrängte selbst die steife Fältelung des Gewandes aus der Mode und verlieh der Kleidung des einzelnen individuelles Gepräge.
In der Kunst zur höchsten Blüte führend, zog der Individualismus in der Wissenschaft in dem Maße, als es an positiven Tatsachen gebrach, sehr bald den äußersten Skeptizismus nach sich; denn unaufhaltsam mußte sich die Kritik, nachdem sie vergeblich die Tradition mit den neuen Erkenntnissen zu versöhnen versucht hatte, mit ätzender Schärfe auch gegen die stets neu auftauchenden, wechselnden Lehren und Anschauungen wenden, wenn nicht durch den Augenschein das Element der Willkür von vornherein auszuschalten war.
Nicht minder, als die Geisteswissenschaften, wurde auch die Naturforschung fortwährend von Schwankungen erschüttert, und gerade hier, wo die Spekulation trotz mancher überraschender Fortschritte (besonders in der Astronomie und Mathematik) wahre Orgien feierte, folgte dem anfänglichen Siegesrausch eine Ernüchterung, welche allmählich von der Kritik zum Relativismus und von diesem bis zur totalen Negation der Erkenntnismöglichkeit gelangte. Von den schweren Krisen, welche die darauf fußende Weltanschauung erschütterten, geben die Dramen des Euripides ergreifende Kunde, eines Dichters, der als Vorkämpfer der Neuerungen begann und mit der Proklamation des Bankrotts der Wissenschaft endete. Ein Metrodoros von Chios, Demokrits berühmtester Schüler, stellte die Möglichkeit jedes sicheren Wissens in Abrede, der Herakliteer Kratylos wagte überhaupt kein Urteil auszusprechen, weil das Wesen des Seins nicht zu erfassen wäre.
Hauptträger der mächtigen Geistesbewegung, welche auf allen Gebieten Probleme aufwarf — sittliche, religiöse, wissenschaftliche —, waren die Sophisten. Diese verstanden es wohl, das Denken aufzurütteln, mit sublimer Dialektik scharfe Begriffsbestimmungen vorzunehmen, die wissenschaftliche Phraseologie außerordentlich zu verfeinern, sie glaubten aber, gleich den mittelalterlichen Scholastikern, der empirischen Kenntnisse entbehren zu können, identifizierten ihre spitzfindigen, abstrakten Wortanalysen mit realen Gegensätzen in der Natur und machten in ihrer Vorliebe für das Formale die Eristik, die Rhetorik zur Wissenschaft. Von Männern, welche als kostspielige Wanderlehrer mit der Virtuosität allumspannenden Wissens prunkten, ohne über wirkliche Sachkenntnis zu verfügen, ja diese geringschätzten und beifallslüstern ihren höchsten Ehrgeiz darein setzten, das Pro und Kontra jeder Frage überzeugend verteidigen zu können, war keine Rettung aus dem Wirrsal zu erwarten.
Die Zeit der alten Naivität, der ungeschulten Empirie war vorbei, und umsonst suchten die Altgläubigen und politischen Reaktionäre im Bunde mit heuchlerischen Demagogen das Rad zurückzudrehen oder den neuerungsliebenden Geist der Aufklärung durch den Mund des Aristophanes zu verhöhnen, oder gar durch Verbannung einiger Philosophen den Fortschritt zu hemmen. Eine Ueberwindung des Skeptizismus war nur dadurch möglich, daß der Individualismus auf sittlichem Gebiete das Ich zur Gesamtheit erweiterte, intellektuell zur phänomenologischen Auffassung der Dinge fortschritt, welche sich gemäß der Erkenntnis der Grenzen des menschlichen Begriffsvermögens mit der Sinneserfahrung begnügte und nur das verknüpfende kausale Band, die Gesetze, aufzudecken strebte. Diesen Weg beschritt Sokrates.
In dem Wirbel der Widersprüche schienen auch alle erfahrungsmäßig erworbenen Kenntnisse versinken zu müssen, und tatsächlich sahen sich die Denker vor die Wahl gestellt, entweder auf das Streben nach wahrer Erkenntnis verzichten oder zum Glauben an die Ueberlieferung zurückkehren zu müssen. Die befreiende Tat dankt der Intellektualismus dem weisen Sokrates. Schüler der Sophisten, überwindet er doch die Sophistik, bei aller Neigung zur Dialektik bewahrt er sich doch den Sinn für das Wirkliche, bei aller Empfänglichkeit für das Neue wirft er doch das Alte nicht fort, überall Wissen vom Scheinwissen trennend, baut er auf, wo die anderen niederreißen. Auch Sokrates, und noch mehr als seine Vorgänger, erfaßt die Grenzen der Erkenntnis, die Relativität unserer Wahrnehmung; mit sublimster Disputierkunst zerfasert auch Sokrates jeden herkömmlichen Begriff, aber er bleibt nicht auf halbem Wege wie die anderen stehen, sondern beschränkt die Forschung auf das Studium „der menschlichen Dinge“, findet Normen des Denkens, entdeckt das Sittengesetz in der menschlichen Brust und erkennt die Realität der die Erscheinungen beherrschenden Ideen (Gesetze). In seiner Auffassung wird der Individualismus zum Altruismus, indem das Glück des einzelnen mit dem Wohl der Gesamtheit eins wird, und trotz der anerkannten Unlösbarkeit der naturphilosophischen Probleme mit den Mitteln der zeitgenössischen Forschung, zieht er nicht die Folgerung, daß alles Bemühen um die Naturerkenntnis ein erfolgloses sei, sondern empfiehlt sie seinen Jüngern, soweit praktische Zwecke in Betracht kommen und wirkliche Erfahrungen die Grundlage bilden.
Was Sokrates für die Philosophie, bedeutet Hippokrates für die Medizin. In beiden verkörpert sich die Reaktion der praktischen Vernunft gegen Seichtheit und theoretischen Ueberschwang, beide vertreten inmitten von Unklarheit, Spekulationssucht und unfruchtbarer Hyperkritik die goldene Mittelstraße der an nüchterne Wirklichkeit gebundenen Reflexion, beide stecken die Grenzen ihres Gebietes mit weiser Selbstbeschränkung ab und finden im Sittengesetz, im Prinzip des idealsten Utilitarismus den Schwerpunkt für ihr Handeln.
Um die Mitte des 5. Jahrhunderts war die griechische Medizin an einem entscheidenden Wendepunkt angelangt, der geradezu gebieterisch nach einem führenden Genius heischte. Unter der Gunst vollster Geistesfreiheit, welche dem Subjektivismus breitesten Spielraum gewährte, hatten in rascher Folge mannigfache, der Naturphilosophie entlehnte Hypothesen nicht nur von der Krankheitslehre Besitz ergriffen, sondern auch die praktische ärztliche Tätigkeit in die gefährliche Abhängigkeit von wandelbaren Systemen gebracht. Der stete Wechsel sophistisch verteidigter Spekulationen bedrohte den Schatz von sicheren Kenntnissen und Erfahrungen, welche mühsam erworben worden waren, erschütterte das Vertrauen in die Heilkunst als solche und ebnete jenen unberufenen Elementen den Weg, welche, wie die Gymnasten, einzelne Heilmethoden in maßloser Ueberschätzung zur Panacee erhoben oder als beifallslüsterne Wanderlehrer (Iatrosophisten) das Publikum mit einer hohlen, kaum von Sachkenntnis getrübten Rhetorik betörten. Iatrosophisten einerseits, fanatische Empiriker anderseits, stritten um die Palme, und schon schien es unabwendbar, daß die Medizin in uferlose Spekulation zerrinnen oder in öder Schablone, seichtem Banausentume versanden müsse.
Die nüchterne ärztliche Beobachtung, im Bunde mit vorsichtiger, an Tatsachen haftender Reflexion, besaß fast nur in den Asklepiadenschulen eine wahre Pflegestätte; denn dort verschloß sich die altehrwürdige Tradition zwar keineswegs den zeitgeborenen Neuerungen, wußte aber den Flug der Spekulation in feste Bahnen zu zwingen. Um ihre große Mission zu erfüllen, um den Tageslärm ärztlicher Modephilosophen, die Scharlatanerie gewissenloser Marktschreier in die Schranken weisen zu können, war es jetzt nötig, daß die von Generationen gesammelte Asklepiadenweisheit sich ihrer letzten Reste von esoterischer Engherzigkeit gänzlich entledige und ihre Wissensschätze, ihre Methode, ihre Ethik zum Gemeingut aller Aerzte mache. Diese Großtat wurde nach mancherlei vorbereitenden Ereignissen durch den edelsten Sprößling der Asklepiadenfamilie, durch Hippokrates vollbracht. Erst in ihm hat der Hellenismus auf medizinischem Gebiete bewiesen, daß er sich nicht allein von den Fesseln orientalischen Denkzwangs zu befreien vermochte, sondern auch ohne das leitende Gängelband einer priesterlichen Kaste die Stufe rationeller Wissenschaft und sittlicher Würde zu erklimmen verstand.
Der Uebergang von der Asklepiadenzunft zum freien Arzttum macht gerade die wesentlichen Eigentümlichkeiten des Hippokratismus verständlicher. Gleich Schrittsteinen verraten die beiden ersten Schriften der hippokratischen Sammlung die Spur: „Der Eid“, dieses uralte Erbstück der koischen Schule, worin die Pflichten des Asklepiaden gegen Lehrer, Schüler und Kranke enthalten sind, und „Das Gesetz“, dessen Schlußsatz auf die Weihen anspielt, die der Aufnahme in die Zunft vorangingen[22]. Nicht nur in diesen, sondern auch in einigen anderen Schriften, welche von der hippokratischen Auffassung des ärztlichen Berufes durchweht sind („Der Arzt“, „Ueber den Anstand“, „Vorschriften“, „Aphorismen“) wird der Ethik und ärztlichen Etikette ein ganz besonderer Platz eingeräumt und der Deontologie die Rolle eines integrierenden Bestandteils des medizinischen Unterrichts zuerkannt. Abgesehen von der Reaktion gegen die Umtriebe mancher Standesgenossen spricht sich darin die Tatsache aus, daß gerade der freie Arzt — noch mehr als der priesterliche oder halbpriesterliche Zunftarzt — sich der Verantwortlichkeit seines Tuns und Lassens, seiner Standespflichten bewußt sein müsse, um seine schwer zu begrenzende Berufsfreiheit nicht zu mißbrauchen.