Ein Beispiel wüster Zusammenstellung verschiedener Schriften findet sich in der, mit einem Codex Vaticanus aus dem 10. Jahrhundert so ziemlich übereinstimmenden, Druckausgabe Oribasii de simplicibus libri V von Schott (Argent. 1553); dort enthält das 1. Buch einen Auszug aus Pseudoapulejus, das 2. entspricht der Dynamidia Hippocratis, das 3. ist aus Galen und Apulejus entnommen, das 4. ist eine erweiterte Uebersetzung von Lib. II der Euporista des Oreibasios, das 5. enthält nicht vollständig die pseudogalenische Schrift de simplicibus ═ de pigmentis; besser geordnet findet sich die gleiche Zusammenstellung in einem Kodex des 9. Jahrhunderts von St. Gallen.
Eine, aus einem pathologischen und therapeutischen Teile bestehende, „Summa medicalis” kann man in dem Kod. 97 von Montecassino (Ende des 9. Jahrhunderts) erblicken, derselbe enthält den Brief des Vindicianus an Pentadius (über Humoralpathologie), verschiedene pseudonyme Briefe des „Hippokrates”, eine Abhandlung Galens über Harn und Puls, den Aurelius ═ Escolapius, einen Teil des Pseudoapulejus, eine Abhandlung über pflanzliche und tierische Mittel u. a. Von großem Interesse ist ein, in diesem Sammelwerke vorkommendes, deontologisches Fragment:
Quomodo visitare debes infirmum.
Non omnem infirmum uniter visites, sed si integre audire vis disce. Mox qui ingredieris ad infirmum interroga eum si quid forsitan dolet: et si tibi dixerit eo quod aliquid dolet, item require ab eo si fortis est dolor an non: est assiduus an non; postea tenes ei pulsum et vides si febrit an non. Si enim aliquid ei dolet, invenies ei pulsum ad tactum qui dicitur fluidus atque citatus: et require ab eo si cum frigore ei ipse dolor veniet, et si sint ei vigiliae: et interroga si ex ipsa infirmitate sint ei vigiliae, aut faciendo aliquam rem: et si legitime ventrem facit aut urinam: et inspicis utrasque partes et vide si periculum forsitan sit illi, si tamen acuta fuerit infirmitas. Nam si temporalis fuerit nihil agnoscis, sed inquire initium infirmitatis, et quid dixerunt priores medici, qui eum visitaverunt, si omnes uniter dixerunt an alter aliud. Et require qualis esse corpus potuit sive frigidus, sive aliud simile, aut si solutum ventrem habuit, aut si somniculosus est, et si assidua est illi infirmitas, an non, et si ita tales erant illi infirmates aliquando. Quoniam cum haec omnia requisieris facile ejus causas agnoscis et cura tibi difficiles non videtur (publiziert in Renzi, Collectio Salernitana, Napoli 1852 seq., II, p. 73).
Bevor wir den Spuren der Heilkunde in Italien weiter nachgehen, wollen wir einen Blick auf die medizinischen Zustände der übrigen Länder des frühmittelalterlichen Kulturkreises werfen. Stehen uns auch nur dürftige Angaben zu Gebote, so tritt doch die fundamentale Tatsache deutlich hervor, daß der Klerus und das Mönchtum jenseits der Alpen in der Medizin, wie im gesamten Bildungswesen, eine weit mehr dominierende Stellung einnahmen als in Italien, ja sogar die längste Zeit unbestritten die Alleinherrschaft besaßen.
In Spanien, das seit den letzten Dezennien des 5. Jahrhunderts unter der drückenden Herrschaft der Westgoten schmachtete, verfielen früher als in anderen einst römischen Provinzen die Schulen der Kaiserzeit (z. B. Corduba) und damit auch der Aerztestand, dessen Beruf zu einem Gewerbe herabsank. Welch geringes Ansehen derselbe genoß, ersieht man aus den, von äußerstem Mißtrauen erfüllten, Bestimmungen des westgotischen Rechts, das nicht nur die Honorarverhältnisse beleuchtet, sondern auch die Art des Unterrichts (persönliche Unterweisung durch einen erfahrenen Meister) andeutet[27].
Der Arzt hatte vor der Uebernahme der Behandlung mit dem Kranken oder dessen Verwandten einen Honorarvertrag zu schließen und Kaution zu stellen. Für verschiedene Kuren gab es bestimmte Taxen, z. B. für die Staroperation 5 Solidi. (Si quis medicus hipocisim de oculis abstulerit et ad pristinam sanitatem infirmum revocaverit V solidos pro suo beneficio consequatur.) Starb der Kranke, so hatte der Arzt keinen Anspruch auf ein Honorar, durfte aber die Kaution ohne weitere Behelligung zurückziehen. Für begangene Kunstfehler hatte der Arzt eine Geldbuße zu leisten, z. B. für eine durch ungeschickten Aderlaß verursachte Schädigung 150 Solidi. Wurde durch die Behandlung der Tod des Kranken herbeigeführt, so hatte der Arzt, falls es sich um einen Knecht handelte, einen anderen dafür zu stellen, hingegen wurde er, falls es sich um einen Freigeborenen handelte, der Sippe desselben zur willkürlichen Bestrafung (Blutrache) ausgeliefert. Bei weiblichen Personen aus dem Stande der Freien durfte der Arzt nur in Gegenwart ihrer Verwandten einen Aderlaß vornehmen, selbst im Falle dringender Gefahr sollten bei einer Strafe von 10 Solidi Nachbarn, Mägde oder Sklaven zugegen sein, weil sonst derartige Gelegenheiten leicht zu unsittlichen Scherzen mißbraucht werden könnten (quia difficillimum non est, ut interdum in tali occasione ludibrium adhaerescat). — Für den Unterricht in der Heilkunde, den ein Arzt seinem Schüler erteilte, war ein Lehrgeld von 12 Solidi festgesetzt (Si quis medicus famulum in doctrinam susceperit, pro beneficio suo duodicim solidos consequatur). (Leg. Wisigoth. lib. XI, tit. 1, de medic. et aegrot.) — Eine solche drakonische Gesetzgebung lähmte natürlich die ärztliche Tätigkeit, denn höchstens herumziehende Pfuscher konnten sich über die, bei der Behandlung drohenden, kriminellen Gefahren hinwegsetzen.
Von der Anteilnahme des Klerus an der Heilkunde bildet die angebliche Vornahme des Kaiserschnitts an einer Schwangeren durch den Bischof Paulus von Merida[28] die früheste Spur, weiterhin hören wir, daß Bischof Masona von Merida daselbst um 580 ein großes Hospital erbauen ließ[29]. Es ist sehr wahrscheinlich, daß sich hierbei Einflüsse der um die Heilkunde so verdienten Nestorianer geltend machten[30]. Seit dem Uebertritt der arianischen Westgoten zum Katholizismus (586) nahm begreiflicherweise das Mönchtum und das geistliche Unterrichtswesen einigen Aufschwung. Wir dürfen bestimmt annehmen, daß Stifte und Klöster mit eigenen Aerzten versehen waren[31]. Aus einer der geistlichen Schulen[32] ging der berühmte Bischof Isidorus von Sevilla (Isidorus Hispalensis), einer der großen Bildner des Mittelalters, hervor, welcher wohl in Gefolgschaft des Cassiodor, aber bedeutend über denselben hinausdringend, aus der alten Literatur alles Wissenswerte zusammentrug und durch seine zwanzig Bücher „Etymologiae”, eine Enzyklopädie umfassendster Art, auch für die Heilkunde — soweit Kleriker sich mit ihr beschäftigten — von lang nachwirkender Bedeutung geworden ist.
Isidorus Hispalensis, Bischof von Sevilla (um 570-636), der gelehrteste Mann seines Zeitalters, machte sich um die Erhaltung der Wissenschaft sehr verdient und wurde durch seine zahlreichen Schriften (theologischen, philosophischen, philologischen, naturwissenschaftlichen Inhalts) einer der einflußreichsten Lehrer des Mittelalters. Für die Medizin kommt das Hauptwerk in Betracht — Originum s. Etymologiarum libri XX — eine alle Wissenszweige umfassende, lateinische Enzyklopädie (ed. Friedr. Wilh. Otto, Lips. 1833 in Lindemanns Corp. grammaticor. latin. veter. Tom. III, ferner in der Gesamtausgabe von Arevalo, Rom 1797-1803), welche aus etwa 80 Schriftstellern, oft wörtlich, geschöpft ist. Das 4. Buch — hauptsächlich im Anschluß an Caelius Aurelianus (medicinal. interrogationum ac responsionum libri, vgl. S. 62) — gibt einen Ueberblick über die Heilkunde, wobei die (oft ganz verfehlte) Ableitung der griechisch-lateinischen Termini die Hauptrolle spielt, während das Sachliche meist nur gestreift wird. Die 13 Kapitel des Buches handeln: de Medicina, de nomine ejus, de inventoribus ejus, de tribus heresibus medicorum, de quatuor humoribus corporum, de acutis morbis, de chronicis morbis, de morbis, qui in superficie corporis videntur, de remediis atque medicaminibus, de libris medicinalibus, de instrumentis medicamentorum, de odoribus et unguentis, de initio medicinae. Isidorus stellt die Medizin der Philosophie an die Seite (utraque enim disciplina totum hominem sibi vindicat) und hebt hervor, welch vielseitiger Ausbildung der Arzt bedürfe[33]. Den Namen der Medizin leitet er, mit abenteuerlicher Etymologie, von modus ab, d. h. von ihrer maßvollen Anwendung; ihre ersten Urheber Apollo, Aesculap und Hippokrates seien auch die Stifter der drei Sekten, der methodischen, empirischen und dogmatischen, gewesen. Zu einer wirklichen Krankheitsbeschreibung schwingt sich Isidorus kaum auf, ihren Platz nehmen (oft höchst wunderliche) etymologische, zum Teil auch oberflächliche Realdefinitionen ein — ein Ausfluß zusammengetragener Buchweisheit. Als abschreckende Beispiele mögen folgende etymologische Erklärungen dienen: Dicta autem pestilentia, quasi pastulentia, quod veluti incendium depascat. ... Dysenteria est divisio continuationis, id est ulceratio intestini, Δὺς enim divisio est, entera intestinum. ... Phrenesis appellata sive ab impedimento mentis seu quia dentibus frendent, nam frendere est dentes concutere. Von den Heilmitteln werden die Hauptwirkungen und Anwendungsformen, von einigen Instrumenten und ärztlichen Utensilien ganz oberflächlich die Gebrauchsweisen angegeben. Unter dem Titel de libris medicinalibus finden sich nur kurze Erklärungen darüber, was man unter „Aphorismus”, „Prognostica provisio”, „Dynamidia” (ubi herbarum medicinae scribuntur), „Botanicum” zu verstehen habe. — Das 11. Buch handelt über die Körperteile, die Altersstufen, Mißgeburten und Verwandlungen. Der anatomisch-physiologische Inhalt des 1. Kapitels ist hauptsächlich aus sprachlichen Gründen interessant. Es sei hier folgendes daraus hervorgehoben: Toles gallice lingua dicuntur, quas vulgo per diminuationem toxillas (toxillos, tusillos) vocant, quae in faucibus turgescere solent. ... Humeri dicti quasi armi ad distinctionem hominis a pecudibus mutis, ut hi humeros, illi armos habere dicantur. Nam proprie armi quadrupedum sunt. ... Palae sunt dorsi dextra laevaque eminentia membra. ... Femina femorum partes sunt, quibus equitando tergis equorum adhaeremus. ... Veretrum, quia viri est tantum sive quod ex eo virus emittitur, nam virus proprie dicitur humor fluens a natura viri. — Im 10. Kapitel des 13. Buches wird die Wirkung der Heilquellen (im Anschluß an Plinius) besprochen, im 2. und 3. Kapitel des 20. Buches die Diätetik. — In einem anderen Werke, de natura rerum (ed. Becker, Berl. 1857), einem im Mittelalter viel benützten Handbuche der Naturlehre, findet sich ein Kapitel über die Pest; dasselbe erinnert lebhaft an die Schilderung des Lucretius.
Aehnlich, ja in der Folge noch viel trauriger waren die medizinischen Verhältnisse bei den Franken zur Zeit der Merowinger. Aus den dürftigen Nachrichten (bei Gregor von Tours und Fredegar) ersehen wir zwar den Fortbestand der Archiatrie[34], welche teils Einheimische, teils Fremde (Griechen) bekleideten[35], doch erfahren wir fast nichts über das Bildungswesen der fränkischen Aerzte. Wie sich aus einzelnen Stellen bei Gregor ergibt, waren sie in chirurgischen Dingen erfahren[36]. Welch geringes Ansehen die Heilkünstler besaßen, verrät schon die harte Behandlung, die selbst den königlichen Leibärzten unter Umständen zu teil wurde[37]. Das Volk setzte sein Vertrauen auf handwerksmäßig ausgebildete Wundärzte, namentlich aber auf die Wunderkraft der Heiligen und die kirchliche Theurgie, welche unter dem furchtbaren Eindruck mörderischer Seuchen (Pest, Ruhr, Blattern) das selbst für die frühmittelalterlichen Zustände zulässige Maß weit überstieg und in den bizarrsten Formen prangte. Auch Scharlatane aller Art hatten im Dunkel krasser Unwissenheit und grenzenloser Leichtgläubigkeit leichtes Spiel[38].