War schon die Auswahl der übersetzten Werke oft durch den Zufall bedingt, der nicht wenige vortreffliche literarische Leistungen zu Gunsten mancher minderwertiger den Blicken entzog, so entsprechen die meisten der damaligen lateinischen Uebersetzungen aus dem Arabischen auch nicht den gemäßigsten, Zeitalter und Umstände berücksichtigenden Ansprüchen. Ganz abgesehen davon, daß sie jeder Textkritik ermangelt, steht die Uebersetzungstechnik in der überwiegenden Zahl der Fälle auf denkbar niedrigster Stufe. Der Sprache nach, in der die Uebersetzungen abgefaßt sind, hat man mit Recht ihre Autoren als Barbarolatini bezeichnet, denn sie setzten sich kühn über die Regeln der Wort- und Satzfügung hinweg. Es wimmelt von greulichen Namensverstümmelungen, die Termini technici sind sehr häufig — infolge der „inopia latinitatis” — nur einfach transkribiert (bezw. korrumpiert), so daß heute die Deutung oft mit Schwierigkeiten verknüpft ist[10]. Bei der sklavischen Art der Uebertragung (Wort für Wort) durch Personen, die bisweilen nicht über genügende Sach-, ja nicht einmal über genügende Sprachkenntnis geboten, ist es begreiflich, daß groteske Sinnesentstellungen nicht selten sind, manchmal scheint es überhaupt vom verständnislosen Translator dem Leser selbst überlassen worden zu sein, sich mit eigenen Kräften in dem ganz unklaren Texte zurechtzufinden. An groben textlichen Mißverständnissen konnte es insbesondere dann nicht fehlen, wenn es sich um ursprünglich griechische Schriften handelte, welche erst über mehrere Idiome hinweg den Weg zu den Lateinern gefunden hatten.
Immerhin war der Einfluß, den die lateinischen Versionen arabischer Schriften auf die abendländische Medizin ausgeübt haben, ein sehr bedeutender durch den reichlichen Zufluß an wichtigem Tatsachenmaterial, an neuem methodisch geordnetem Denkstoff. Das beste aber, was sie leisteten, bestand darin, daß die Spuren griechischer Meister deutlicher und weit zahlreicher zu Tage traten als vordem, daß das antike Erbgut, wenn auch oft entstellt und verunziert, ganz erheblich anwuchs, daß schon frühzeitig die Sehnsucht nach der Urquelle der arabischen Schulweisheit, nach den griechischen Originaltexten entzündet wurde — und gerade die Mangelhaftigkeit der Uebersetzungen mag diese Sehnsucht noch gesteigert haben. Die arabischen Autoren in lateinischem Gewande führten in die Vorhalle. Aus dieser ins Heiligtum selbst den Weg zu finden, das blieb die kommende Aufgabe der abendländischen Aerzte!
[1] Bekanntlich hatte bereits Constantinus das Werk in seinem Pantegni übersetzt resp. bearbeitet; Stephanus kritisiert diese Vorarbeit sehr scharf, weshalb die Angabe des Ortes Antiochia Bedenken erregt. Als Fundort von Handschriften gibt übrigens auch ein anderer Uebersetzer, Philippus (Clericus) Tripolitanus, Antiochien an; derselbe übertrug (um 1200?) aus dem Arabischen die pseudoaristotelische Schrift Secretum secretorum, ein wüstes Gemenge von philosophischer Mystik und Aberglauben, welches weithin verbreitet und ganz oder abschnittsweise in die meisten europäischen Sprachen übersetzt eine reiche Quelle für die mittelalterliche Prosa und Poesie wurde.
[2] Schon früher, im Anfang des 12. Jahrhunderts, hatte der vielgereiste Adelard von Bath die Elemente des Euklid und der in Barcelona arbeitende Plato von Tivoli das Quadripartitum des Ptolemaeus ins Lateinische übertragen.
[3] Auch Barcelona, später auch Cordova und Sevilla wurden zu wichtigen Vermittlungspunkten der arabischen Literatur.
[4] Die Schule von Toledo, an welcher auch Lehrvorträge (nur über weltliche Wissenschaften) abgehalten wurden, gab übrigens nicht bloß einem Strome lateinischer Uebersetzungen den Ursprung, sondern pflegte, fürderhin über den anfänglichen engeren Zweck hinauswachsend, nebstdem auch selbständig ganz besonders philosophische, mathematische, astronomisch-astrologische, naturwissenschaftliche Studien auf arabischer Grundlage, was ihr zwar hohes Ansehen, später aber auch den unheimlichen Nimbus, eine Stätte der Zauberkunst zu sein, verschaffte. Von allen Ländern gingen angeblich die scholares nach Toledo, um die mit der arabischen Weisheit für untrennbar gehaltenen Geheimkünste der Astrologie und Magie (Nigromantia) zu studieren. So sagt z. B. Helinand (bei Tissier Bibl. Cisterc. VII, 257) in einer Predigt: Ecce quaerunt clerici Parisius artes liberales, Aurelianis auctores, Bononiae codices, Salerni pyxides, Toleti daemones, et nusquam mores.
[5] Johann von Capua war es auch, der das Fabelwerk des Bidpai Kalîla und Dimna 1263 aus dem Hebräischen ins Lateinische übertrug — ein höchst interessantes Faktum, insofern die ältesten Fabelstoffe der Arier aus den Tälern des Indus und Ganges den Nationen Europas durch einen Uebersetzer semitischer Abkunft zugänglich wurden.
[6] So berief er z. B. den Jacob ben Abba-Mari b. Anatoli aus der Provence und Jehuda den Salomon Cohen aus Toledo an seinen Hof und beauftragte sie mit der Uebersetzung philosophischer bezw. astronomischer Werke.
[7] So diente z. B. Abraham aus Tortosa dem Simon Januensis als Dolmetscher bei seinen Uebersetzungen des Serapion jun. und des Lib. Servitor, der mag. Jacobus dem Paravicius bei seiner Uebersetzung des Teisir. — Auf nichtmedizinischem Gebiete tritt dieses Verhältnis noch stärker hervor, so hatte z. B. Plato von Tivoli den Juden Abraham bar Chijja zum Dolmetscher, Gundisalvi den Konvertiten Johannes Hispalensis, Michael Scotus (nach Angabe des Roger Bacon) den Juden Andreas u. s. w.
[8] Faradsch ben Salem, der Konvertit Bonacosa u. a.