Als letzter Hauptvertreter der Salernitanerchirurgie ist der Schüler des Roger (vgl. S. 307) Rolandus (Rolando Capelluti) anzusehen[65], der, teils in seiner Vaterstadt Parma (R. Parmensis) teils in Bologna lebend, die Chirurgie seines Lehrers überarbeitet herausgab (Ego quidem Rolandus Parmensis in opere praesenti juxta meum posse in omnibus sensum et litteram Rogerii sum secutus) und dieselbe noch außerdem zur Grundlage eines eigenen „Libellus de cyrurgia”, der „Rolandina” (Coll. Salern. II, 497-724 mit den Glossen der vier Meister) machte. Die Rolandina weicht im ganzen sehr wenig von der Practica chirurgiae des Roger ab, doch ist sie reichhaltiger und verrät den arabischen Einfluß deutlicher. Von großer Kühnheit zeugt eine Krankengeschichte, in der Rolando erzählt, wie er in einem Falle von penetrierender Brustwunde mit prolabierter Lungensubstanz diese einfach wegschnitt und hierauf die Wunde verband. — Zur chirurgischen Literatur der Salernitaner gehören ferner noch die Glossulae quatuor magistrorum und teilweise das Poëma medicum. Die Glossulae quatuor magistrorum super chirurgiam Rogerii et Rolandi (Coll. Salern. II, 497-724 und Puccinotti, Storia della medicina II, 2, p. 662-792), ein Kommentar zu den Schriften des Roger und Rolando (namentlich zur Rolandina), zeichnen sich durch streng wissenschaftliche, auch die Theorie (Aetiologie, Semiotik etc.) sorgfältig berücksichtigende Darstellungsweise aus und repräsentieren die Höchstleistung der Salernitaner Chirurgie unter arabischem Einflusse (Zitate aus Avicenna, Abulkasim, Constantinus, Rhazes). Buch I: Spezielle Wundlehre; Buch II: Abszeßlehre, Exantheme, Krebs, Fisteln einzelner Organe; Buch III: Manie, Melancholie, Epilepsie, Augen-, Ohr-, Zahnleiden, Hernien, Blasenstein, Hämorrhoidalkrankheiten, Kauterien, Lepra, Spasmus; Buch IV: Frakturen und Luxationen. Ob die Schrift wirklich von „vier” Meistern zu Salerno oder Paris verfaßt worden ist oder ob sich ein einziger Autor unter dem Pseudonym der Quatuor magistri verbirgt, konnte bisher nicht entschieden werden. Das Poëma medicum ═ De secretis mulierum, de chirurgia et de modo medendi libri septem (Coll. Salern. IV, 1-176) ist ein wahrscheinlich aus dem Ende des 13. Jahrhunderts stammendes Lehrgedicht (6322 Verse). Die beiden ersten Bücher handeln über Frauenleiden, Geburtshilfe und Kosmetik (aus dem Werke der Trotula geschöpft), die folgenden vier über Chirurgie (hauptsächlich metrische Paraphrase der Chirurgie des Roger und des zugehörigen Kommentars der Quatuor magistri), das siebente Buch handelt von der allgemeinen Therapie und Deontologie; es stellt in letzterer Hinsicht eine Versifikation der Schrift de adventu medici (vgl. S. 293) dar. Die allgemeinen therapeutischen Vorschriften scheinen vorwiegend der Ars medendi des jüngeren Kophon (vgl. S. 291) entnommen zu sein.
Hugo Borgognoni oder (nach dem Geburtsorte) Hugo von Lucca[66] (Ugo de Lucca) wurde um die Mitte des 12. Jahrhunderts geboren, wirkte als Stadtarzt (nebstbei auch als Gerichtsarzt)[67] in Bologna, begleitete die Bologneser Kreuzfahrer auf ihrem Zuge nach Syrien und Aegypten (Belagerung von Damiette 1219) und starb, fast hundertjährig, vor 1258. Er genoß als chirurgischer Praktiker einen bedeutenden Ruf, zog mehrere seiner Söhne zu Aerzten heran, unter diesen den nachmals so berühmten Theoderich. Worin seine Bedeutung lag, erfahren wir ausschließlich aus dem Werke des letzteren, da Hugo selbst nichts Schriftliches hinterließ. Von Theoderich hören wir unter anderem, daß Hugo die primitive Form der Narkose, mit Schlafschwämmen (vgl. S. 302) empfahl und für eine einfache, eiterungslose Wundbehandlung (Kompressen mit Wein, einfacher Verband) eingetreten ist. Er verfuhr in sehr rationeller Weise in der Behandlung komplizierter und unkomplizierter Schädelverletzungen (Einfachheit, Reinlichkeit, Warnung vor Polypragmasie, Unterlassen jeder Sondierung), in der Behandlung penetrierender Brustwunden, sowie des Empyems, der Abszesse etc. und vereinfachte wesentlich die Apparatotherapie bei Extremitätenverletzungen und Luxationen; bei Rippenfraktur versuchte er die Reposition im Bade mit vorher eingeölten Fingern. Im Gegensatz zu diesen Neuerungen huldigte er dem mittelalterlichen Zeitgeiste freilich dadurch, daß er allerlei Pflaster- und Salbenkompositionen und „Wundtränke” anwendete. Vgl. die Zusammenstellung der Zitate in der Berliner Dissertation (1899) von Eugen Perrenon, Die Chirurgie des Hugo von Lucca nach den Mitteilungen bei Theodorich. Meister Hugo beschäftigte sich auch mit Chemie und lehrte eine Methode der Sublimation des Arseniks.
Theoderich von Lucca (Theodericus Cerviensis, Teoderico Borgognoni, Theodericus Episcopus, Theoderich 1206-1298), der Sohn des Begründers der Bologneser Chirurgenschule, des Hugo von Lucca, trat schon in jungen Jahren in den, kurz vorher entstandenen Predigerorden ein, wurde später Poenitentiarius des Papstes Innozenz IV. und endete seine Laufbahn als Bischof von Cervia (bei Ravenna). Infolge besonderer Erlaubnis durfte er die schon vom Vater empfangene ärztliche Ausbildung vervollkommnen und selbst während des Episkopats die Praxis in Bologna ausüben. Diese war so umfangreich und lukrativ, daß er ein großes Vermögen für wohltätige Zwecke hinterlassen konnte. Trotz bedeutender Anlehnung an die griechischen und arabischen Autoritäten verrät seine Chirurgie (Venet. 1498 und in mehreren Ausgaben der Collect. chir. Veneta) einen gewissen Zug von Selbständigkeit — eine Folge der Ausbildung durch Hugo von Lucca, auf den sich der Verfasser in zahlreichen Fällen beruft[68]. Theoderich tritt entschieden für die eiterungslose Wundbehandlung ein: „non enim est necesse — saniem, sicut Rogerius et Rolandus scripserunt et plerique eorum discipuli docent et fere omnes cyrurgici moderni servant, in vulneribus generare. Iste enim error est major quam potest esse. Non est enim aliud, nisi impedire naturam, prolongare morbum, prohibere conglutinationem et consolidationem vulneris” (II, cap. 27). Wie sein Vater erklärte er (nach dem Vorgange Avicennas) den Wein für das beste Verbandmittel der Wunden. In dem Abschnitte über Blutstillung ist unter anderem der Aetzung, der Tamponade, der Ligatur und der gänzlichen Durchschneidung des verletzten Gefäßes gedacht; in der Behandlung der Frakturen und Luxationen tritt das Streben zu Tage, einfache Verfahren an Stelle der maschinellen Polypragmasie zu setzen. Das achte Kapitel des 4. Buches ist bemerkenswert, weil darin die Methode der Betäubung durch Schlafschwämme bei Vornahme von Operationen besprochen ist. Die Schwämme wurden mit narkotischen Pflanzensäften (Opium, Hyoscyamus, Mandragora, Lactuca, Cicuta, Hedera arborea etc.) imprägniert, sodann getrocknet und aufbewahrt und vor dem Gebrauche mit warmem Wasser angefeuchtet: quotiens autem opus erit, mittas ipsam spongiam in aquam calidam per unam horam et naribus apponatur, quousque somnum capiat, qui incidendus erit et sic fiat cyrurgia, qua peracta, ut excitetur aliam spongiam in aceto infusam frequenter ad nares ponas. Item feniculi radicum succus in nares immittatur, mox expergiscitur. Dieses, nicht unbedenkliche Verfahren scheint übrigens nicht allzuoft angewendet worden zu sein. — Theoderich legte auf richtige Ernährung seiner Patienten großes Gewicht (medicum cibaria boni chimi et boni sanguinis generativa non ignorare). Bei verschiedenen Hautaffektionen (Scabies, Pruritus etc.) verwendete er äußerlich Quecksilber und beobachtete dabei als Folgeerscheinung den Speichelfluß. Im 3. Buche seiner Chirurgia, Kap. 49 (de malo mortuo) werden genaue Vorschriften über die Anwendung der Quecksilbersalbe (1 Unze auf 130 Unzen anderer Bestandteile) nach einer vorausgegangenen Vorbereitungskur (hauptsächlich Laxieren) gegeben. Es heißt dort: Item unguentum sarracenicum quod sanat scabiem, cancrum, malum mortuum, phlegma salsum, educendo materiam per os, et dicitur leprosos in principio ... postea fac duos ignes: et in medio pone tabulam in qua locetur patiens et unguatur a genibus usque ad pedes et supra genua tribus digitis. Similiter a cubita usque ad manus et supra cubitas tribus digitis, et fiat ista unctio bis in die ... Diaeta sit tenuis et bene digestibilis. Et si propter multa sputamina et rascationem, asperitas et dolor in gutture sentiatur, da mel rosatum et mel simplex. Et si patiens multum debilitatus fuerit, confortetur ... (diese Vorschrift für eine Schmierkur entspricht schon ganz der bis noch vor einem halben Jahrhundert beliebten Hunger- und Speichelkur). Für den rationellen Standpunkt Theoderichs spricht es, daß er die Notwendigkeit der anatomischen Kenntnisse für den Chirurgen energisch betonte und die Wertlosigkeit mancher zu seiner Zeit beliebter Wundermittel klar erkannte. Die Chirurgie des Theoderich zerfällt in vier Bücher. Buch I: Wundbehandlung; Buch II: Schädel-, Gesichts-, Thorax-, Darm-, Gefäß- resp. Nervenverletzungen; Buch III: Fisteln, Krebs, Hautleiden, Abszesse, Tumoren, Hernien, Hämorrhoiden, Panaritium, Lepra etc.; Buch IV: Rezepttherapie, Beiträge über Kopfschmerz, Augenleiden, Gicht, Lähmung und Epilepsie.
Weit stärker als bei Theoderich tritt der Autoritätsglaube und die scholastische Schreibart bei seinem Zeitgenossen Brunus hervor, der in Padua und Verona tätig war. Brunus (Bruno da Longoburgo)[69] verfaßte eine Chirurgia magna (im Jahre 1252 vollendet) und eine (bloß aus 3 Folioseiten bestehenden) Chirurgia minor (beide in Coll. chirurg. Venet. 1546). Wertvoll war seine Polemik gegen die Eitererzeugung, sowie seine Empfehlung der austrocknenden Wundbehandlung. Bei der Erörterung der Wundheilung ist von einer prima und secunda intentio die Rede. Die Einleitungen der Chirurgie des Theoderich und des Bruno zeigen auffallende Aehnlichkeit, was vielleicht damit zu erklären ist, daß beide aus denselben arabischen Quellen geschöpft haben. Brunus bezeichnet selbst sein Werk als librum ... collectum et excerptum ex dictis glorissimi Galieni, Avicennae, Almansoris, Albucasis et Alyabbatis necnon et aliorum peritorum veterum (Hippokrates, Johannitius, Serapion, Constantinus), doch finden sich hie und da auch eigene Beobachtungen.
In den Streit über die Prinzipien der Wundbehandlung griff vermittelnd Wilhelm von Saliceto ein — der größte Chirurg, den Bologna und das 13. Jahrhundert überhaupt hervorgebracht hat.
Saliceto war ein Mann von umfassender ärztlicher Bildung, den ausgesprochene Vorliebe, ein „Specialis amor”, wie er selbst sagt, besonders zur chirurgischen Praxis hinzog. In welchem Sinne er diese betrieben sehen wollte, davon gibt seine Cyrurgia ein erschöpfendes und erfreuliches Bild. Sind auch keine großen Neuerungen darin zu finden, so ist doch der Stoff trefflich angeordnet und durch Mitteilung guter Beobachtungen, zahlreicher instruktiver Fälle belebt. Ueberall wird die Diagnose und die Therapie mit solcher ruhiger Sicherheit klar und zielbewußt entwickelt, daß man förmlich den kritisch abwägenden Geist, die geschickte Hand eines vielerfahrenen, kühnen und dabei umsichtigen, nur der eigenen Wahrnehmung vertrauenden Chirurgen herauszuspüren vermeint. Einem solchen Meister entspricht auch die verhältnismäßig knappe, auf Zitate fast völlig verzichtende Darstellung des Buches. Von historischer Bedeutung ist es namentlich, daß Saliceto, wie auch schon Theoderich, an Stelle der mißbräuchlichen Anwendung des Glüheisens das Messer wieder mehr zu Ehren brachte.
Saliceto war aber nicht bloß ein hervorragender Wundarzt, er ließ auch die innere Medizin nicht aus den Augen, und entsprechend der eigenen, vielseitigen Ausbildung war seine Absicht darauf gerichtet, die Wiedervereinigung beider Zweige zu befördern. Welcher Gewinn der inneren Medizin aus einer solchen Verbindung erwachsen konnte, wie sehr die chirurgische Erziehung zur nüchternen Beobachtung geeignet gewesen wäre, den Illusionen ärztlicher Dialektik entgegenzuwirken — beweist am besten das umfangreiche Kompendium der inneren Medizin, welches Saliceto nach seiner Chirurgie verfaßte. Dieses Werk — Summa conservationis et curationis — hat wohl mit anderen ähnlichen Schriften dieses Zeitalters die starke Berücksichtigung der vorausgegangenen (besonders arabischen) Literatur gemeinsam, unterscheidet sich aber in vieler Beziehung vorteilhaft von denselben, so namentlich durch die Bevorzugung des hygienisch-diätetischen Standpunkts, durch die nicht unbeträchtliche Zahl guter Krankheitsbeobachtungen und durch die von der Scholastik beinahe freie Darstellung.
Guglielmo da Saliceto (Salicetti) aus Piacenza (daher Magister Placentinus) wurde im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts geboren und war ein Schüler des Buono di Garbo (Schwager des Taddeo Alderotti). Er lebte und lehrte eine Zeitlang in Bologna, zuletzt in Verona, wo er eine Anstellung als Stadt- und Hospitalsarzt hatte. Sein Todesjahr ist nicht sichergestellt, wahrscheinlich starb er um 1280.
Cyrurgia (Placent. 1476, Venet. 1502, 1546, franz. Uebersetzung von Nic. Prevost, Lyon 1492, Paris 1505, 1596), neueste französische Ausgabe von P. Pifteau (Chirurgie de Guillaume de Salicet, Traduction etc., Toulouse 1898); czechische Uebers. Prag 1867. Summa conservationis et (sanationis) curationis (Placent. 1475, Venet. 1489 mit der Chirurgie, 1490, Lips. 1495 u. ö.). De salute corporis (Lips. 1495). Vgl. die von Pagel inspirierten Berliner Dissertationen: H. Grunow, Diätetik des Wilhelm von Saliceto (1895), Eug. Loewy, Beitr. z. Kenntnis u. Würdigung des W. von Saliceto (1897), Herkner, Kosmetik und Toxikologie nach W. v. S. (1897), O. Basch, Materialien zur Beurteilung des W. v. S. als Arzt (1898). Die Cyrurgia zerfällt in fünf Bücher, denen eine kurze chirurgische Hodegetik und Methodologie vorangeht. Buch I: Erkrankungen des Schädels (Hämatom des Neugeborenen, Hydrocephalus), Kopfausschläge, Augen-, Ohrleiden (Unterbindung der Ohrpolypen), Nasenpolypen, Mundkrankheiten, Drüsenschwellungen des Halses, Kropf (innerliches oder operatives Verfahren), Schwellungen und Abszesse in der Achselhöhle (Differentialdiagnose), an der oberen Extremität, Panaritium, Krankheiten der Brustdrüse „scrofula”, „durities”, „cancer”, Fall von inoperablem Mammakarzinom), Vereiterungen am Thorax, Nabelbruch (Pflaster, Verbände, Unterbindung), Tumoren der Leber- und Milzgegend, Affektionen der Leistenbeuge, darunter venerische, (et fit etiam [scilicet bubo], cum homo infirmatur in virga propter fedam meretricem vel aliam causam; cap. 42), Hernia inguinalis (Beschreibung des Bruchbandes „lumbar”; Radikaloperation), Kastration, Hämorrhoiden und Kondylome des Afters (Unterbindung, Kauterisation), Operation von Mastdarmfisteln, Steinschnitt (vorher bimanuelle Untersuchung), Erkrankungen der männlichen Genitalien (de pustulis albis et scissuris et corruptionibus que fiunt in virga et circa preputium propter coitum cum meretrice vel feda vel ab alia causa) — am Schlusse dieses Kapitels (48) der prophylaktische Rat: ablutio cum aqua frigida et continua abstersio cum eadem post coitum ... post ablutionem roratio loci cum aceto), Abszesse an den Hoden, Skrotalhernie, Hydro-, Sarkokele, Varices (Bloßlegung der Vene, doppelte Ligatur, Kauterisation), Hüft-, Kniegelenksleiden, Frostbeulen etc., Karbunkel, Anthrax, Kontusionen, Verbrennungen, verschiedene Dermatosen, Gicht. Buch II betrifft die verschiedenartigen Verwundungen und Kontusionen der einzelnen Körperregionen. Die Behandlung der großen Schnittwunden bestand in Reinigung mit Oel, Blutstillung, Naht, sorgfältigem Verbande, Ruhestellung des verletzten Organs und passender Diät; bei eingetretener Eiterung kamen die mundificativa, incarnativa etc. zur Anwendung. Bei Schädelverletzungen legte er einen sehr dicken Verband an, um den schädlichen Zutritt der Luft zu verhindern; unter den Folgeerscheinungen ist namentlich die kontralaterale Lähmung hervorgehoben. Sehr ausführlich ist die kasuistisch belebte Schilderung der Pfeilwunden, penetrierenden Brust- und Bauchwunden (Anwendung der Kürschnernaht bei Längs- und Querwunden des Darmes). Bei der, für sehr gefährlich erklärten Stichverletzung der Nerven ist Erweiterung der Wunde, Oelapplikation, zur Schmerzstillung Opium, Hyoscyamus empfohlen. Buch III handelt in sehr gründlicher Weise von den Frakturen und Luxationen. Unter den diagnostischen Zeichen der Frakturen ist namentlich das Krepitationsgeräusch (sonitus ossis fracti) erwähnt; der Verband war ziemlich kompliziert (Oelbauschen, Eiweiß enthaltendes Pflaster, 4-6 Schienen, Kompressen, Binden), Warnung vor zu festem Anlegen des Verbandes, alle 3-4 Tage Verbandwechsel; Aderlaß, Schröpfen, Diät u. s. w. Zur Reposition der Verrenkungen sind rationelle Verfahren angegeben. Buch IV enthält eine Anatomie für die praktischen Zwecke des Chirurgen. Der Wert derselben beruht nur auf der neuartigen topographischen Darstellungsweise, der Inhalt ist zum größten Teile aus den fehlerhaften Angaben der Vorgänger geschöpft, Anatomie an der Menschenleiche hat Verfasser nicht ausgeübt. Dem angegebenen Zwecke entsprechend sind die Aderlaßvenen, die verschiedenen Formen der Luxationen, die Hernien ausführlich berücksichtigt. Buch V handelt von der Kauterisation und von den, in der Chirurgie gebräuchlichen Arzneimitteln. Die zum Kauterisieren verwendeten Instrumente waren aus Gold, Silber, Messing oder Eisen verfertigt, ihrer Form nach wurden sie bezeichnet als Cauterium olivare seu cultellare, clavale, punctuale, rotundum, triangulatum, minutum (für Kinder). Auf den Brandschorf legte man gleich nach der Aetzung butirum vel axungia seu oleum rosatum. Anstatt des Glüheisens kamen unter Umständen auch ätzende Medikamente zur Anwendung. Das Cauterium actuale oder potentiale diente, wie Wilhelm de Saliceto sagt, ad alterandam dispositionem membri cujus complexionem volumus rectificare et ad resolvendum materias corruptas in membro contentas et ad restringendum fluxum sanguinis.
Summa conservationis et curationis in fünf Büchern, beginnt mit einer vortrefflichen medizinischen Deontologie und mit einer ausführlichen Diätetik und Prophylaxe. Buch I enthält die spezielle Pathologie und Therapie; Buch II die Fieberlehre; Buch III die Kosmetik und Dermatologie; Buch IV die Toxikologie; Buch V die Heilmittellehre und ein Antidotarium. Zitiert sind am häufigsten Hippokrates, Galen, Rhazes und Avicenna. Aus der noch heute beherzigenswerten ärztlichen Politik des Saliceto sei Einiges hervorgehoben, was sich auf das Verhalten des Arztes am Krankenbette und auf den Umgang mit den Laien bezieht: In pulsu vero debet medicus cum maxima instantia quoad laicos considerare; sed veritatem ignorare non convenit: astute tangere cum quiete pulsum infirmi est conveniens et est bonum videri, ut medicus sit multum intentus de hac re. Nam omnia talia de medico hominibus fidem faciunt; quae est valde utilis in convenienti opere medicinali et per istud astantes bonam habent praesumptionem de medico. Et in quibus rebus delectatur infirmus hora sanitatis inquirere convenit et etiam de somno et vigiliis et similibus. Et cum hoc deliberative inquirere debet de infirmitate et ejus causa seu causis et hoc per considerationem in superfluitatibus: egestione, urina, sputo et sudore et per narrationem infirmi et adstantium: etiam si ipse debilis aut parvae scientiae fuerit et per hoc confortatur mens infirmi super ejus operationem et fit operatio medicinarum nobilior et confortatur in tantum anima infirmi per hanc fidem et imaginationem quod operatur contra infirmitatem fortius et nobilius et subtilius quam faciat medicus cum instrumentis et medicinis. (Also sorgfältige Untersuchung und Erhebung der Anamnese schon aus psychologischen Gründen!) Bezüglich der Prognose heißt es in echt humaner Gesinnung: Nullo modo praesumas coram infirmo nec ipso audiente aliquam debilitatem de ejus natura proferre, neque aliquid mali de eo, etiam si de ejus salute fueris desperatus: sed medico semper convenit infirmo salutem promittere, ut imaginatio bonae dispositionis et salutis firma in infirmi anima remaneat: nam talis infirmitas de salute operationem medici juvat in omni re et effectus medicinarum contra materias et infirmitatem melior et nobilior reperitur; amicis vero et secretis infirmi totam veritatem exponas ut omnis suspicio si infirmus ad malum converteretur a mentibus amicorum infirmi per tuam bonam et veram narrationem tollatur. Gewarnt wird vor allzugroßer Vertraulichkeit mit den Laien, namentlich aber vor wissenschaftlichen Auseinandersetzungen, da offenbar werdende Kontroversen hinsichtlich der Diagnose oder Behandlung das Vertrauen erschüttern. Nam omnes laici propter discordiam repertam inter medicos solum sermonibus et aliquando inquisitione causarum et egritudinum artem medicinalem reputant vanitatem et dicunt medicos non rationabiliter contra egritudines, sed ut plurimum, casualiter operari. Möglichst nachdenklich, schweigsam, mit zu Boden gesenktem Antlitz solle der Arzt dastehen, so daß der Eindruck erweckt werde, daß in seinem Geiste alle Weisheit verborgen sei, etiam si in tali cognitio veritatis nullo modo reperiretur. Nur das nötigste ist mit den Angehörigen zu sprechen, denn Schweigen fällt nicht dem Tadel törichter Rede anheim. Der Arzt halte sich fern von allem, was seinen Ruf beim Publikum schädigen könnte, namentlich hüte er sich mit der Frau des Hauses über intime Angelegenheiten zu reden. Seine Leistungen lasse er sich gut honorieren: et petere optimum salarium de qualibet operatione medicinali, assignando pro causa visionem stercoris et urinae non erit malum. Er gehe nicht hochmütig und in feinem Putz daher, auch vermeide er es, durch auffallendes, unschickliches Benehmen Anstoß zu erregen. Der Besuch bei dem Kranken erfolge nicht überflüssig, sondern nur auf dessen Wunsch: quia ex tali visitatione redderes te suspectum, et perit in te fides infirmi. Besondere Vorsicht ist bei der Verabreichung von Narcoticis am Platze, die Verordnung von Abortivis oder antikonzeptionellen Mitteln verstoße gegen Religion, Ethik und die staatlichen Gesetze. Die Kenntnis von den Leistungen der Vorgänger als Grundlage der eigenen Leistungen ist erforderlich, quod nullus hominum per se perfecte potest pervenire ad artes operativas seu conservativas nisi cum communitate prioris et melioris a quo doctrinaliter audire debet causas et principia et regulas universales artis. — Die diätetisch-hygienische Abhandlung bildet ein noch jetzt lesenswertes Vademekum von der Wiege bis zum Grabe. Sie beginnt mit einer ungemein sorgfältigen Hygiene der Schwangeren und der Kinder in den ersten Lebensjahren. Tägliches Baden des Kindes ist unerläßlich, das Bestreichen des Anus mit Oel erleichtert den Durchtritt der Fäces, das Weinen und Schreien der Kinder erweitere den Brustkasten und befördere den Stoffwechsel, sei also nicht besorgniserweckend, die Entwöhnung — man stillte bis zum 2. Jahre — das Laufenlernen und alles übrige erfolge nur gradatim. Nach vollendetem 6. Jahre habe man auf gute geistige und leibliche Erziehung Bedacht zu nehmen, das Baden sei von großem Wert, Weingenuß sei gänzlich zu untersagen. Nach dem 14. Jahre könne eine größere Freiheit in der Auswahl und Menge der Speisen gestattet werden, und man solle für gute Luft, angemessene Ruhe und Bewegung, Sättigung und Stuhlentleerung, Vermeidung seelischer Aufregung und körperlicher Ueberanstrengung und für eine gewisse Abhärtung sorgen. Saliceto weist auf die Notwendigkeit einer in gesunder Gegend gelegenen Wohnung und geeigneten Schlafstätte hin; Bewegung besonders vor dem Essen sei nützlich; Unmäßigkeit des Trinkens während des Essens störe die Verdauung; Zurückhalten des Urins (wegen Disposition zu Harnleiden) und der Fäces sei zu vermeiden. Allzugroße Enthaltsamkeit in Sexualibus sei nicht zu billigen; mäßiger Coitus schaffe dem Körper Erleichterung und lenke die Gedanken von sinnlichen Vorstellungen ab; unmäßige Ausübung desselben schwäche den Menschen. Allzu heiße Bäder seien schädlich durch ihre schwächende und austrocknende Wirkung. Alle Gemütsbewegungen, welche das Maß überschreiten, können Krankheiten erzeugen, z. B. langanhaltender Zorn — Fieber. Der Schluß der Abhandlung betrifft die Diagnose und die ärztlichen Maßnahmen vor dem Ausbruch einer herannahenden Krankheit. Aus der speziellen Pathologie wäre namentlich die Beschreibung der „durities renum” als Ursache der Wassersucht (Vorahnung des Brightschen Symptomenkomplexes![70]), und die Schilderung der Melancholie bemerkenswert. Die gynäkologischen Abschnitte haben folgenden Inhalt: Ursachen und Behandlung der Amenorrhöe, Dysmenorrhöe, Abszesse, Karzinom des Uterus (entsteht auf einem Boden, der durch eine Art Verbrennung in seiner Ernährung gestört ist, wobei die Gefäße als Verbreiter des Krankheitsstoffes wirken), Rhagaden, Blasenmole, Hysterie (der Anfall unterscheidet sich vom epileptischen durch das fortbestehende Bewußtsein), Stenosen der Vulva, Ursachen und Behandlung der Sterilität, Gebärmutterkatarrh, Verhaltungsmaßregeln zur Beförderung der Konzeption etc.