[42] Schon Poseidonios, der Freund Ciceros, schrieb über Mantik, auch wurde ihm ein Buch über das Wahrsagen aus dem Zucken der Körperglieder zugeschrieben.

[43] Von der zeitweiligen Toleranz am Kaiserhofe liefert Severus Alexander, der in seiner Hauskapelle neben den besten der vergötterten Kaiser, neben Orpheus auch Abraham und Christus verehrte, einen schlagenden Beweis.

[44] Während die Lehre Epikurs alles Mythische und Transzendente ausschloß, huldigten die Stoiker im höchsten Grade den metaphysischen Neigungen der Volksseele, auch legten sie den Schwerpunkt weniger auf wissenschaftliche Erkenntnis als auf ethische Strebungen, in ihrer Endentwicklung betrachtete es die Schule als Zweck der Philosophie, Tröstung zu spenden (Epiktet, Marc Aurel). Der Philosoph wurde geradezu zum Seelenarzt, zum Seelsorger. Wiewohl aber die Stoiker die Gläubigkeit durch Anerkennung der Mantik förderten, so machten sie doch die Tugend noch in echt antiker Weise von der Einsicht, von der selbstbestimmenden Vernunft abhängig, nicht von einer übersinnlichen Gnade.

[45] Der Skeptizismus, dessen Errungenschaften der Arzt Sextus Empiricus (um 200 n. Chr.) zusammenfaßte, leugnete wegen der Relativität der Vorstellungen die Erkenntnismöglichkeit des Wesens der Dinge. Da sich die Antike mit der Beobachtung der gesetzmäßigen Aufeinanderfolge in der Erscheinungswelt nicht begnügte, so wurde die skeptische Richtung zur Quelle der Verzweiflung an Vernunft und Wissenschaft. Begreiflicherweise zogen daher viele die Konsequenz, daß das menschliche Denken einer Ergänzung bedürfe durch höhere Erleuchtung, daß nur durch mystische Spekulation in den Besitz der Wahrheit zu gelangen sei.

[46] Die Pythagoräische Schule erlosch zwar im Laufe des 4. Jahrhunderts v. Chr., der Pythagoräismus als religiöse Lebensform (Askese, Mysterien) erhielt sich aber fortdauernd und nahm im 1. Jahrhundert v. Chr. wieder philosophische Gestaltung an. — Die bereits in der Zeit der Peisistratiden aufgekommene Sekte der Orphiker bestand bis in die christliche Zeit hinein, sie brachte eine religiös-mystische Literatur hervor, als deren Urheber der sagenhafte Orpheus galt.

[47] Der Neupythagoräismus kombinierte die pythagoräischen Zahlen — mit der platonischen Ideenlehre (Ideen ═ Zahlen ═ urbildliche Vorstellungen im göttlichen Geiste), verknüpfte den philosophischen Monotheismus mit dem volkstümlichen Götterglauben und erblickte die Hauptaufgabe in sittlicher Läuterung, Abkehr von der Sinnlichkeit, Veredlung des Kults. Als Hauptapostel dieser Richtung zog zur Zeit Neros Apollonios von Tyana umher, welcher überallhin reinere Gotteserkenntnis verbreitete und seine Lehre durch Wundertaten aller Art bekräftigte. Sein Leben wurde von Philostratos (Ende des 2. bis Mitte des 3. Jahrhunderts) nach mehreren Vorlagen, romanhaft ausgeschmückt, beschrieben. Apollonios von Tyana wird in tendenziöser Weise (um Christus ein Gegenbild gegenüberzustellen) als Prophet der alten Götter vorgeführt, ausgestattet mit überirdischer Natur und Wunderkraft (Weissagung, Dämonenaustreibung, Totenerweckung etc.).

[48] Die Juden konnten sich dem Einfluß des von Syrien und Aegypten eindringenden Hellenismus nicht entziehen und bildeten anderseits im Geistesleben Alexandrias einen Hauptfaktor. Parallel zum Neupythagoräismus entwickelte sich auch unter ihnen eine religiös-philosophische Richtung, welche namentlich an platonische Ideen anknüpfte und einer allegorischen Schriftauslegung zustrebte. Philon stellt nur den Höhepunkt dieser Richtung dar, welche schon in der vorausgehenden apokryphen Literatur (z. B. das pseudosalomonische Buch der Weisheit) bemerkbar ist.
Die seit dem 2. vorchristlichen Jahrhundert hervortretende palästinensische Sekte der Essäer oder Essener (mit ihnen war die Sekte der Therapeuten am maräotischen See in der Nähe Alexandrias verwandt) zeigt viele Analogien mit der pythagoräischen Ordensgenossenschaft. Die Essäer pflegten die allegorische Schriftauslegung und entwickelten eine auf der (ursprünglich parsischen) Engellehre fußende Geheimlehre, die sich möglicherweise mit den Anfängen der im Mittelalter und in der Renaissance zu so großer Bedeutung gelangenden Kabbala berührt. Sie standen beim Volke im Rufe medizinischer Wundertäter (Heilungen durch Berühren, Händeauflegen, magische Kräuter und Steine, Beschwörungsformeln).

[49] Der Platoniker Celsus verfaßte im 2. Jahrhundert eine den Götterglauben verherrlichende Streitschrift gegen das Christentum.

[50] Die auf uns gekommenen „hermetischen” Schriften rühren aus verschiedenen Zeiten her und gehören verschiedenen theologischen Systemen an; unter diesen ragt besonders der aus 18 Abschnitten bestehende „Poimandres” hervor (vgl. R. Reitzenstein, Poimandres, Leipzig 1904). — Hermes ═ Thot galt in Aegypten seit uralter Zeit als Lehrer aller geheimen Weisheit und als Verfasser heiliger Schriften. Auf die medizinisch-hermetische Literatur weist schon Galen hin an der Stelle, wo er den Grammatiker Pamphilos wegen Benützung derselben tadelt.

[51] In dem Lehrgedichte (Astronomicon), welches Marcus Manilius dem Augustus widmete, ist unter anderem des näheren ausgeführt, wie jeder Körperteil unter dem Einfluß eines bestimmten Sternbildes stehe.