Aber ebenso wie die anfangs kräftig zur Weltmacht aufstrebende Herrschaft der Romäer verhältnismäßig bald in ihren Expansionsgelüsten behindert und zu einer immer kläglicher werdenden Defensive gezwungen wurde, so büßte auch die byzantinische Kultur schon nach kurzdauernder Blüte ihre fortzeugende Kraft ein, worüber alle Breitenentfaltung nicht hinwegtäuschen kann, und verfiel einer vorzeitigen Seneszenz, die sich, wie bei den altorientalischen Völkern, durch starres Festhalten an versteiften Typen, durch ängstliche Abwehr des Neuen und Fremden, durch den Mangel der Anpassung an die veränderte Umgebung kundgab.
Abgesehen davon, daß es an günstigen Bedingungen für eine freie, aufsteigende Kulturentwicklung in einem Reiche fehlte, welches von außen von Feinden umlauert, im Inneren durch religiösen Zwist und Unduldsamkeit, Palastrevolutionen, Thronumwälzungen, Weiberintrigen und Günstlingswirtschaft zerrüttet war, dessen Untertanen unter dem Drucke des Cäsaropapismus schmachteten — läßt sich die frühe Ermattung des geistigen Lebens gerade auf jene Ursache zurückführen, die von vornherein den gewaltigen Vorsprung der Byzantiner bewirkt hatte, auf ihr Epigonentum. Angesichts des faszinierenden Reichtums der ererbten Schätze versiegte der Trieb und die Kraft zu eigenen Leistungen.
Schon in den letzten Jahrhunderten der römischen Kaiserzeit war unter dem Einflusse der geistigen Depression jede Hoffnung entschwunden, über die gegebene Kultur durch Erneuerung der wesentlichen Grundstoffe, durch Zufuhr frischer Triebkräfte jemals hinausdringen zu können; der Steinbruch der klassischen Antike galt als unerschöpflich, und die Aufgabe der Gegenwart wie der Zukunft schien lediglich in der Sammlung, Sichtung, Erklärung, Verarbeitung des aus der Vergangenheit überlieferten Wissensmaterials zu bestehen; die Kirche, welche ohnedies die Geister, von Natur und Leben abseits, dem Transzendenten zuwandte und auf allen Gebieten kanonischen Abschluß herbeiwünschte, nährte diese Anschauung ganz erheblich.
Die Byzantiner gingen auf der abschüssigen Bahn nur weiter. Uebersättigt mit Traditionen, welche alle Denkgewohnheiten zu Denknotwendigkeiten stempelten, erfüllt von dem hochfahrendsten Nationaldünkel, der sich mit dem Adel der hellenisch-römischen Vergangenheit brüstete, konnten und wollten sie die historische Brücke nicht abreißen, die morsche Ruine durch ein neues Gebäude ersetzen; ja es lag außerhalb ihres Interessenkreises, unter Betonung des merklicher werdenden Gegensatzes zwischen Gegenwart und Vergangenheit, nach Abscheidung des Veralteten und Leblosen in jenen bewußten Wettkampf mit der Antike zu treten, der den wahren Humanismus beseelt. Vergessend, daß eben der frei entfaltete Volksgeist die Vorzeit so groß gemacht hatte, ging man so weit, sogar die lebendigste Aeußerung desselben zu unterdrücken, indem man, steif am Attizismus festhaltend, der Umgangssprache den Zutritt zur Literatur verschloß; mehr und mehr unfähig, das Wesen zu erfassen, klammerte man sich krampfhaft an die Formen — ein Spiegelbild der Zeremonien- und Titelsucht im Staatsleben — und schleppte den toten Mechanismus, die Mumie der Antike fort durch ein Jahrtausend, statt aus den Elementen der alten Kultur ein neues Gebilde organisch zu entwickeln.
Wie im Leben, so war auch im Schrifttum die Form, der glänzende Schein, das oberste Gesetz, und gerade das Mißverhältnis zwischen dem schwülstigen Prunk der Rhetorik, dem geistheuchelnden Gaukelspiel der Dialektik einerseits und dem dürftigen Inhalt anderseits, verlieh der Literatur jene Züge von Steifheit, von gekünsteltem Wesen, von gleißnerischer Unwahrheit, welche den Byzantinismus sprichwörtlich gemacht haben; zu wirklichem Fortschritt konnte es dort nicht kommen, wo stets mit denselben Elementen gewirtschaftet wurde, wo die maßlose Verehrung der alten Autoritäten die freie Kritik erstickte, den Gedankenflug fesselte und den Mut zum originellen Schaffen verkümmern ließ. Bloß die Kunst gebar unter christlichem Anhauch einen neuen Stil, der auch orientalischer Prachtliebe Genüge leistete, und die Technik wurde durch die drängenden Erfordernisse des Tages vorwärts getrieben.
Aber die Wegspur der Antike war breit, und den Kärrnern bot gerade der Traditionalismus ein weites Arbeitsfeld des Excerpierens, Kommentierens, der enzyklopädischen Abrundung. Gefördert von wissensfreundlichen Herrschern, über den reichen Bücherschatz großangelegter Bibliotheken verfügend, war die literarische Tätigkeit der Byzantiner eine ungemein mannigfaltige, und was besonders hervorzuheben, unter den Autoren herrschte, obwohl theologische Fragen stets auf der Tagesordnung standen, das gebildete Laientum vor — ungleich dem Abendlande, wo um diese Zeit fast nur Mönche für Mönche schrieben. Am meisten und darunter höchst Ansehnliches wurde auf den Gebieten der Theologie, Rechtspflege, Philologie, Archäologie, Geschichte, Kriegswissenschaft geschaffen, während der letzten Jahrhunderte (als griechisches Wissen von den Persern und Arabern zurückströmte) auch in der Mathematik und Astronomie, ohne daß es jedoch zu wirklich originären Neuschöpfungen gekommen wäre. Dort aber, wo die eherne Kette der Ueberlieferung im Stiche ließ, wo es auf unbefangene Beobachtung, mutige Kritik, auf Gefühl und Phantasie ankam, versagte der Pedantismus der Byzantiner gänzlich, darum haben sie in den Naturwissenschaften nichts hervorgebracht, darum blieb ihre Philosophie eine bloß formale, und abgesehen von der kirchlichen oder volkstümlichen, war ihre Poesie ein totgeborenes Kind. Wie stets in den Zeiten geistigen Druckes, suchte der individuelle Drang seine Zuflucht im Halbdunkel der Mystik; neben Astrologie und Alchemie wucherte das Unkraut aller Gattungen des Aberglaubens üppig fort. Das künstlerische Schaffen mußte gerade deshalb, weil es den Kerngehalt des neuen Daseins, das Wesen des Byzantinismus zu charakteristischem Ausdruck brachte, ins Typische, Konventionelle, Schablonenhafte verfallen, sowie einmal die neue eigenartige Stilgattung entwickelt war; virtuose Darstellung fertig ausgebildeter Formen und höchste Prachtentfaltung bezeichnete das Endziel des Strebens, und alles lief auf einen künstlichen Mechanismus hinaus. Diese Tendenz führte die Architektur, mit ihrem geistvoll kombinierten stolzen Kuppelsystem, zur technischen Vollkommenheit (Hagia Sophia), erweckte eine bewunderungswürdige Kleinkunst, beschränkte hingegen die Plastik auf das Relief und hemmte den Aufschwung der ans Mosaik gebannten Malerei zur Wirklichkeitsfrische; die farbenglänzenden würdevollen, aber unendlich steifen, ausdruckslosen, langgestreckten Gestalten auf Goldgrund, bezeugen dies genügend.
Eingehende Detailstudien lehren freilich, daß im Verlaufe der byzantinischen Kultur Phasen des Aufschwungs (im Zeitalter Justinians, unter den Herrschern aus dem mazedonischen Hause, unter den Komnenen und Paläologen) und Phasen des Niedergangs und Stillstands (während des Bilderstreits, unter der Lateinerherrschaft) aufeinander folgen, zeitweilig wurde auch der starre Zauberbann von einzelnen großen Individualitäten (z. B. Photios, Psellos) durchbrochen, die dem Humanismus vorarbeiteten — von einer wahrhaft organischen Entwicklung kann aber nicht gesprochen werden. Die welthistorische Bedeutung des Byzantinertums liegt nicht in der Neugestaltung, sondern bloß in der mechanischen Aufbewahrung des antiken Denkstoffes.
Dem Rahmen der allgemeinen Kulturverhältnisse fügt sich die Medizin stilgerecht ein, die Beharrung macht ihren Grundzug aus und von origineller Schaffenstätigkeit finden sich bloß vereinzelte Spuren. Der Hauptsache nach ist das ärztliche Schrifttum der Byzantiner eine Blumenlese aus der antiken Literatur und gipfelt in enzyklopädischen Kompilationen, die sich weniger durch den Inhalt als durch die Ausführlichkeit und die mehr oder minder selbständige Kritik voneinander unterscheiden; aus der Reihe der fleißigen Sammler und gelehrten Interpreten ragt bloß ausnahmsweise einmal ein wirklicher Beobachter hervor, der überwiegenden Mehrheit galten die Lehrmeinungen der Alten als geheiligter Kanon, an dem nichts Wesentliches geändert werden dürfe. Nichtsdestoweniger besitzt die byzantinische Epoche für die Medizin eine sehr große Bedeutung, weil sie die Errungenschaften der Antike vor dem Untergang schützte und den Faden der Tradition so lange getreulich festhielt, bis das edle Reis der hellenischen Heilkunst in ein neues, für die Weiterentwicklung günstiges Erdreich überpflanzt werden konnte.
Die Phasen des Aufstiegs oder Niedergangs der byzantinischen Kulturmacht gingen zwar nicht spurlos an der medizinischen Literatur vorüber, aber tiefgreifend war die Wirkung kaum, da die ärztliche Kunst vom spezifisch byzantinischen Geistesleben wenig berührt wurde und ihre Impulse nicht von der Akademie in Konstantinopel[1], sondern von jenen Stätten empfing, die noch vom echten Geist der Antike umwoben waren. Deshalb bildete tatsächlich nur die Eroberung Alexandrias (642) durch die Araber, welche dem Griechentum die wichtigste ärztliche Schule raubte, eine wahre Cäsur im Ablauf des Ganzen, die Grenzscheide zweier wohlcharakterisierter Perioden der byzantinischen medizinischen Literatur.
Die erste dieser beiden Perioden fällt mit dem frühbyzantinischen, d. h. mit jenem Zeitalter zusammen, in welchem das antike römisch-hellenische Wesen erst nach langen Kämpfen dem allmählich erstarkenden mittelalterlichen christlich-byzantinischen Geiste unterlag. Da der letztere der wissenschaftlichen Heilkunde keine positive Förderung zu bringen vermochte, so wurde die Medizin von den allgemeinen Strömungen der Epoche nur so weit günstig beeinflußt, als die Antike noch darin prävalierte.