Das alles wollte und konnte sie nun erreichen. Wie glücklich sie war!
Doch ach! — durfte sie es tun? War Thoas, der König, nicht ihr väterlicher Freund, ihr Wohlthäter? — Undankbar wollte sie nimmer sein! Niemals wollte sie unrecht tun, niemals, selbst dann nicht, wenn sie die Heimat nie wieder sehen sollte, — die Heimat, die ihr so teuer war; lügen wollte sie nicht, selbst wenn der Bruder unglücklich werden sollte.
Sie glaubte an das Gute, Edle in den Menschen, und so ging sie zu Thoas, dem König, und sagte ihm den Plan,offenbarte ihm alles und bat ihn, sie zu retten, sie und den Bruder und dessen Freund; sie bat ihn, eine Tat zu tun, so groß und so edel, wie diese.
Langezauderte der König. Es ward ihm schwer, sich von ihr, dem geliebten Weibe, zu trennen; es ward ihm schwer, die beiden Griechen, seine Feinde, ungehindert ziehen zu lassen.
Aber das Wort Iphigeniens und ihrWesen waren so mächtig, daß der König hörte und die großeTat[IV-11]vollbrachte. — Sieschied von ihm in Freundschaft; ihr Bruder ward geheilt vom Wahnsinn und war wieder froh.
So wirkt ein Weib. Kultur, milde Sitten, Wohlfahrt und Glück bringt sie dem Lande; sie macht glücklich, edel und groß alle, die in ihrer Nähe sind; dem Kranken und allen Unglücklichen bringt sie Heilung und neue Lust zum Leben.
So groß ist die göttliche Kraft des Weibes. Sie wirkt gutes durch den Ton ihrer Stimme, durch den Blick ihres Auges, durch ihr ganzes Wesen; aber dann nur kann sie es vollbringen, wenn ihr Herz rein, wenn ihre Seele groß, wenn sie ist, was sie sein soll: Eine Priesterin im Hause und eine Förderin des Guten und Schönen auf Erden.
Martha: Papa!
Herr Meister: Meine Tochter!
Martha: Von heute an will ichGoethe[IV-12] lieben um seiner »Iphigenie« willen.