Dr. Albert: Und das wäre doch schade, Bruder Otto, meinst Du nicht so?

Gretchen: Sie zeigen soeben, Herr Doktor, daß Sie selbst sehr gerne beobachten.

Dr. Albert: O gewiß, mein Fräulein, das thue ich, denn alles in der Welt hat Interesse für mich: Menschen und Pflanzen, Tiere und Steine, alles, alles. Die Betrachtung der Naturzumal gewährt mir hohenGenuß. Geht es Ihnen nicht auch so, Fräulein Martha?

Martha Meister: Auch ich finde viel Freude im Beschauen der Natur; allein wie wenig Gelegenheit findet man dazu in einer großen Stadt.

Bella: Das meine ich auch. Ich lese und höre so viel von dem Schönen, von den Wundern der Welt; aber hier bin ichjahraus, jahrein inmitten einerungeheuern Masse von Backsteinen. Ich möchte wohl auch einmal etwas in der Welt beschauen.

Dr. Albert: Wirklich? Dann gehen Sie doch einmal mit mir, wenn ich durch die Wälderstreife.

Bella: O, das wäre herrlich, Herr Doktor! — Nein, nein, es geht doch wohl nicht, denn Sie bleiben ja immer so lange fort. Was Sie da wohl tun, wenn Sie Tag und Nacht von Hause bleiben? — Ei, das möchte ich gar zu gerne erfahren, mein lieber Herr Doktor — aber das sind wohl auch Geheimnisse, nicht wahr?

Dr. Albert: Durchaus nicht, mein Fräulein. Ich weile gern in der großen Stadt, denn gerade dieses Lärmen und Treiben ist es, wodurch auch in mir dieLust zumSchaffen erweckt wird. Allein, wenn nach langem Studieren und Schreiben und Denken mein Auge ermattet und die Hand mir erlahmt und mein Ohr des nimmer endenden Geräusches müde wird, wenn mein Geist seine Frische verliert und den Mut und den Enthusiasmus, — dann schließe ich schnell mein Buch und mein Zimmer, dann ergreife ich die Flinte und eile hinaus in die weite, weite Welt und steige hinauf auf die Berge.

Oftmals geschah es dann wohl, daß ich lange nach Mitternacht noch lauernd im Gebüsche stand. Aus den schlankenTannen kam dann das Reh mit dem Jungen arglos und langsam hervor und so lieblich war es im silbernen Lichte des Mondes anzuschauen, daß ich, auf die Flinte gestützt, ruhig blieb und mich so lange erfreute am Anblick, bis sie beide in graziöser Schnelle weiter dahin eilten.

Öfters aber schaute ich auf zum dunkelblauen Himmels-Zelte, zu den Sternen ohne Zahl, und unaussprechliches Staunen erfaßte mich über die unbeschreibliche Pracht. Wessen Seele müßte nicht heiligste Ehrfurcht empfinden vor solch' erhabenem Anblicke? Sind nicht viele jener Sterne tausend und tausendmal größer als derErdball? Welcher Verstand könnte die Unendlichkeit des Welten-Raumeserfassen, in dem alle diese Sterne ihre eigenenBahnen mit unglaublicher Schnelle durcheilen! Der Mensch kann nur staunen. — Ein Nichts erscheint er sich selbst, ein Atom imWeltall; er beugtin Demut sein Haupt vor dem Schöpfer und versinkt in die tiefsteAnbetung. In seinem Innern aber erhebt sich dann wohl jauchzend die Stimme: Der allgewaltige Schöpfer dieser wunderbaren, großen, unendlichen Welt ist ja auch dein liebender Vater; er wachet und waltet über alle Wesen mit Vater-Güte und dem Menschen gab er dieEinsicht, daß er dieses verstehe, und er gab ihm ein Herz, daß er es fühle. Dann hebt sich die Brust, und neues Leben durchrinnt mich wieder. Neue Gedanken und neue Pläne zu großen und guten Taten beginnen in mir zukeimen; elastisch springe ich auf aus meinemVerstecke und dringe vorwärts. überall um mich in den Büschen regt es sich, denn der Tag bricht neu an. Ich klimme aufwärts, bis ich den Gipfel des Berges erreiche, ah — von neuem eine unbeschreibliche Überraschung! Vor mir liegt der Ocean, endlos, endlos; ich erhebe meine Hände beim Anblick desselben, mein Herz strömt über von Glück, aus den Augen brechen Thränen der Freude, und meine Lippen murmeln — Worte des Psalmisten: »Preise den Herrn, meine Seele, die Welt ist seiner Herrlichkeit voll, die Majestät des Herrn ist groß und mächtig. — O, wie sind deine Werke wunderbar — alles hast du mit Weisheit geschaffen — die Erde ist voll deiner Güter. — Dem Herrn sei Lob und Ehr' in Ewigkeit.«