Vgl. die Karte bei S.215.

Dampfer der Deutschen Yangtselinie (etwa wöchentl. einmal), der China Merchant's Co. sowie englische, französische und japanische laufen auf dem Yangtsekiang von Schanghai nach (1085 km) Hankau, so daß jeden Tag einmal, oft zweimal, Fahrgelegenheit ist. Fast alle Dampfer sind gut eingerichtet und bieten gute Verpflegung. Die Fahrtdauer (bis Hankau etwa 4 Tage) ist vom Wasserstand im Yangtse abhängig (s. unten). Die Fahrpreise sind bei Melchers & Co. sowie den Agenturen der fremden Linien in Schanghai zu erfahren. Da die Dampferfahrkarten auch für die Bahnfahrt Schanghai-Nanking und zurück gültig sind, empfiehlt es sich, um Zeit zu gewinnen, diese (wenig lohnende) Strecke mit der Bahn, Fahrzeit 7 St., zu machen. Wegen Anordnung des Reisewegs für Weltreisende durch Nordchina vgl. S.249; man beachte, daß die Bergfahrt nach Hankau zeitraubend ist, daher sollte man womöglich nur von Hankau zu Tal nach Schanghai fahren.
Der Yangtsekiang, der Hauptfluß Südchinas, ist mit einer Länge von ungefähr 5000 km (Donau 2860 km) und einem Stromgebiet von 1,9 Mill. qkm (dem 10fachen des Rheingebiets) einer der mächtigsten Ströme der Erde. Er kommt wie die Hauptzuflüsse seines Oberlaufs aus dem Hochgebirge Osttibets und fließt in seinem ganzen Oberlauf in tiefeingeschnittenem Tal ungefähr südwärts, bis er an der Nordgrenze von Yünnan ostnordöstl. Richtung annimmt, die der Mittel-u. Unterlauf durch die Provinzen Szetschuan, Hupe, Nganhwei und Kiangsu im großen ganzen beibehält. Leider erfüllt der Yangtse die Aufgabe, einen bequemen Weg durch die schwer überschreitbaren Gebirgsketten des innern Südchina zu bieten, wegen zahlreicher Stromschnellen nur während der kurzen Perioden mittlern Wasserstandes im Frühjahr und Herbst, so daß von der Austrittsstelle aus dem innern Gebirgslande bei Itschang bis zu dem äußerst fruchtbaren, dichtbesiedelten und ertragreichen »Roten Becken« der Provinz Szetschuan hinauf Dampfschiffverkehr erst seit 1909 versuchsweise hat eingerichtet werden können. Um so größere Bedeutung hat der Strom in seinem immer noch 1700 km langen (deutsche Elbstrecke 740 km) Unterlaufe von Itschang (S.262 ) an, wo er zwar auch noch vielfach durch Bergland fließt, aber mit gleichmäßig geringem Gefälle. Mit seinen Nebenflüssen bildet er hier innerhalb eines der reichsten Teile Chinas ein weitverzweigtes, vortreffliches Wasserstraßennetz. Große Seeschiffe können bei Flußhochwasser im Sommer bis Hankau hinauf fahren. Eine ganze Reihe volkreicher und wichtiger Städte sind daher an seinem Unterlauf entstanden: Tschinkiang (großer Nahrungsmittelhandel), Nanking, Wuhu (Reis), Kiukiang (Tee u. Porzellan) und vor allem die Städtegruppe Hankau-Wutschang-Hanyang; weiter oben Yautschou, Tschangscha, Tschangte und Itschang. Im Frühjahr, wenn die Schneeschmelze eingesetzt hat, beginnt der Strom zu steigen und erreicht seinen Höchststand, der das winterliche Niedrigwasser in eingeengten Strecken des Mittellaufs bis 30 m, bei Hankau 15 m, bei Kiukiang noch um 14 m übersteigt, erst im Juli oder August, weil ihm auch die Sommerregen viel Wasser zuführen. Da auch die Nebenflüsse im Sommer Hochwasser haben, so würde die Anschwellung im Unterlaufe des Yangtse noch stärker sein, wenn nicht zwei große Flachseen, der Poyangsee und der Tungtingsee, die Hauptwassermassen dreier großer rechtsseitiger Nebenflüsse, des Kan, des Hsiang und des Yüen, aufnähmen und nur allmählich wieder abgäben, so wie regulierende »Talsperren« größten Stiles wirkend.

Die Fahrt auf dem untern Yangtse und den angrenzenden Strecken seiner Nebenflüsse ist zwar keineswegs reizlos, doch vermag sie große landschaftliche Schönheiten nur stellenweise zu bieten; solche steigern sich erst in dem großartigen Durchbruchstale oberhalb Itschang. Die Reize einer Yangtsefahrt beruhen hauptsächlich auf dem großen Verkehr und den interessanten Städtebildern und auf den interessanten Einblicken in das Wirtschaftsleben des chinesischen Volkes.

Die Fahrt von Schanghai führt zunächst flußabwärts bis Wusung (S.246 ), dann in den über 30 km breiten Mündungstrichter Yangtsekiang (die Chinesen nennen den Strom Ch'ang-chiang, spr. tscháng-djang, d. h. Langer Strom). Die ersten 160 km aufwärts von Wusung fährt man in dem Ästuar wie auf einem großen gelben See, dessen Ufer nur stellenweise sichtbar werden. Von den Häusern sieht man nur die Dächer, ihr unterer Teil ist hinter Deichen verborgen, die die Dörfer der Flußniederung gegen Überschwemmung schützen. Nur die Lotsen vermögen sich durch die vielen Bänke im Fahrwasser hindurchzufinden; die jährlichen Überschwemmungen ändern die Fahrrinnen fortwährend, schwemmen Inseln an oder reißen Uferstrecken fort. Landmarken bilden Pagoden auf Hügeln, so die Pauschanpagode nahe bei Wusung, oder Baumgruppen und Gerüstbaken, so r. auf der großen, flachen Insel Tsungming. Nach etwa 16 St. Fahrt zeigen beide Ufer Hügel. Bei den mit einer Pagode gekrönten Langschanhügeln (110 m hoch), einem besuchten Wallfahrtsort mit vielen Tempeln, wird der Strom schmäler, die Berge werden höher, beim Huangschan ist der Fluß kaum 1400 m breit, am r. Ufer liegen 6 Forts, am l. Ufer gegenüber der Stadt Kiangyin (Stadtmauer 1506 erbaut) noch drei Batterien. Hier ist der Telegraph von Schanghai nach Peking mit Kabel durch den Yangtse geführt. Oberhalb erweitert sich das Bett, der Kurs führt an Wäldern, Feldern und vielen Dörfern vorbei; der Fluß ist mit Dschunken und Dampfern reich belebt. Weithin sichtbar ist die siebenstöckige Tschusanpagode auf dem Gipfel eines hohen Berges mit Fichtenwald; am Fuße des Berges liegt eine zweite befestigte Flußsperre mit acht Batterien, Kuppelfort und kasemattiertem Erdwerk, in der Nähe ein Militärlager. Vor Tschinkiang wird die Landschaft sehr malerisch; mitten im Strom liegt die Silberinsel ( Tsianschan; ähnlich der Böcklinschen Toteninsel), deren bewaldeter Hügel eine niedrige Pagode und andre Tempelanlagen trägt; auch hier Festungswerke am Südende der Insel und an beiden Ufern.

(260 km) Tschinkiang (chines. Chên-chiang, spr. djö́n-dyáng), seit 1861 Vertragshafen mit 184000 Einw., als Handelsstadt wichtig, weil sie an der Kreuzung des Kaiserkanals mit dem Yangtse liegt, der von Peking nach Hangtschou läuft und 1100 km lang ist (zwischen Peking und Tschinkiang 800 km); jetzt ist der Kanal allerdings stark verfallen und ohne Bedeutung für den Handelsverkehr zwischen Süd-und Nordchina. Seit 1907 ist Tschinkiang Station der Bahnlinie Schanghai-Nanking. Anlegebrücken für die Flußdampfer. Die Stadt hat eine Fremdenniederlassung (deutsches Postamt; Agentur von Melchers & Co. ) oberhalb der Chinesenstadt am Hügel Yintai-schan mit gut gepflegtem Bund mit Bäumen und ist mit starken Mauern umgeben. Der Kaiserkanal (s. oben), der den Yangtse ohne Schleusen kreuzt, bildet einen Teil des Festungsgrabens. In der Umgegend Jagd auf Wildschweine und Fasanen. Der schönste Punkt der Umgebung ist die * Goldinsel ( Kinschan ) dicht oberhalb der Fremdenniederlassung am r. Ufer, die noch 1823 am l. Ufer und 1842 mitten im Fluß lag; an ihrem Westabhang ein großes buddhistisches Kloster mit Pagode.

Die Fahrt geht weiter an der hohen, siebenstöckigen Pagode von Yitsching ( Jitschöng ) am l. Ufer vorbei; die Stadt ist Hauptplatz für den Salzhandel. Dann werden die Ufer flach, am r. Ufer zeigt der Hintergrund bewaldete Berge; auf einem hohen Berge am l. Ufer steht die Ninganschan-Pagode. Die Gegend wird immer fruchtbarer. Auf dem r. Ufer hohe Zyklopenmauern über Hügeln, auch mehrere Pagoden und Schornsteine einer Marinewerft, sowie der Löwenhügel ( Schetseuschan ), mit modernen Batterien bewaffnet; dann erreicht man Hsiakuan (zwei europäisch geleitete Gasthöfe), die Ufervorstadt von

(330 km) Nanking (chines. [»Südresidenz«] Chiang-ning-fu, spr. dyáng-ning-fú), Stadt mit 267000 Einw., darunter etwa 160 Europäer (14 Deutsche), am r. Yangtseufer in hügeliger Gegend, seit 1899 dem Fremdhandel geöffnet; es war die uralte Kaiserstadt Chinas seit 200 v. Chr. bis 1404 und blühte am meisten in den ersten Zeiten der Ming-Dynastie, seitdem schwand ihre Größe; 1854 wurde sie im Taipingaufstand zerstört (wobei auch der berühmte, 165 m hohe Porzellanturm völlig zugrunde ging); heute ist sie zwar als Handelsplatz von Tschinkiang überflügelt, aber als Sitz des Generalgouverneurs der Provinz Kiangsu, Anhui und Kiangsi sehr wichtig (zurzeit Regierungssitz der Revolutionäre), hat Provinzialhochschule (Nanking ist der literarische Mittelpunkt Chinas, mit großen Büchereien und Druckereien), Militärstation, drei Militärschulen, Marineschule und Arsenal, zahlreiche Missionen. Die rege Industrie stellt aus der hier wachsenden Baumwolle den als »Nanking« bekannten Stoff her; berühmt ist der Nankinger Seidenbrokat. Eisenbahnen nach Schanghai (S.248 ), Bahnhof in Hsiakuan bei der Dampferbrücke, und von Pukow (gegenüber Hsiakuan am l. Ufer) nach Tsinan am Hoangho (und weiter nach Tientsin), davon 110 km im Betrieb; die ganze Strecke soll im Herbst 1912 fertig sein. Das Fremdenviertel vor dem Nordtor der Stadt, in Hsiakuan, dient wegen ungesunder Lage fast nur als Geschäftsviertel; fast alle Fremden wohnen innerhalb der Stadtmauer. P und T in Hsiakuan und Nanking. Deutsches Konsulat (Konsul: Dr. Wendschuch) liegt 4,5 km vom Hafen, an der r. Seite der Hauptstraße in Nanking; deutscher Arzt 9 km vom Hafen, kann telephonisch gerufen werden. Nanking ist mit Mauern umgeben, die bis zu 15 m hoch und 56 km lang sind. Aus der Ufervorstadt Hsiakuan gelangt man auf einer guten Straße über eine Brücke, die über einen Kanal führt, durch das stattliche Tor Yifongmen in die Stadt Nanking; der südliche Stadtteil enthält noch Reste der Mauer, die den von den Taipings zerstörten Palast der Ming-Dynastie umgab; man benutze Wagen (am Hafenplatz zu haben, täglich $ 3-4) oder Rikscha, da die Entfernungen sehr groß sind, z. B. bis zur französischen Jesuitenmission 8,5 km vom Landungsplatz. Im SO. der Stadt liegt das moderne chinesische Geschäftsviertel, sehr belebt, mit engen Straßen. Im O. das ehemalige Mandschuviertel, weitläufig gebaut, mit dem Palast (Yamen) eines Bannergenerals, der als Stellvertreter des Kaisers sogar den Generalgouverneur überwacht. Östl. vom Mandschuviertel lag die alte »Rote verbotene Stadt«, in der die Ruinen des Palastes der Mingkaiser liegen. Im N. Gärten, Reis-und Gemüsefelder innerhalb der Stadtmauern, dazwischen überall Grabdenkmäler, auch ein öffentlicher Garten und eine Rennbahn. Die Gebäude der Ersten chinesischen allgemeinen Landesausstellung von 1910 dienen weiter einer Dauerschau für Unterrichtswesen und Industrie der Provinz Kiangsu. Gegenüber Nanking liegt Pukou ( Pukotschöng ), Endstation der Bahn nach Tientsin und Peking (s. oben).

Ausflug zum Minggrab (bei schlechtem Wetter nicht ratsam). Von der Mitte Nankings braucht man gut 1 1 / 2 St. mit Rikscha für den Hinweg, der durch das Tor Tschaoyangmen führt. Die Gräberstraße beginnt mit einem dreibogigen Tor, hinter dem eine höhere Torhalle folgt, die am Abhang eines heiligen Gräberhügels liegt, um den nun der Weg, die groteske »Geisterallee«, herumführt; paarweise stehen die steinernen Ungeheuer zu beiden Seiten des Wegs, Pferde, Löwen, Kamele, Elefanten; dann folgen die Steinbilder von Militär-und Zivilmandarinen. Dahinter liegen die Grabanlagen. Die ursprünglichen Grabanlagen sind im Taipingaufstand 1854 vernichtet worden; die jetzigen Gebäude sind nur eine notdürftige Kulisse, die der Kaiser Tsait'ien errichten ließ, um darin alljährlich den Manen des großen Gründers der Ming-Dynastie opfern zu lassen. Im zweiten Hof vom Kaiser K'ang Hsi (1662-1723) verfaßte Inschriften zur Erinnerung an seinen Besuch der Stätte; der hinterste Hof mündet in einen Tunnel, der zu einer Terrasse mit roter Mauer führt. Dahinter erhebt sich ein bewaldeter Hügel, in dem der Kaiser Hungwu (1368-98) ruht.

Die Flußfahrt aufwärts führt an der Fasaneninsel vorbei, wo im Herbst gute Jagd ist, und weiterhin an der Stadt Taiping, am r. Ufer, schon von weitem an einer siebenstöckigen Pagode zu erkennen; die Stadt war der Herd des großen, nach ihr benannten Aufstandes (1852-64) der christenfreundlichen Chinesen gegen die Tsing-Dynastie, ihre Mauern sind 810 erbaut.—Dann folgt

(413 km) Wuhu, Stadt mit 129000 Einw., 1 km landeinwärts, mit Mauern umgeben, am r. Ufer des Yangtse, Vertragshafen seit 1877, als Handelsplatz wichtig, weil es durch Wasserwege mit großen Handelsstädten, besonders mit dem Teestapelplatz Taipinhsien, ferner mit den wichtigen Seidenhandelsplätzen Nanling und Kinghsien sowie mit Ningkuofu verbunden ist. Einfuhr: Opium und Baumwollwaren; Ausfuhr: Seidengewebe, Tee und Steinkohlen, vor allem aber Reis, der in riesigen Mengen verfrachtet wird. Die europäische Niederlassung liegt auf Hügeln unterhalb der Chinesenstadt, bisher nur von der amerikanischen Methodistenmission besiedelt. Agentur der deutschen Firma Arnhold, Karberg & Co. ist in Wuhu. Wuhu hat elektrische Beleuchtung. Eisenbahn von Wuhu nach Kuangtetschou ist im Bau und soll bis Hangtschou (S.252 ) weitergeführt werden.