Tsinanfu ( Hotel Trendel, am Westbahnhof, mäßig, Pens. $ 5; Gasthaus des Schlächtermeisters Stein, nahe dem Bahnhof, bescheiden, sauber, gelobt), Hauptstadt der chinesischen Provinz Schantung und wichtige Handelsstadt der Kreuzungsstelle des Hoangho mit dem Kaiserkanal, Sitz des Gouverneurs, mit etwa 360000 Einw., Hochschule, Rechtsakademie, Lehrerseminar, Gewerbeschule (mit Ausstellung der in der Schule hergestellten Gegenstände), Polizeischule, Kadettenschule und Arsenal; die Stadt hat elektr. Licht und Telephon. Deutsches Konsulat, Konsul Dr. Betz.
Zeitteilung: Bei eintägigem Aufenthalt besichtige man die heißen Quellen, den Lotosteich und mache einen etwa vierstündigen Ausflug zum Tausend-Buddha-Berg.
Sehenswert sind der * Lotosteich ( Ta ming hu ) im N. der Stadt mit Tempeln und Ahnenhallen am Rand und auf den Seeinseln und hübschen Ausblicken (Bootsfahrt); die Provinzialbibliothek mit alten Relief-und Inschriftensteinen am Seeufer; das Provinziallandtagsgebäude; die * heißen Quellen (Pai tu tsuan), in denen das die Straßen durchfließende heiße Wasser entspringt, mit altem Quellentempel, worin ständiger Markt abgehalten wird, in der südl. Vorstadt; ganz im S. die weitläufige Anlage der Englischen Baptistenmission mit Medizinschule und Museum; vor dem neuen Westtor ( Pu li men ) der stattliche Neubau des Ober-und Landgerichts, dahinter das Mustergefängnis, an der zur Handelsniederlassung am Westbahnhof führenden Straße; in der Niederlassung liegen das Deutsche Konsulat (Konsul Dr. Betz), das große Verwaltungsgebäude der Tientsin-Pukou-Eisenbahn, das Sanatorium Dr. Kautzsch, Niederlassungsamt; Deutsches Postamt im Westbahnhof. Bank: Deutsch-Asiatische Bank (Korresp. der Deutschen Bank).
Kleinere Ausflüge in die Berge im S. zum * Tschien fo schan ( Tausend-Buddha-Berg ), buddhistischem Wallfahrtstempel über der Stadt mit hübschem Blick auf die Umgebung bis zum Hoangho; in hochromantischer Talschlucht im Gebirge; nur mit Führer zu Fuß durch die Berge in 3 1 / 2 St. oder zu Pferd auf Umweg um das Gebirge herum in 2 1 / 2 St.
Ausflug zur Geburtsstadt und dem Grabe des Kungfutsze. Von Tsinanfu mit der Südlinie der Tientsin-Pukou-Bahn in etwa 3 St. nach (etwa 70 km) Taianfu (Bahnhofshotel) mit den sehenswerten Tempeln der Pihiayüen kün und des Taimiau. Von da Besteigung des * Taischan (1550 m), des schönsten Punktes von Schantung, hochberühmter, alter heiliger Wallfahrtsberg, Aufstieg 4 St., Abstieg 3 St.; mit Bergsänften für Tag und Träger 1000 Käsch (etwa $ 0,40) und Trinkgeld, vier Träger erforderlich. Der Weg führt von Taianfu an der Ostmauer des Taimiau entlang nach der Stadtmauer, außerhalb nach W. durch den großen Ehrenbogen Taitsungfang (16. Jahrh.), der den Anfang des berühmten Treppenwegs (etwa 6000 Stufen) zum Gipfel bildet, dann zwischen Zypressen, Tempeln, Toren, Gedenksteinen und Raststellen bergauf; viele Ausblicke in zerklüftete Gebirgslandschaft. Der obere Teil der»Treppe zum Himmel«schmiegt sich wie eine Riesenschlange an die steile Felswand; oben hinter dem ersten Tor hält Kuanti, der Kriegsgott, die Wacht. Auf einem Sattel zwischen zwei Kuppen sind Unterkunftshütten: die Hochfläche ist übersät mit Tempeln; der schönste Tempelpalast mit hohen Toren, Trommel- und Paukenturm, Höfen und Pavillons ist der Himmelsmutter ( Pihiayüen kün ) geweiht: auf schwerem Sockelbau mit Freitreppe erhebt sich ein Kungfutszetempel; alle Anlagen überragt der Tempel des Edelsteinkaisers ( Yühuangti ) auf dem höchsten Gipfel am Nordrand des Berges. Herrlicher Blick auf den Fluß Tawönho, die Stadt Taianfu in der Ebene und das Trümmerfeld ähnliche Gebirge nach O., N. und W. vom »Lebensgipfel« aus. In der Nähe berühmte Felseninschrift aus der Zeit der Tang-Dynastie (7. Jahrh.); man kann im Gebirge in einem Kloster übernachten. Von Taianfu gelangt man weiter mit der Bahn nach (etwa 130 km) Yentschoufu, von da zu Pferd oder zu Fuß nach (18 km) * Küfu am Fuß des großen Schantunger Gebirgsdreiecks, wo Kungfutsze (Confucius) 551 v. Chr. geboren wurde und 478 starb; den größten Teil der Stadt nimmt die großartige Anlage des Kungfutszetempels ein. Durch fünf Vorhöfe und hallenartige Tore, mit Inschriften und Gedenksteinen geschmückt, führt der breite Weg zum Hauptheiligtum Tatschengtien (»Zur großen Harmonie«) des Kungfutszetempels mit gelb glasiertem, doppeltem Dach, auf dessen First Fabeltiere die bösen Geister fernhalten; die marmornen Monolithsäulen des Tempels (16. Jahrh.), auf denen Wasser, Berge und Wolken mit den beiden nach dem Edelstein greifenden Drachen in erhabener Arbeit gemeißelt sind, stehen auf 3 m hoher Plattform; die Tempelhalle ruht auf roten Hartholzsäulen; in der Halle stehen fünf geschnitzte Schreine mit Opfertischen, im mittlern erhebt sich die goldglänzende Statue des Kungfutsze mit kaiserlichen Insignien, am seltsamen Zeremonienhut 12 grün-und rotseidene Quasten mit Perlen, zu den Füßen die Seelentafel mit Inschrift:»Tschescheng siensche Kungtse schen-wei«(d. h. des allerheiligsten hehren Lehrers Kungtse geistiger Thron).
Im Schrein l. Jenfutse, der Neffe, und Tsesetse, der Enkel des Weisen, r. die andern Hauptschüler Tsengtse und Mengtse (Mencius). Um den Haupthof liegen mauerumzogene Unterkunftshäuser für die Kaiser und ihr Gefolge, in denen sie sich fastend auf die Opfer vorbereiteten, ferner kleine Tempel für die Eltern und Vorfahren des Weisen, Hallen für die geweihten Musikinstrumente, Übungsräume für die Musikanten etc.
Kleiner ist der Tempel des Jenfutse, hinter dem in einem noch viel kleinern Tempel der Frau des großen Schülers geopfert wird. Nahebei eine gute chinesische Herberge. In Küfu residiert das gegenwärtige Haupt der Familie, der »heilige Herzog«Kun ( yen scheng kung ), der 74. direkte Nachkomme des Kungfutsze. (Ausführliche Schilderungen und Abbildungen der Sehenswürdigkeiten auf dem Taischan und in Küfu in:» Studien und Schilderungen aus China «, Nr. I: Der Taischan; Nr. II: Heiligtümer des Konfuzianismus; Verlag der katholischen Mission in Yentschoufu, zu haben in den Buchhandlungen in Schanghai und Tsingtau.) Der Weg von Küfu zum einfachen und schlichten Grab des Weisen führt durch den * Geisterweg, dessen Allee aus der Zeit der Han-Dynastie (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) stammen soll. Marmorbogen, mit Löwen geschmückt, überspannen den Weg, an dem Kioske mit Inschriften stehen. Man gelangt in einen urwaldähnlichen Totenhain; die spitzen Grabhügel der Verwandten des Kungtse sind dicht überwachsen. Durch einen alten Ehrenbogen und über eine spitzbogige Brücke erreicht man ein Torgebäude, hinter dem der Ehrenweg beginnt, der an den großen Steinfiguren der»hochehrwürdigen Oheime«zu seiten einer Rauchopferschale vorbei zum Grabhügel des» Allerheiligsten «führt, der, mit Gestrüpp bewachsen, einen großen, nach S. gerichteten Grabstein voll altertümlicher Schriftzeichen mit schwerem Opfertisch zeigt—das * Grab Kungfutszes, umgeben von den Gräbern seiner nächsten Verwandten.
Sehr anstrengend, aber lohnend, ist der Rückweg von Küfu in östl. Richtung über das Gebirge nach Poschan (S.272 ) mit einräderigen Reisekarren (wheelbarrows, in Pidgeon: bibalos), von je zwei Kulis gezogen; drei Tagereisen bis Poschan, auf schmalen Gebirgspfaden, an Abgründen vorbei, über den Poschanpaß (mit steinerner Ehrenpforte), auf sehr schlechten, mit Steingeröll übersäten Wegen. Unterwegs viele schöne Ausblicke. In Poschan sehenswerte Glasbläsereien und Töpfereien. Rückfahrt von Poschan mit der Schantung-Bahn nach Tsingtau.
Kungfutsze, der bedeutendste Staats- und Sittenlehrer Chinas, griff, um der Zerrissenheit Chinas in viele kleine Einzelstaaten abzuhelfen, auf den altchinesischen Ahnenkultus und die alten Schriften der chinesischen Weisen zurück, erklärte als vornehmste Pflicht den unbedingten Gehorsam des Sohnes gegen den Vater, des Untertanen gegen den Kaiser als Statthalter Gottes; außerdem lehrte er die Tugenden Menschlichkeit, Rechtlichkeit, Schicklichkeit, Weisheit und Treue. Die weitgehende chinesische Elternverehrung ist durch ihn noch gefördert worden. In verschiedenen Büchern stellte er die Aussprüche der Kaiser des Altertums und ihrer Ratgeber zusammen. Trotzdem er kein Religionsstifter war, wurden nach seinem Tode ihm zahllose Tempel geweiht und Gedenkopfer dargebracht. Einer der schönsten Tempel Chinas ist in Küfuhsien ihm zu Ehren errichtet und mit Inschriften, Vasen und Schnitzereien aller Zeiten geschmückt. In der Stadt führen etwa vier Fünftel der Einwohner seinen Namen, darunter der Herzog von Kung, der sein direkter Nachkomme ist.— Mengtse ( Mencius ), der berühmteste aus der Schule des Kungfutsze hervorgegangene Philosoph, geb. 372 v. Chr., gest. 289, hat seine Lehren in frischer, lebendiger Form in sieben Büchern zusammengefaßt, die zu den klassischen Schriften Chinas rechnen (auch ins Englische und Französische übersetzt). Seine Nachkommen werden seit zwei Jahrtausenden in dem Nachbarorte Tschouhsien, der Heimat des Mengtse, in einem heiligen Wald von Eichen und Zypressen begraben.
Tientsin - Peking.
Von Tsinanfu nach Tientsin weiter mit der Tientsin-Pukou-Bahn (S.271 ), einer wichtigen Bahnlinie, die künftig Schanghai über Nanking (Überfahrt über den Yangtse mit Fährdampfer nach Pukou S.256 ), Tsinanfu und Tientsin mit Peking verbindet, die Bahn ist auf der nördlichen, mit deutschem Geld und von deutschen Firmen gebauten Hauptstrecke (Tsinanfu-Tientsin) bereits im Betrieb, trotzdem die Hoangho-Brücke, deren Fundamentierung ungeheure Schwierigkeiten machte, voraussichtlich erst Ende 1912 betriebsfertig wird (Fährdampfer über den Hoangho vgl. S.271 ). Die Nordstrecke zwischen Tsinanfu und Tientsin berührt keine großen Städte und führt durch den Nordteil der Großen Ebene über 30 meist kleine Stationen; etwa 120 km nördl. von Tsinanfu trifft die Bahn bei Tötschou den Kaiserkanal ( Nan yün ho ) und hält sich dann bis Tientsin nahe östl. von ihm.
Tientsin.
Vgl. den Plan aufbeifolgender Karte.
Der Bahnhof liegt am l. Peihoufer nahe der eisernen Brücke, die in die Fremdenniederlassungen führt. Man beachte, daß man in Stat. Tientsin Settlement aussteigt; der zweite, nördliche Bahnhof Tientsin City liegt am Nordende der Chinesenstadt.
Gasthöfe: Astor House (Pl. 1; deutsche Leitung), Victoria Road, im Englischen Viertel, gegenüber dem Victoriagarten, gelobt, Pens. $ 5-10, für ein Ehepaar $ 12.— Imperial Hotel Ltd., Rue de France, 50 Z., Pens. $7.— Hôtel de la Paix (Pl. 2), Rue du Consulat, 40 Z., Pens. $ 5-8.— Queen's Hotel, Victoria Road, 20 Z., Pens. $ 4-7.
Post: Deutsches Postamt (Pl. 7).— Telegraph. — Wagen, Rikschas und Reitpferde sind zu haben.— Eisenbahnen: Nordchinesische Bahn nach Peking, Tongku, Mukden und Yingkou (S.328 ); Tientsin-Pukou-Bahn im Betrieb bis Tsinanfu (S.272 ) mit Anschluß nach Tsingtau (S.267 ) und bis Taianfu (S.273 ).— Dampfer vgl. unter Tongku, S.279. Dampfer-Agenturen: Norddeutscher Lloyd, Melchers & Co. (Telegr.-Adresse: Nordlloyd-Tientsin); Hamburg-Amerika Linie, Carlowitz & Co.
Elektr. Straßenbahn durch die Chinesenstadt, die österreichische, italienische, russische, französische und japanische bis zur englischen Niederlassung.
Banken: Deutsch-Asiatische Bank (Pl. 3), Korresp. der Allg. Deutschen Credit-Anstalt in Leipzig; Hongkong & Shanghai Banking Corporation (Pl. 5), beide Korresp. der Deutschen Bank; Chartered Bank of India (Pl. 4), alle drei Korr. der Berliner Disconto-Gesellsch.
Konsulate: Deutsches Reich, Konsul Legationsrat Knipping; Vizekonsul Freih. v. Grote.— Österreich-Ungarn, Konsul M. Kobr und Dr. F. Stumvoll. — Deutscher Klub: Concordia, in der deutschen Konzession; Tientsin Club, Victoria Road.
Deutscher Arzt und drei Krankenhäuser für Europäer sowie ein Lazarett des Deutschen Ostasiatischen Detachements mit Tollwut-Impfstation.— Deutsche Apotheke: S. J. Betines & Co. — Deutsche Buchhandlung: Aug. Michels; Zeitungen:»Tageblatt für Nordchina«; »Peking and Tientsin Times«; »Courrier de Tientsin«.— Photograph: F. Scholz.— Photographische Gegenstände: in der Deutschen Apotheke. — Geschäftsadressen: E. Lee; Wolff & Kierulff (beide deutsch); Hall & Holtz (englisch); A. H. Jaques (engl.), alle drei Victoria Road, für allgemeine Ausrüstung.
Geschichtliches. Tientsin ist die Hauptstadt des Vizekönigs der Provinz Tschili; hier wurden 1858 und 1860 die ersten Handelsverträge mit europäischen Mächten abgeschlossen. Infolge chinesischen Vertragsbruchs wurde 26. Aug. 1860 die Stadt von den Engländern und Franzosen genommen. 1870 Niedermetzelung der Europäer.