Fig. 32.

Das Atmen eine Verbrennung.

Ich führe Euch nunmehr zu einem sehr interessanten Teil unseres Themas – zu der Beziehung zwischen der Verbrennung unserer Kerze und jener lebendigen Art von Verbrennung, welche in unserem Körper vorgeht. Ja, in uns Allen findet ein lebendiger Verbrennungsprozeß statt, ganz ähnlich dem der Kerze; und ich will versuchen, ihn Euch klar zu machen. Die Vergleichung des menschlichen Lebens mit einer Kerze ist nicht nur im poetischen Sinne wahr; wenn Ihr mir folgen wollt, denke ich es euch deutlich machen zu können, daß sie auch naturwissenschaftlich berechtigt und begründet ist.

Ich habe mir dazu einen kleinen Apparat ersonnen, den ich gleich vor Euch aufbauen werde. Hier ist ein Brettchen, in das eine Rinne eingeschnitten ist, und diese Rinne kann ich von oben mit einer etwas kürzeren Platte zudecken, so daß auf jeder Seite eine Mündung frei bleibt; den so entstandenen Kanal kann ich ferner durch aufgesetzte Glasröhren an jeder Mündung aufwärts leiten, so daß das Ganze einen freien Durchgang bietet. Wenn ich nun einen Wachsstock oder eine Kerze (wir dürfen jetzt frei im Gebrauch des Wortes »Kerze« sein, seitdem wir seine ganze Bedeutung verstehen) in eine von den Röhren stelle, so wird die Verbrennung sehr gut vonstatten gehen. Ihr merkt, daß die Luft, welche die Flamme unterhält, in der Röhre auf der linken Seite hinabsteigt, dann durch die horizontale Rinne geht und in der Röhre am andern Ende, in der die Kerze brennt, aufsteigt. Wenn ich die Öffnung, durch welche die Luft eintritt, verstopfe, so hemme ich alsbald die Verbrennung, wie Ihr begreift. Ich schneide die Luftzufuhr ab, und die Kerze geht aus. Aber was können wir nun weiter daran knüpfen? In einem früheren Experimente[23] zeigte ich Euch, was geschieht, wenn die Luft von einer brennenden Kerze zu einer anderen gelangt. Würde ich nun hier Luft, die von einer anderen Kerze kommt, durch eine geeignete Vorrichtung in diese Röhre einleiten, so wißt Ihr, daß dieses Licht verlöschen müßte. Indes, was werdet Ihr sagen, wenn ich behaupte, daß auch mein Atem die Kerze zum Verlöschen bringt? Ich meine nicht etwa durch Ausblasen, sondern einfach: die Natur meines Atmens ist derart, daß die Kerze darin nicht zu brennen vermag. Ich werde jetzt meinen Mund über die Öffnung halten und, ohne daß ich die Flamme im geringsten anblase, keine andere Luft in die Röhre gelangen lassen, als die aus meinem Munde kommt. Da seht Ihr schon das Ergebnis. Ich habe die Kerze durchaus nicht ausgeblasen; ich ließ nur die Luft, die ich ausatmete, in die Mündung des Kanals eintreten, und das Licht auf der andern Seite verlöschte aus keinem andern Grunde als aus Mangel an Sauerstoff. Etwas anderes – nämlich meine Lunge – hatte den Sauerstoff aus der Luft fortgenommen, und so war keiner mehr da, die Verbrennung der Kerze zu unterhalten. Ich halte es für recht interessant, zu beobachten, wieviel Zeit die schlechte Luft gebraucht, die ich auf dieser Seite in den Kanal hineinatme, bis sie auf der andern Seite zur Kerze gelangt; anfangs brennt diese noch ganz ruhig weiter, sobald aber die ausgeatmete Luft sie erreicht, löscht sie aus.

Fig. 33.

Atmungsprodukte.

Jetzt werde ich Euch noch ein anderes Experiment zeigen, um Euch diesen wichtigen Teil unserer Untersuchung möglichst vollständig zu erläutern. Hier ist eine Glasglocke, die nichts als Luft enthält, was Ihr daran sehen könnt, daß meine Kerze oder die Gasflamme darin gleichmäßig fortbrennt. Ich verschließe sie mit einem Stöpsel und mittelst einer Glasröhre im Kork bringe ich meinen Mund so darüber, daß ich die darin enthaltene Luft einatmen kann. Wenn ich die Glocke auf Wasser setze, wie Ihr es hier seht, so bin ich imstande, die Luft herauszuziehen (natürlich muß der Kork ganz luftdicht schließen), sie in meine Lungen gelangen zu lassen und sie dann zurück in das Gefäß auszuatmen. Nun können wir sie untersuchen, um den Erfolg zu erfahren. Daß ich die Luft zuerst aussog und sie dann zurückatmete, konntet Ihr deutlich an dem Auf- und Niedersteigen des Wassers beobachten. Ich bringe nun einen brennenden Wachsstock in diese ausgeatmete Luft, und ihr werdet ihren Zustand an dem Verlöschen der Flamme erkennen. Ein einziger Atemzug hat diese Luft, wie Ihr seht, vollständig verdorben, so daß es ganz nutzlos sein würde, sie nochmals einatmen zu wollen. Nun begreift Ihr auch den Grund der Unzweckmäßigkeit vieler Einrichtungen in den Häusern besonders der ärmeren Klassen, welche es bedingen, daß dieselbe Luft immer und immer wieder eingeatmet werden muß, weil der Mangel geeigneter Ventilation die Zufuhr frischer Luft erschwert. Wenn schon ein einziger Atemzug die Luft so verdirbt, wie Ihr es hier gesehen, wie wesentlich muß da für unsere Gesundheit frische Luft sein!

Fig. 34.