Im Jahre 1816 hat Faraday auch eine erste eigene Untersuchung veröffentlicht, und zwar in dem Quaterly Journal. Es war eine Analyse einer Art kaustischen Kalks von Toskana, welchen die Herzogin von Montrose an Davy geschickt hatte. Faraday selbst schrieb später darüber:
»Es war meine erste Mitteilung an das Publikum und sie war für mich in ihren Resultaten sehr wichtig. Sir Humphry Davy gab mir als ersten chemischen Versuch diese Analyse, zu einer Zeit, wo meine Furcht größer war als mein Selbstvertrauen, und beide weit größer als meine Kenntnisse, und zu einer Zeit, wo mir der Gedanke an eine selbständige wissenschaftliche Arbeit noch nie in den Sinn gekommen war. Die Beifügung der Anmerkungen Sir Humphry’s und die Veröffentlichung meiner Arbeit ermutigten mich fortzufahren und von Zeit zu Zeit andere unbedeutende Mitteilungen zu machen. Ihre Übertragung aus dem Quaterly in andere Journale vermehrte meine Kühnheit und jetzt, da 40 Jahre verflossen sind, und ich auf die Resultate der ganzen Reihe der Mitteilungen zurückblicken kann, hoffe ich noch, so sehr sich auch ihr Charakter verändert hat, weder jetzt, noch vor 40 Jahren zu kühn gewesen zu sein.«
Dieser ersten selbständigen Arbeit folgten bald weitere, welche zwar noch nicht von epochemachender Bedeutung waren, immerhin aber Zeugnis gaben von seiner scharfen Denkkraft und seinem erfinderischen Geiste. – Im Jahre 1821 verheiratete er sich mit Sarah Barnard. In seiner Gewissenhaftigkeit wünschte er den Tag seiner Vermählung wie jeden andern betrachtet zu sehen, und er beleidigte einige nahe Verwandte dadurch, daß er sie nicht zur Hochzeit einlud. In einem Briefe, den er an die Schwester seiner Frau vor der Hochzeit schrieb, sagt er:
»Auch nicht durch die Vorgänge eines einzelnen Tages soll Unruhe, Lärm oder Hast veranlaßt werden. Äußerlich wird der Tag wie alle anderen vergehen, denn es genügt, daß wir im Herzen Freude erwarten und suchen.«
Wie sehr die hier ausgesprochene Hoffnung sich erfüllte, zeigt eine Notiz, die Faraday selbst viel später niederschrieb, und welche sich in einer Sammlung amtlicher, auf sein Leben bezüglicher Papiere vorfand:
»26. Januar 1847: Unter diesen Aufzeichnungen und Begebenheiten trage ich hiermit das Datum eines Ereignisses ein, welches mehr als alle übrigen eine Quelle von Ehre und Glück für mich wurde. Wir wurden getraut am 12. Juni 1821.«
Es waren Faraday von nun an über vierzig Jahre des Glückes, der Zufriedenheit und der rastlosesten Arbeit beschieden. Von seinen äußeren Schicksalen ist wenig mehr zu berichten: sein Leben floß fortan ruhig dahin, er vertauschte die erste Stätte seines Wirkens mit keiner andern. Seine Arbeit aber war von einem geradezu beispiellosen Erfolge. Es würde kaum möglich sein, die Zahl der Entdeckungen anzugeben, die er gemacht hat. Und was für Entdeckungen! Einzelne von ihnen sind derart, daß sie allein genügen würden, einen unvergänglichen wissenschaftlichen Ruhm zu begründen. Er erschloß ganze und große neue Gebiete des Wissens. Aber er begnügte sich niemals damit, eine neue Erscheinung aufzufinden; er verfolgte den Gegenstand nach allen Richtungen mit unerschöpflichem Scharfsinne und nie ermüdender Beharrlichkeit; und er ruhte nicht eher, als bis Tatsache an Tatsache sich reihte, bis endlich aus der Fülle der einzelnen Erscheinungen ein klar erkennbarer Zusammenhang, ein Naturgesetz hervorleuchtete.
Diese Erfolge wurden hauptsächlich durch zwei große Eigenschaften bedingt: er war ein tiefer Denker und ein großer Experimentator; zudem war er – bei aller heitern Ruhe seines Wesens – eine tief ernste Natur. Seine Gewissenhaftigkeit erlaubte ihm erst von einem Gegenstande abzulassen, wenn er, soweit es seine Mittel zuließen, nach allen Richtungen hin erschöpft war. Seine Denkarbeit war keine streng geordnete. Die Ideen zu seinen Versuchen kamen ihm meist scheinbar plötzlich wie durch eine Eingebung, und er selbst wußte die Gedankenverbindung, die ihn dazu geführt hatte, später selten klar anzugeben. – Das Experimentierzimmer aber war seine eigentliche Heimat. Ein wohlgelungener Versuch versetzte ihn in Entzücken; und wenn er in dem Ergebnis desselben gar die Bestätigung einer auf Grund früherer Versuche gehegten Vermutung fand, so fühlte er eine Freude, die ihm nur nachempfinden kann, wer selbst, wenn auch in viel bescheidenerem Grade, ähnliche Freuden erlebt hat.
Leider muß es mir versagt bleiben, die gewaltige Lebensarbeit des großen Mannes ihrem eigentlichen Inhalte nach zu schildern. Ich müßte dazu chemische und physikalische Kenntnisse voraussetzen, welche nur durch gründliches Studium erworben werden können. Aber ganz übersehen dürfen wir diese großartigen Entdeckungen nicht, und deshalb will ich versuchen, durch einige Andeutungen wenigstens einen Begriff ihrer Tragweite zu geben.
Faraday’s Arbeiten bewegten sich fast ausschließlich auf dem Gebiete der Elektrizität. Sie erstreckten sich freilich von hier aus auch auf die übrigen Zweige der Physik, aber nur insofern diese mit den elektrischen Erscheinungen im Zusammenhang stehen. Nur auf chemischem Gebiete hat er einige wichtige Untersuchungen ausgeführt, welche von seinen elektrischen Arbeiten unabhängig sind; sie fallen zum größten Teil in die ersten Jahre seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, während er noch Davys Assistent war. – Von besonderer Bedeutung ist auch eine Untersuchung, welche sich auf dem höchst interessanten Grenzgebiete zwischen der Elektrizitätslehre und der Chemie bewegt.