Unter den zu wissenschaftlichen Zwecken gewagten Luftfahrten sind die bedeutendsten die beiden von Biot und Gay-Lussac im Auftrage der Pariser Akademie im Jahre 1804 unternommenen und aus neuester Zeit diejenigen des englischen Naturforschers Glaisher, der sich rühmen darf, unter allen Sterblichen sich am weitesten von der Erde entfernt zu haben. Die von ihm erreichte Höhe von 11277 m übersteigt nämlich die des höchsten Berges der Erde noch um rund 2500 m. Diese letztgenannte Höhe erreichte Glaisher bei einer mit dem Luftschiffer Coxwell im Jahre 1863 ausgeführten Fahrt, aber freilich erst, als er bereits das Bewußtsein verloren hatte, und als Coxwell, dessen Hände von der Kälte schon ganz schwarz und gebrauchsunfähig waren, das Ventil nur eben noch mit den Zähnen öffnen konnte, um den Ballon schleunigst sinken zu machen.
Zu Kriegszwecken fand der Ballon zuerst Verwendung in der Schlacht von Fleurus (1794); auch bei der Belagerung von Charleroi leistete er Dienste. 1794 errichtete man sogar zu Meudon eine militärisch-aëronautische Schule. Napoleon aber, dem dieselbe keine greifbaren Resultate lieferte, löste sie auf. Bei der Belagerung Venedigs durch die Österreicher (1849) wurden die Ballons wiederum in Anwendung gebracht, doch ohne günstigen Erfolg. Bei Solferino (1859) sollte mit einem Ballon rekognosziert werden; er traf aber, infolge einer Verzögerung auf dem Transport, zu spät auf dem Schlachtfeld ein. Seitens der großen Militärmächte wurde mehr und mehr der Sache Aufmerksamkeit geschenkt, besonders seitdem der letzte entscheidende Schlag des amerikanischen Bürgerkrieges, die Eroberung von Richmond im Jahre 1862, dem General Mac Clellan hauptsächlich durch die mehrfachen Rekognoszierungen und Aufnahmen mittels des Ballons gelang. Nicht zu unterschätzende Dienste haben die Ballons bekanntlich in dem großen Kriege der Jahre 1870 und 1871 bei der Belagerung von Paris geleistet. Im ganzen sind durch die von dem Generalpostdirektor Rampont mit großem Geschick und unermüdlicher Energie organisierte Pariser Ballonpost während der Belagerung 91 Passagiere, 363 Brieftauben und 2½ Millionen Briefe befördert worden. Die Zahl der vom 23. September 1870 bis 28. Januar 1871 abgelassenen Ballons betrug 65. Davon gerieten fünf in die Hände der Sieger, vier gingen in Belgien, drei in Holland, zwei in Deutschland und einer in Norwegen nieder. Nur zwei sind spurlos verschwunden.
Die merkwürdigste Reise, die übrigens zugleich den Beweis lieferte, welch ungeheure Geschwindigkeit mit der Luftschiffahrt erzielt werden kann, machte der nach Norwegen verschlagene Ballon. Derselbe hatte eine Strecke von nahezu 1400 km in 15 Stunden zurückgelegt, d. i. fast die doppelte Schnelligkeit eines Kurierzuges — sicherlich ein mehr als genügender Beweis, daß man mit dem Luftschiff sehr wohl große Entfernungen zurücklegen und zugleich eine Geschwindigkeit erzielen kann, wie mit keinem der bis jetzt benützten Transportmittel. Mit der bisher im Ballon erreichten größten Geschwindigkeit von 20 Meilen in der Stunde würde man eine Luftreise um die Erde in 11 Tagen zurücklegen können.
Was uns vor allem noch von dem Glücke trennt, unseren weit vorgeschrittenen Verkehrsmitteln auch den ungehemmten Flug über Land und Meer hoch im reinen Äther zugesellt zu sehen, das ist die Unlenkbarkeit des Luftschiffes. Den Kernpunkt der Frage, Herstellung eines leistungsfähigen Motors von verhältnismäßig geringem Gewicht, hat man längst erkannt, und unermüdlich streben Wissenschaft und Technik nach Lösung dieses Problems.
Fig. 40. Henri Giffards lenkbarer Luftballon mit zweiflügeliger Schiffsschraube und Dampfmaschine.
Den ersten diesbezüglichen Versuch machte der französische Ingenieur Henry Giffard (1852); dann unternahmen solche der französische Marine-Ingenieur und Akademiker Dupuy de Lôme (1872), der Ingenieur Paul Hänlein aus Mainz (1872) und die Gebrüder Tissandier in Paris (1883). Letztere benutzten bereits elektrische Motoren. Die bedeutsamsten und erfolgreichsten Versuche wurden in neuester Zeit von den französischen Offizieren Charles Renard und A. Krebs ausgeführt.
Dieselben fuhren am 9. August 1884 in einem nach ihrer Erfindung erbauten, mit einer sehr leichten elektro-dynamischen Maschine versehenen Luftschiffe in Meudon auf und langten nach Zurücklegung eines von vornherein bestimmten Weges wieder an ihrem Ausgangspunkte an. Auch die vor kurzem mit dem lenkbaren Luftschiff von Renard angestellten neuen Versuche haben ein durchaus günstiges Ergebnis geliefert. So kann man die hochwichtige Frage der Lenkbarkeit des Schiffes in kleinem Maßstabe und unter gewissen Voraussetzungen als gelöst betrachten. Gewiß wird aber auch noch das Wort des hervorragendsten Aëronauten Amerikas, John Wises, in Erfüllung gehen: „Unsere Kinder werden nach jedem Teil der Erde reisen können ohne die Belästigung von Dampf, Funken oder Seekrankheit und mit einer Schnelligkeit von 20 geographischen Meilen pro Stunde.“[73]
Fig. 41. Luftschiffahrten von Renard und Krebs.