1.

An Meister Giuliano da Sangallo aus Florenz, Architekt des Papstes in Rom.

Florenz, den 2. Mai 1506.

Giuliano! Ich entnahm aus Eurem Briefe, der Papst habe mir meine Abreise übelgenommen, ferner, dass Seine Heiligkeit jetzt bereit sei, den Betrag zu erlegen und auch im übrigen alles unserer Abrede gemäss zu erfüllen und endlich, dass ich ohne Besorgnis zurückkehren solle.

Über meine Abreise folgendes: Am Samstag der Karwoche hörte ich — ich sage Euch die volle Wahrheit — den Papst im Gespräch mit einem Goldschmied und dem Zeremonienmeister bei Tisch sagen, er wolle weder für grosse noch für kleine Steine auch nur noch einen Heller hergeben. Darüber wunderte ich mich sehr; trotzdem bat ich ihn vor meiner Abreise um einen Teil des Geldes, das ich zur Weiterführung des Werkes brauchte. Seine Heiligkeit erwiderte mir, ich solle am Montag wiederkommen. Am Montag kam ich wieder und kam am Dienstag und am Mittwoch und am Donnerstag, wie sie selbst bestätigen kann. Endlich, am Freitag, wurde ich hinausgeschickt, nein, weggejagt. Der mich hinauswies, sagte, er kenne mich wohl, allein er habe nun einmal den Befehl. Als ich so die Bestätigung der Worte sah, die ich am Samstag gehört hatte, geriet ich in grosse Verzweiflung. Doch war das nicht der einzige Grund, weshalb ich Rom verliess. Es war da noch etwas, worüber ich schweigen will. Nur so viel will ich sagen, dass ich befürchten musste, wenn ich noch in Rom bliebe, würde eher mein Grabmal, als das des Papstes aufgerichtet werden. Das war der Grund meiner plötzlichen Abreise.

Nun schreibt Ihr mir im Auftrag des Papstes; Ihr werdet ihm also diesen Brief vorlesen. Seine Heiligkeit soll wissen, dass ich mehr als je bereit bin, das Werk fortzuführen; und wenn sie das Grabmal durchaus haben will, so kann es ihr gleichgültig sein, wo ich daran arbeite, wenn es nur nach Ablauf von fünf Jahren, wie wir vereinbart haben, in Sankt Peter an der ihr genehmen Stelle aufgerichtet und ein schönes Werk ist, wie ich versprochen habe. Denn dessen bin ich gewiss, wenn es zustande kommt, wird die Welt nicht seinesgleichen besitzen.

Wenn also Seine Heiligkeit jetzt das Werk fortzuführen gedenkt, möge sie mir besagten Betrag hier in Florenz anweisen, an dem Orte, den ich ihr bezeichnen werde. In Carrara stehen mir viele Marmorblöcke zur Verfügung; die werde ich hierher schaffen lassen und ebenso die Stücke, die ich in Rom habe. Dadurch wurden mir zwar viele Kosten entstehen, allein das sollte mich nicht kümmern, wenn ich nur das Werk hier ausführen könnte. Dann würde ich die einzelnen Teile gleich nach ihrer Vollendung nach Rom schicken, und so gut gearbeitet, dass Seine Heiligkeit ebenso zufrieden sein sollte, als wenn ich in Rom wäre; ja noch zufriedener, weil sie dann ohne weitere Belästigung bloss die fertigen Werke sehen würde. Für die besagten Geldsummen und zur Durchführung besagten Werkes werde ich mich ganz so verpflichten, wie Seine Heiligkeit es wünscht und hier in Florenz jede geforderte Sicherheit geben. Es mag sein, was es will, ich werde jede Bürgschaft aufbringen: ganz Florenz wird doch genügen! Und dann noch dies: In Rom kann ich zu diesem Preise das Werk nicht vollenden; hier hingegen vermag ich es, weil ich mir vielerlei Erleichterungen verschaffen kann, die ich dort nicht finde. Ich werde auch besser und mit grösserer Liebe arbeiten, weil ich dann nicht mehr an so viele Sachen zu denken brauche. Einstweilen bitte ich Euch, mein liebster Giuliano, Ihr wollet mir Antwort geben und das bald. Das sei's.

Euer Michelangelo, Bildhauer.

2.

An Giovanni Simone di Lodovico Buonarroti in Florenz.