[Rom, 1538–41 oder 1545–46.]

Der Ruhm, den Eure Kunst Euch schafft, ist so gross, dass Ihr vielleicht geglaubt hättet, weder die Zeit noch irgend ein Ereignis könnte ihm den Tod bringen, wäre nicht jener Strahl göttlichen Lichtes Euch ins Herz gedrungen, und Euch offenbar geworden, dass jeder irdische Ruhm stirbt und lebte er noch so lange. Wenn Ihr darum aus Euren Bildwerken die Güte dessen erkennt, der Euch zum einzigen Meister in dieser Kunst machte, werdet Ihr auch verstehen, dass ich nur dem Herrn für meine schon fast toten Schriften danken kann, denn dichtend beleidigte ich ihn weniger, als ich in meinem Müssiggang jetzt tue. Ich bitte Euch darum, nehmt diesen Ausdruck meiner Gesinnung als Unterpfand künftiger Werke an.

Eure ergebene

Marchesa di Pescara.

Anmerkungen.

Die Erläuterungen beschränken sich auf die notwendigsten biographischen und historischen Notizen. Zur leichteren Orientierung ist eine kurze Skizze von Michelangelos äusserem Leben vorangestellt.

Er wurde am 6. März 1475 im Städtchen Caprese (Toscana) geboren, wo sein Vater Lodovico das Amt eines Podestà bekleidete. Nach Ablauf seiner Amtszeit kehrte dieser nach Florenz zurück. Ursprünglich für das Gewerbe der Seidenweberei bestimmt, setzte Michelangelo seine Neigung durch und kam in die Werkstatt des Ghirlandajo. 1489 wurde er in Lorenzo des Prächtigen Bildhauerschule, 1490 in dessen Hausgemeinschaft aufgenommen und genoss den Verkehr mit dem um den Magnifico versammelten Gelehrten- und Künstlerkreis. (Madonna an der Treppe, Centaurenkampf.) 1492 starb Lorenzo, 1494 wurde sein Nachfolger Piero vertrieben. Michelangelo war schon vorher nach Venedig, darauf nach Bologna gegangen. Er blieb dort ein Jahr, und kehrte dann nach Florenz zurück, in dem Savonarola an der Spitze des Volkes stand. (Giovannino, schlafender Amor.) 1496 kam er nach Rom, wo er sich bis 1500 aufhielt. (Bacchus, Pietà.) 1501 war er wieder in Florenz. (1501–04 der David, 1504 der Karton zur Pisanerschlacht.) 1505 wurde er von Julius II. nach Rom berufen und mit der Errichtung von dessen Grabdenkmal beauftragt. Bis Ende 1505 war er in Carrara (Madonna von Brügge) mit der Zurichtung des Materials beschäftigt und ging dann nach Rom. 1506 entstand ein Konflikt mit dem Papst, und Michelangelo floh aus Rom auf Florentiner Gebiet. Lange Bemühungen Julius' vermochten ihn nicht zur Rückkehr zu bewegen. Erst als dieser 1506 Perugia und Bologna unterworfen hatte und sich in letzterer Stadt aufhielt, erreichte eine erneuerte Aufforderung an die Regierung von Florenz ihren Zweck. Michelangelo begab sich nach Bologna und söhnte sich mit dem Papste aus. 1507–08 schuf er dort die Erzstatue Julius' und ging dann nach einem kurzen Aufenthalt in Florenz nach Rom, in der Hoffnung, jetzt das Juliusgrab ausführen zu können. Der Papst nötigte ihn aber zur Ausmalung der Sixtinadecke. (1508–12). Nach deren Vollendung durfte er sich den Arbeiten am Grabmal wieder zuwenden, und Julius beauftragte seinen Notar und den Kardinal Grossi, für die Ausführung zu sorgen. 1513 wurde Giovanni de Medici als Leo X. Papst. Noch im gleichen Jahr wurde durch einen Vertrag das Grabmal sichergestellt. (Die zwei Gefangenen, der Moses.) 1516 musste Michelangelo sich eine Einschränkung des Planes gefallen lassen; ein neuer Vertrag bestimmte das Jahr 1525 als letzten Termin und gestattete ihm, auch in Florenz oder Carrara daran zu arbeiten. Aber schon 1516 sah sich der Meister trotz seines energischen Widerstands genötigt, für Leo X. den Bau der Lorenzofassade in Florenz zu übernehmen. Die Arbeit kostete ihn vier Jahre und verlief ohne jedes Ergebnis, da besonders endlose Verordnungen und Intriguen die Lieferung des Materials verhinderten. 1520 wurde er von dem Auftrag befreit und widmete sich wieder dem Grabmal, musste aber 1520/21 im Auftrag des Kardinals Giulio de Medici mit Vorarbeiten für die Mediceergräber beginnen. Das Schwanken des Kardinals und Geldschwierigkeiten zogen die Ausführungen hinaus. 1523 wurde Giulio Papst (Clemens VII.) und nun gingen die Arbeiten besser voran, obwohl Michelangelo sich fortwährend mit dem Gedanken an das unvollendete Juliusgrab quälte. Der Papst beruhigte ihn etwas, und die Erben Julius' II. wagten nicht mit Forderungen aufzutreten. 1525 machten sie ihre Ansprüche doch wieder geltend und die Verhandlungen zogen sich durch die nächsten zwei Jahre hin. 1527 wurde Rom geplündert; die Republikaner in Florenz standen auf und richteten ihre Regierungsform ein. 1529 musste die Stadt sich gegen Clemens und die Kaiserlichen rüsten, und Michelangelo wurde zum Leiter der Befestigungsarbeiten ernannt. 1530 ergab sich die Stadt, und Alexander de Medici wurde als Herzog eingesetzt. Michelangelo erhielt vom Papst für seine Sicherheit Gewähr und nahm die Arbeit an den Mediceergräbern wieder auf, aber stets verfolgt durch den Gedanken an das Juliusgrab. Endlich, 1532, ging er auf Anraten des Papstes nach Rom, um die Angelegenheit zu ordnen, und es kam ein Vertrag zustande, nach dem das Denkmal in S. Pietro in Vincoli in sehr bescheidenen Verhältnissen aufgestellt werden sollte. Michelangelo solle zugleich in Florenz arbeiten dürfen. Zur selben Zeit erhielt er den Auftrag zur Ausmalung der Sixtinawände und fertigte den Entwurf zum letzten Gericht. Als er 1534 Florenz verliess, geschah es für immer. Clemens starb; dadurch war ihm der mächtige Beschützer gegen Alessandro, der ihn hasste, genommen, und er fühlte sich in seiner Heimatstadt nicht mehr sicher. Die Mediceergräber blieben unvollendet; der ihm befreundete Vasari sorgte für die Anordnung der Teile, die fertig geworden waren. Auch jetzt sollte es noch nicht zur Vollendung des Juliusdenkmals kommen. Paul III. nötigte den Meister zur Ausführung des letzten Gerichts. 1535–41 arbeitete er daran. Erst 1545, nach einem letzten Vertrag mit dem Erben Julius' II., konnte Michelangelo das Werk zu Ende bringen. Unterdessen liefen von 1542–49 die Malereien in der Capella Paolina, im Auftrag vom Papst Paul. Seine letzte grosse Arbeit war die Leitung des Baues von St. Peter, die 17 Jahre, von 1547 bis zu seinem Tode am 15. Februar 1564 in seinen Händen lag.


Zu den Gedichten.

Die äusseren Ereignisse in Michelangelos Leben hatten für sein Dichten keine grosse Bedeutung. Gelegenheitsgedichte finden sich nur in sehr geringer Zahl in seinem Canzoniere. Einige an Rom und Florenz, an den Papst, einige an Freunde, Dank oder Entgegnungen — und selbst von diesen scheinen mehrere langgetragene Gedanken zu enthalten, die nur bei einem bestimmten Anlass ihre Form fanden.