Mich deucht, stets bild' ich mich,

Und meine doch ihr Antlitz zu gestalten,

hätte er auch von seinem Dichten — er mehr als irgend einer — sagen können. Mit wenig Ausnahmen erzählen seine Verse, auch wenn er von anderen spricht, nur von seinem Empfinden, seinem Kämpfen, von den Werten und Idealen, die er suchte und in den geliebten Menschen verkörpert sah. Er war, zumal in reiferem Alter, stets mit sich allein, stets ein Mensch, der einsam mit der eigenen Seele zu ringen, sein edleres Selbst gegen Leidenschaften zu behaupten hatte, deren Wucht seine Schöpfungen ahnen lassen; und so liessen ihn die Spannungen in seinem Innern nicht zur Ruhe dessen kommen, der ein Geschautes schildert.

Er wusste in seinen Dichtungen fast nur unmittelbar von sich zu sprechen oder sehnsüchtig die Menschen anzuschauen, anzurufen, in denen er den Frieden und die Schönheit zu sehen glaubte. Und es will scheinen, als sei es ihm auch in seiner Liebe nicht gelungen, sich wirklich an den Anderen zu verlieren, wirklich diesen, wie er war, zu sehen, als habe er auch in ihr den Genossen eigentlich nicht gefunden. Selbst in den Gedichten an Vittoria, von der er doch am ehesten hoffen durfte, sie gehe mit ihm den gleichen Weg, konnten Gedanken wie diese auftauchen:

Sage mir, Liebe, ob ich die heissersehnte

Schönheit wirklich hier sehe, oder ob drinnen

In meiner Seele sie lebt, und ich der Herrin

Antlitz anschauend verkläre?

Es ist wie eine Ahnung, dass er auch in den geliebten Menschen nur Schönheiten sehe, die er ihnen erst verliehen, dass er nur von den Bildern seiner eigenen Vollkommenheitssehnsucht spreche, wenn er ihre Hoheit verehre.

Michelangelos eigene ringende Seele, mehr enthalten seine Dichtungen nicht.