Während der Kavalier also sprach, betrachtete ihn Preziosa aufmerksam, und augenscheinlich hatten ihr seine Worte und seine Gestalt nicht mißfallen. Sie wandte sich an die Alte und sprach: „Erlaubt mir, Großmutter, diesem verliebten Herrn selbst zu antworten.“

„Antworte ihm, was du willst, Kind,“ erwiderte die Alte, „denn ich weiß, du bist zu allem verständig genug.“ Und Preziosa sprach:

„Herr Ritter, bin ich auch nur eine arme und niedrig geborene Zigeunerin, so habe ich doch ein etwas schwärmerisches Köpfchen, das mich zu großen Dingen hinzieht. Mich rühren weder Versprechungen, noch machen mich Geschenke wankend, noch erweicht mich Unterwürfigkeit, noch bringen mich Liebesworte außer Fassung, und wenn ich auch nach der Rechnung meiner Großmutter am kommenden Michaelistage erst mein fünfzehntes Jahr vollende, so bin ich dem Geist nach doch schon gereift und weiter, als mein Alter vermuten läßt, freilich eher durch Mutterwitz als durch Erfahrung. Aber beides sagt mir, daß die Regungen der Liebe in denen, die zum erstenmal verliebt sind, blind wütenden Stürmen gleichen, die den Willen aus seinen Angeln heben, so daß er alle Hindernisse niederwirft, töricht dem Ziel seiner Wünsche nachstürzt und, während er in den Himmel zu fliegen glaubt, den ihm seine Augen vorspiegeln, in die Hölle seines Unglücks fällt. Erreicht er das, was er wünscht, so schwindet der Wunsch mit dem Besitz des ersehnten Gegenstandes, und wohl ists möglich, daß sich dann die Augen des Verstandes öffnen und er nun verabscheut, was er früher angebetet hat. Diese Besorgnis macht mich so behutsam, daß ich keinen Worten glaube und bei gar vielen Taten mißtrauisch bin. Ich habe ein einziges Juwel, das ich höher schätze als das Leben selbst: das ist meine jungfräuliche Unschuld, und die mag ich weder um Versprechungen noch um Geschenke verkaufen, denn immer wäre sie schließlich verkauft; und wäre sie mir feil, so würde ich sie sehr gering anschlagen. Auch werden sie mir weder eine List noch Vorspiegelungen entreißen, und eher soll sie mit mir ins Grab oder vielleicht in den Himmel gehn, als daß ich sie der Gefahr aussetze, von Hirngespinsten und Träumereien verletzt zu sehn. Die Jungfräulichkeit ist eine Blume, die sich womöglich nicht einmal durch Gedanken berühren lassen sollte. Wie schnell und leicht verwelkt eine vom Strauch gebrochene Rose! Der eine betastet sie, der andre riecht daran, ein dritter zerblättert sie, und endlich verdirbt sie unter rohen Händen. Wenn Ihr, mein Herr, nur auf diese Beute ausgeht, so könnt Ihr sie nicht anders bekommen als gebunden mit den Schnüren und Banden der Ehe. Soll die Jungfräulichkeit sich beugen, so kann es nur unter diesem heiligen Joch geschehn, denn dann geht sie nicht verloren, sondern wird zu einem freien Geschenk, das seinerseits wiederum einen herrlichen Gewinn verspricht. Wollt Ihr mein Gatte sein, so werde ich Eure Gattin; dem müssen jedoch erst gar manche Bedingungen und Prüfungen vorangehn. Zunächst muß ich erforschen, ob Ihr das, was Ihr sagt, wirklich seid. Bestätigt es sich, so müßt Ihr das Haus Eurer Eltern verlassen und es mit unsern Hütten vertauschen; Ihr müßt Zigeunertracht anlegen und zwei Jahre lang in unsre Schule gehn. Inzwischen kann ich mich dann genügend über Eure Gemütsart unterrichten, sowie Ihr Euch über meine. Nach Ablauf dieser Frist will ich Euch, falls Ihr mit mir zufrieden seid, als Eure Gattin angehören; bis dahin aber werde ich im Umgang nur Eure Schwester und Eure gehorsame Dienerin sein. Auch müßt Ihr bedenken, daß Ihr in der Zeit dieses Noviziats vielleicht Eure Sehkraft wiedererlangt, die gegenwärtig geschwunden oder doch getrübt sein muß, und dann vielleicht gewahr werdet, wie sehr Ihr zu fliehen habt, was Ihr gegenwärtig mit so großem Eifer verfolgt. Erlangt Ihr aber die verlorene Freiheit wieder, so erhaltet Ihr durch aufrichtige Reue auch Verzeihung für jede Schuld. Wollt Ihr unter diesen Bedingungen als Schüler in unsre Schar eintreten, so steht es in Eurer Hand; aber keinen Finger der meinigen bekommt Ihr zu fassen, wenn Ihr gegen eine einzige Bedingung fehlt.“

Der Jüngling staunte über Preziosens Worte und sah ganz verstört auf den Boden, während er allem Anschein nach über eine Antwort nachsann. Als Preziosa dies bemerkte, hob sie von neuem an:

„Es ist dies nicht von so geringer Bedeutung, daß es sich in den wenigen Minuten, die wir jetzt zur Verfügung haben, entscheiden ließe oder entschieden werden müßte. Kehrt in die Stadt zurück, mein Herr, und überlegt des weitern, was Ihr tun wollt. An dieser Stelle hier könnt Ihr mich an jedem Festtage sprechen, wenn ich nach Madrid gehe oder von dort zurückkomme.“

„Als der Himmel mir die Liebe zu dir eingab, meine Preziosa,“ erwiderte der Edelmann, „beschloß ich, alles für dich zu tun, was du von mir fordern würdest, wobei mir freilich nicht in den Sinn kam, was du nun von mir verlangst. Da es jedoch dein Wille ist, daß ich mich dir füge und anschließe, so sieh mich von diesem Augenblick als einen Zigeuner an, denn du wirst in mir stets den gleichen finden, der sich dir jetzt zeigt. Sag mir nur, wann ich meine Kleidung vertauschen soll; ich wollte, es geschähe sogleich. Denn da ich eben Veranlassung hätte, nach Flandern zu gehn, so könnte ich meine Eltern jetzt am ehesten täuschen und mir auf einige Zeit Geld verschaffen; ich werde nur etwa acht Tage für die Vorbereitungen brauchen. Meine Reisegefährten will ich schon so hinters Licht führen, daß mir mein Vorhaben gelingt. Aber um eins bitte ich dich, wenn ich mich erkühnen darf, dich um etwas zu bitten und anzuflehen, daß du nämlich außer heute, da du über meinen und meiner Eltern Stand Erkundigungen einziehen wirst, nicht mehr nach Madrid gehst; denn ich möchte nicht, daß mich eine der unzähligen Gefahren, die dich dort umlauern, des teuer erkauften Glückes beraubte.“

„Daraus wird nichts, mein schöner Herr,“ entgegnete Preziosa; „wisset ein für allemal, daß ich mir meine Freiheit unverkümmert vorbehalte und sie mir von keiner lästigen Eifersucht beeinträchtigen oder stören lasse. Freilich werde ich keinen übermäßigen Gebrauch davon machen, und Ihr werdet sehn, wie eng ich meine Sittsamkeit mit meiner Ungebundenheit zu verbinden weiß. Die erste Pflicht jedoch, die ich Euch auferlege, besteht darin, daß Ihr Vertrauen in mich setzt; denn laßt Euch gesagt sein: Liebhaber, die der Eifersucht nachgeben, sind entweder töricht oder vermessen.“

„Du hast den Satan im Kopf, Mädchen!“ rief hier die alte Zigeunerin; „du redest von Dingen, die kein Professor von Salamanka im Munde führt; du weißt von Liebe, von Eifersucht, von Vertrauen: wie kommt das? Steh ich doch vor dir wie eine Gans und höre dir zu wie einer, die in der Verzückung Lateinisch redet, ohne es gelernt zu haben.“

„Schweigt, Großmutter,“ antwortete Preziosa, „und wisset, daß alles, was Ihr von mir hörtet, nur ein Kinderspiel ist im Vergleich zu den viel wichtigeren Dingen, von denen mir das Herz voll ist.“

Preziosens Worte und der Geist, den sie verriet, gossen Öl in die Flamme, die in der Brust des verliebten Kavaliers entbrannt war. Endlich kam man überein, daß man sich nach acht Tagen an diesem Ort wiedersehn wollte; da sollte er dann vom Stande seiner Angelegenheiten Nachricht geben, und sie hätte inzwischen Zeit gefunden, sich von der Wahrheit seiner Angaben zu überzeugen. Der Jüngling zog eine Börse aus Goldstoff hervor, die, wie er sagte, hundert Goldtaler enthielt, und überreichte sie der Alten. Als Preziosa durchaus nicht zugeben wollte, daß die Zigeunerin sie annahm, bemerkte diese: