Zu den beunruhigendsten Erfahrungen gehört vermutlich, in der
Konfrontation mit neuen Erfahrungen unser schriftkulturell geprägtes
Gedächtnis abschütteln und uns den in struktureller Hinsicht
amnesischen Zeichensystemen überlassen zu müssen, die auf unsere
Sinneserfahrung abzielen. Neuere Theorien der Welt, des Gehirns und
des Denkens sowie unsere biogenetischen Grundlagen haben uns zu neuen
Erfahrungen der Selbstkonstituierung verholfen, die sich von allem
unterscheiden, was vorausgegangen ist. Die Erkenntnis der
Relativität, der Lichtgeschwindigkeit, von Mikro- und Makrostrukturen,
von dynamischen Kräften und Nichtlinearität hat sich bereits in neue
Strukturen der Interaktion umgesetzt. Unsere heutigen
Verbindungssysteme—durch elektrische Energie, Telefon, Radio,
Fernsehen, Kommunikationstechnologien aller Art,
Computernetzwerke—arbeiten mit einer dem Licht vergleichbaren
Geschwindigkeit. Sie verknüpfen dynamische Mechanismen, die von
Genetik, Physik, Molekularbiologie und von unserer Kenntnis der
Mikro- und Makrostruktur angeregt werden.
Unser Lebenszyklus kann sich offenbar auf zwei unterschiedliche Synchronisationsmechanismen einstellen: Der eine entspricht unserer natürlichen Umwelt (Tage, Nächte, Jahreszeiten), der andere unseren Effizienzbestrebungen und den sich dafür öffnenden Möglichkeiten. Beide werden immer weniger voneinander abhängig, und es sieht so aus, als hätte die Effizienz Vorrang vor der Natur. Ehedem erforderte die Entdeckung immer weiterer geographischer Dimensionen der Erde Schiffe und Flugzeuge. Sie erforderte auch biologische Anstrengungen der Anpassung und intellektuelle Bemühungen, die auf diese Weise erfahrenen Unterschiede zu verstehen und zu verarbeiten. Im Weltraum erweist sich die nötige Anpassung als besonders schwierig. Daher haben in unserer Welt der permanenten Veränderung immer häufiger sich einstellende Differenzierungen die Menschen veranlaßt, an die Stelle der einen permanenten und allumfassenden Schriftlichkeit verschiedene Formen der Schriftlichkeit zu setzen, von denen keine den Status immerwährender Gültigkeit beanspruchen kann. Die Ausdifferenzierung und Vielfalt der menschlichen Erfahrung geht heute so weit, daß sie sich nicht mehr auf eine einzige Form der Schriftkultur reduzieren läßt.
In der Einrichtung eines gesicherten Wissenskanons, der überprüft und praktisch angewendet werden kann, und in der Entwicklung rationaler Interpretationsmethoden wurde oft verworfen, was nicht in die entwickelten Theorien passen wollte, was nicht den Gesetzen gehorchte, die diese Theorien formulierten. Dieses methodische Vorgehen war notwendig, es ermöglichte letztlich den Fortschritt, dessen Früchte wir heute genießen. Zugleich war es aber trügerisch, denn es mußte verwerfen, was nicht erklärt werden konnte. So wurden z. B. überall dort, wo sich die Schriftkultur durchsetzte, die nichtsprachlichen Aspekte—die auf nichts weiter zurückzuführende Welt der Magie, des Mysteriums, des Esoterischen (um nur einige zu nennen)—verworfen. Nun sind aber gerade in vielen Ländern die Folklore, wohl auch der Aberglaube und alle denkbaren Formen des Mysteriums, soweit sie zur Selbstkonstituierung des Menschen beitragen, wichtige Bereiche, aus denen wir Rückschlüsse über zurückliegende, gegenwärtige und zukünftige Lebensformen ziehen können. Sie sind Teil des gesamten Zusammenhangs und sollten nicht einfach abgetan werden, selbst wenn sie einer Entwicklungsphase zugehören, die der Schriftkultur vorausging. Gleichwohl war und ist die Sprache das umfassendste Zeugnis für unsere Erfahrungen als menschliche Wesen (und zugleich ein Teilhaber an dieser Erfahrung), so daß wir schon aus diesem Grunde untersuchen sollten, ob die Krise, in der sie sich befindet, etwas aussagt über unsere eigene Dauerhaftigkeit und über unsere Vorurteile, die wir über unsere eigene Spezies entwickelt haben. Und unabhängig davon stellt sich die Frage, warum und aufgrund welcher Argumente wir uns eigentlich als das einzige Phänomen von Dauerhaftigkeit im Universum und als das höchstmögliche Entwicklungsstadium der Evolution betrachten. Die Schriftkultur hat uns in mancherlei Hinsicht unsere Freiheit gegeben. Doch sie hielt uns gleichzeitig in einer ganzen Reihe von Vorurteilen gefangen, nicht zuletzt in einem Bewußtsein von uns selbst, das in direktem Widerspruch steht zu unserer Erfahrung der permanenten Veränderung in der Welt.
Kapitel 2:
Die USA—Sinnbild für die Kultur der Schriftlosigkeit
Amerika (unter diesem Namen schlägt man den Vereinigten Staaten gemeinhin den Rest der beiden Subkontinente zu) versinnbildlicht in den Augen von Freund und Feind vieles von dem, was die heutige Welt kennzeichnet: Marktorientierung, Technologiewahn, Leben auf Kredit (Kapital und natürliche Ressourcen), Konkurrenzkampf bis hin zur Propagierung offener Gegnerschaft und eine Einlassung auf Mittelmaß, Demagogie und Opportunismus im Namen von Demokratie und Toleranz. Vielen gelten die Amerikaner als prahlerisch, flegelhaft, unrealistisch, naiv, primitiv, heuchlerisch und geldbesessen. Und selbst in den Augen manch eines Patrioten gehören Opportunismus, Korruption und Bigotterie zu den Hauptantriebskräften dieses Landes. Anderen erscheint es anfällig für Militarismus und für das verführerische moralische Gift, das sich aus der selbsterklärten Vormachtstellung in der Welt ergibt. Und oft sieht es so aus, als erwarte es gerade dann Dankbarkeit und Lob, wenn seine Politik versagt hat.
Andererseits spricht man den Amerikanern außergewöhnliche Errungenschaften in Technologie, Wissenschaft, Medizin, in den Künsten, der Literatur, im Sport und in der Unterhaltung zu. Sie gelten auch als freundlich, offen und tolerant. Für andere Nationen geradezu beispielhaft ist ihre Bereitschaft, sich für altruistische Projekte zu engagieren (Programme gegen Armut und Unterstützung bedürftiger Kinder auf der ganzen Welt) und ihre Distanz zu jeglicher Form der Diskriminierung. Fast überall sieht man in Amerika das Modell einer funktionierenden liberalen Demokratie auf der Grundlage einer Staatenföderation, in dem sich lokale, staatliche und föderale Funktionen die Waage halten.
Und dennoch ist in vielen Teilen der Welt die Angst vor einer allgemeinen Amerikanisierung verbreitet. Disneyland vor den Toren von Paris, MacDonalds-Fast-food-Ketten, Coca Cola, Blue Jeans, Popmusik und Fernsehserien, Kaugummi und amerikanischer Sport symbolisieren allenthalben den Siegeszug der amerikanischen Popkultur und des amerikanischen Lebensstils. Doch dieser Eindruck könnte trügen.
Außerhalb ihres heimischen Kontextes sind diese Erscheinungen vielerorts noch exotische Phänomene, denen man leicht entgegenwirken kann und tatsächlich auch nationale Charakteristika entgegensetzt, ob in Italien, Rußland, Deutschland oder Japan. Auch mit Antworten ist man leicht zur Hand. Als es in Deutschland darum ging, Wirtschaftsprobleme unter Kürzung von Sozialleistungen für Arbeitnehmer zu lösen, drohte man umgehend, den sogenannten amerikanischen Lösungen mit einer französischen Antwort zu begegnen: Gemeint war ein Generalstreik, der das ganze Land lahmlegen sollte.
Bei näherer Betrachtung steht hinter der Amerikanisierung mehr als nur eine Übernahme von Gegenständen, Werten und Verhaltensweisen. Sie erfaßt in der globalen Gemeinschaft unserer heutigen Zeit alle Bereiche der Lebenspraxis. Es ist nachvollziehbar, warum Amerika jene Formen der Effizienz repräsentiert, die scheinbar auf Kosten vieler verlorener Werte gehen: der Achtung vor Autorität, vor der Umwelt, vor natürlichen oder sogar menschlichen Ressourcen, schließlich vor Menschenrechten. Amerikanische Identität ist genährt durch unbegrenzte Erwartungen bezüglich des gesellschaftlichen und materiellen Lebensstandards, des politischen und wirtschaftlichen Erfolges, auch der Religionsfreiheit. Freiheit, zumindest der Anschein von Freiheit, ist die allgemeine Richtschnur jeglichen Handelns. Was immer die Lebenspraxis als möglich und machbar erscheinen läßt, wird zu einer neuen Erwartung und alsbald zum allgemeinen Bedürfnis erhoben. Ein Recht auf Wohlstand und Überfluß, so relativ er in der amerikanischen Gesellschaft auch ausfällt, wird als selbstverständlich vorausgesetzt, nirgends wird dieser Anspruch überschattet von einer Ahnung davon, daß der eigene Reichtum auf Kosten der Lebenschancen eines anderen gehen könnte. Allenthalben dominiert ein Konkurrenzdenken. Und manch eine moralisch zweifelhafte Praxis des politischen und des Rechtssystems macht dieses Prinzip offenkundig. "To the victor go the spoils"—"Der Gewinner bekommt die Beute"—keine andere Formulierung könnte das amerikanische Lebensgefühl knapper und passender definieren.