Im Gegensatz zur gesprochenen Sprache ist die Schrift relativ jung. Einige Sprachhistoriker datieren die Anfänge der Schrift auf 4000 bis 3000 v.Chr.; andere gehen bis auf 6000 v. Ch. oder noch weiter zurück. Für eine Wiederbelebung derartiger Debatten gibt es jedoch weder neues Material noch neue überzeugende Interpretationen der vorhandenen Quellen. Insgesamt sind die Grenzen zwischen den einzelnen kulturellen Stadien der Menschheit schwer zu bestimmen. Wir werden vermutlich niemals genau wissen, ob die Bilder (Höhlenmalereien oder Petroglyphen) den Wörtern vorausgingen oder deren Folge waren. Möglicherweise entwickelten sich die Sprachen, die über eine Notation, über Zeichnungen, Gravierungen und Rituale—einschließlich des umfangreichen Repertoires an artikulierter Gestik—verfügten, relativ zeitgleich nebeneinander. Einige Schrifthistoriker vertreten die Meinung, daß es Bilder ohne Worte nicht hätte geben können. Andere lehnen das logokratische Modell ab und glauben, daß Bilder nicht nur dem geschriebenen, sondern vielleicht sogar dem gesprochenen Wort vorausgingen. Ähnlich widersprüchliche Theorien setzen die Herausbildung von Ritualen vor oder nach den Zeichnungen, vor oder nach der Entwicklung der Schrift an. Ich glaube, daß die frühen menschlichen Ausdrucksformen synkretistisch und polymorph waren und sich unmittelbar aus einem pragmatischen Rahmen der Selbstkonstituierung heraus entwickelten, der durch die Erfahrung der Vielfalt bestimmt war.
Individuelles und kollektives Gedächtnis
Anthropologen haben versucht, die überlieferte Erfahrung zu kategorisieren, um zu sehen, wie sich Mündlichkeit und später Schriftlichkeit (die einfachen Notationsformen) zu den einzelnen Kategorien verhalten. Man hat dabei auf die materielle Umwelt verwiesen—Ressourcen im weitesten Sinn—, auf erfolgreiches Handeln und auf Wörter in ihrem Bezug zum allgemeineren Rahmen (Zeit, Raum, Zielsetzungen usw.) Man vermutet, daß der Mensch zunehmend von künstlich erstellten Notationsmitteln abhängig wurde. In der Folge aktivierte er in geringerem Maß seine rechte Gehirnhälfte, was zu einer verminderten Schärfe der entsprechenden Gehirnfunktionen führte. Der durch den Überlebenstrieb der Spezies diktierte Drang nach Stabilität und Dauerhaftigkeit wurde in Zeichenfolgen hineinprojiziert, die zunächst noch nicht die sichere Einbindung in ein Sprachsystem aufweisen konnten. Dennoch verfestigte sich diese Erfahrung des Umgangs mit Zeichen und wurde durch die Möglichkeiten und Zwänge der Mündlichkeit vereinheitlicht.
Sprache ist gleichwohl nicht der unmittelbare Ausdruck von Erfahrung. Sie ist sogar weniger umfassend als die Zeichen, die zur Sprache hinführten. Jedem Gespräch geht etwas voraus—eine gemeinsame Erfahrung als Grundlage des Gesprächs und Hintergrund für weitere gemeinsame Erfahrungen. Alle frühen Formen menschlicher Tätigkeit und Interaktion wurden zu Zeichen, wenn sie über die Erfüllung des unmittelbaren Überlebenszwecks hinaus praktische Richtlinien des Handelns und damit Gemeinsamkeit und Übereinkunft implizierten. Diese Übereinkunft, die gemeinsame Teilhabe am Zeichen, ist dessen eigentliches Merkmal, besonders in der Sprache.
Werkzeuge, Höhlenbilder, primitive Notationsformen und Rituale richteten sich auf ein kollektives Gedächtnis, wie begrenzt auch immer das Kollektive gewesen sein mag. Wörter richteten sich an ein individuelles Gedächtnis und boten die Möglichkeit individueller Differenzierung. Individuelle Bedürfnisse und Antriebe müssen in Beziehung zu denen der sozialen Gruppe gesetzt werden. Zeichen und Werkzeuge sind Elemente, die in die Differenzierung mit einbezogen wurden. Ein Blick auf die gegenwärtige Erforschung kognitiver Prozesse und deren Kategorien der verteilten und zentralen Autorität kann das Zusammenspiel zwischen beiden erhellen. Werkzeuge weisen alle Merkmale der Verteilung auf. Sie werden durch individuelle und gemeinsame Verwendung immer wieder getestet und verbessert. Zeichen als Ergebnis menschlicher Interaktion sind alles andere als individueller Natur. Wir müssen sie daher mit den Anfängen einer zentralisierten Autorität in Verbindung bringen. Diese Überlegung ist natürlich eine konzeptuelle Hypothese über eine Wirklichkeit, zu der wir anders keinen Zugang finden. Doch ohne eine solche Hypothese wären weitere Schlußfolgerungen sinnlos.
Aus dem bisher Gesagten ergeben sich drei Stadien, die wir vor einer näheren Betrachtung der Sprache abhandeln müssen: 1. die Integration in der sozialen Gruppe durch unmittelbare Formen der Interaktion wie Berührung, Austausch von Gegenständen, Erkennen bzw. Wiedererkennen über Geräusche und Gesten sowie die Befriedigung von Instinkten; 2. die Bewußtmachung von Unterschieden und Ähnlichkeiten auf unmittelbarem Weg wie Vergleichen durch Gegenüberstellung, Gleichmachung durch physische Anpassung; 3. Stabilisierung der Ausdrucksformen für Gleichheit oder Unterschied durch Einbeziehung in das praktische Handeln. Von dem Augenblick an, in dem gleich und anders auf einer allgemeinen Ebene behandelt wurden, verloren sich die Empfindungen und Lebensformen der Direktheit und Unmittelbarkeit. Vielfältige Schichten des Verstehens und Regeln für die Formung kohärenter Ausdrucksmittel wurden angesammelt, an zahllosen konkreten Situationen überprüft, mit bereits verwendeten Zeichen (Gegenstände, Geräusche, Gesten, Farben usw.) verknüpft und von dem Bedürfnis eindeutiger Bedeutung losgelöst. Alle diese Ausdrucksmittel wurden im Prozeß der Produktion (dem Herstellen von Gegenständen und Kunstwerken, beim Jagen, Fischen, Pflügen usw.) und Selbstreproduktion sozialisiert, bis sie sich schließlich zu einer Sprache formten. Und nachdem sie einmal zur Sprache geworden waren—also zu Dingen und Handlungen, über die gesprochen wurde—löste sich diese Sprache von den Gegenständen und den Produktionsvorgängen. Durch diese Loslösung aber erschien sie zunehmend als etwas Gegebenes, als eine Einheit per se, eine Wirklichkeit, die man fürchten oder genießen, die man verwenden konnte, etwa zum Vergleich seiner eigenen Handlungen mit denen anderer. Dieser Entfaltungsprozeß beanspruchte eine sehr lange Zeit—einige hunderttausend Jahre. Er verlief vermutlich simultan mit der Herausbildung eines größeren Gehirns und des aufrechten Gangs.
Doch zurück zur Rolle des Gesprochenen (vor der Entstehung von Notationssystemen und der Schrift) und seiner kulturellen Funktion im Leben menschlicher Gemeinschaften. Die vor der Entwicklung des Wortes liegende Form des Gedächtnisses beinhaltete Handlungsmuster, Gesten, Geräusche, Gerüche und geschaffene Gegenstände. Die Strukturierung des Lebens war von außen vorgegeben—natürliche Rhythmen (der Tages- und Jahreszeiten und des Alterns) und die natürliche Umwelt (Flußlandschaft, Gebirgslandschaft, Täler, Waldgbiete, Grasebenen). Die Außenwelt lieferte gewissermaßen das Stichwort, auf das hin die Teilnehmer reagierten und ihre Rolle spielten. Oder sie reagierten auf Stichwörter, die ihnen die vorausgegangene Erfahrung vorgab, welche durch direkte Überlieferung von einem zum anderen tradiert wurde. Lange vor der Astrologie bestimmte die Geomantik die Art und Weise, wie die Menschen ihre Umwelt lasen und daraufhin verschiedene Glyphen (Petroglyphen, Geoglyphen) ausbildeten. Anfänglich bezog sich die Erinnerung auf einen Ort, später auf Handlungsabfolgen. Erst mit der Sprache entwickelte sich die Zeitvorstellung. Das Erinnern war nur minimal durch den Instinkt veranlaßt und seiner Natur nach kaum genetisch bedingt. Mit der Herausbildung des Wortes, welches zugleich auch die Mittel für das Erkennen und schließlich das Aufzeichnen von Wörtern beinhaltete, trat eine fundamentale Änderung ein. Das Wort bot der menschlichen Erfahrungswelt ein Zeichen für Beziehungen an, war ein relationales Zeichen. Es brachte Objekt und Handlung zusammen. Gemeinsam mit den Werkzeugen schuf es Kultur, verstanden als Einheit von dem, was wir sind (Identität), was unsere Welt ist (Gegenstand der Arbeit, der Betrachtung und des Nachdenkens) und was wir tun (um zu überleben, uns fortzupflanzen und zu verändern). Dieser Entwicklungsschritt zu einer menschlichen Kultur und dem Bewußtsein von ihr wirkte sich entscheidend auf die praktischen Erfahrungen der Selbstkonstituierung des Menschen aus. Gleichzeitig vollzog sich eine wichtige Spaltung: das genetische Gedächtnis blieb für die biologische Realität des Menschen verantwortlich, das soziale Gedächtnis übernahm diese Aufgabe für die menschliche Kultur. Gleichwohl existiert keines der beiden unabhängig vom anderen.
Die jeweilige Natur dieser gegenseitigen Abhängigkeit ist dabei charakteristisch für die jeweiligen Veränderungen in der Skala des Menschen, die uns hier interessiert. Selbst wenn wir beschreiben könnten, welche Voraussetzungen nötig sind, damit die Menschen sich zu Gemeinschaften zusammenschließen können, was sie wissen und verstehen müssen, um jagen, sammeln, Viehzucht und Landwirtschaft betreiben zu können, dann wüßten wir noch lange nicht, wie gut sie all dies ausführen müßten. Rückblickend sieht es so aus, als habe es für die Entwicklung aus den primitiven Stadien der Menschheit zu dem, was wir sind, einen vorbestimmten Weg gegeben. Auch wenn wir von einem solchen Weg ausgehen, wissen wir noch immer nicht, zu welchem Zeitpunkt ein bestimmter Handlungstypus den Überlebenserwartungen nicht mehr genügte und daher andere Wege erprobt werden mußten. Wenn wir indes das Konzept der Skala in unser Erklärungsmodell einbauen, können wir nicht nur die Phänomene der Mündlichkeit und Schriftlichkeit besser verstehen, sondern auch den Prozeß, der zur Schriftkultur und schließlich zu einem Stadium jenseits der Schriftkultur führte.
Kulturelles Gedächtnis
Das Gedächtnis verdient unsere nähere Aufmerksamkeit, und zwar in seinen frühen Ausformungen (vergleichbar mit dem Gedächtnis der Kindheit, am Anfang der menschlichen Kultur) wie auch mit seinen neuen Funktionen in unserer Zeit. Wir dürfen mit einiger Sicherheit annehmen, daß vor dem Wirken des kulturellen Gedächtnisses das genetische Gedächtnis (in Form des genetischen Kodes, der inneren Uhr und homöostatischer Mechanismen) die Vererbungsmechanismen beherrscht hat, die das Überleben, die Fortpflanzung und die soziale Interaktion regeln. Mit dem Aufkommen des Wortes verlagerte sich das Gewicht von der Vererbung auf die Vermittlung. Es veränderten sich die Rituale; sie integrierten die Sprache und gewannen einen neuen Status als synkretistische Projektion der Lebensgemeinschaft. Mithilfe der Sprache konnten effiziente Handlungswege beschrieben werden. Auch ließen sich allgemeine Programme für die verschiedensten Aktivitäten formulieren, für Schiffahrt, Jagd, die Unterhaltung von Feuerstellen und die Herstellung von Werkzeugen. Sprache vollzog sich in einem Allgemeinheitsgrad, der weder der direkten Handlung noch dem Ritual möglich war.