Eine ausführliche Geschichte der Schrift beansprucht viele Kapitel in einer Geschichte der Sprache. Sie ist zugleich eine hilfreiche Einführung in die Wissensgeschichte, in die Ästhetik und vermutlich die Kognitionswissenschaft. In der Geschichte der Schrift erkennen wir ferner die Prozesse, die zu den Anfängen von Schriftkultur und darauf basierender Bildung führten.Vermutlich liegen zwischen den Höhlenmalereien und Steingravierungen und den ersten bekundeten Schriftversuchen mehr als 30000 Jahre. Aus der Perspektive der Schriftkultur beinhaltet dieser Zeitraum die Loslösung des Menschen vom Bildlich-Konkreten und die Einrichtung einer Welt aus Konventionen und gezielter Verschriftlichung. Abstraktes Denken ist ohne die kognitive Unterstützung durch abstrakte Darstellungen und die darin (teils implizit) enthaltenen Übereinkünfte und Konventionen nicht möglich. Die keilförmigen Zeichen der Sumerer, die Zeremonialschrift der ägyptischen Hieroglyphen, die chinesischen Ideogramme, das hebräische, griechische und römische Alphabet—ihnen allen ist die Tendenz gemeinsam, die Konkretheit von Erfahrung und Mitteilung zu überwinden. Sie bieten ein abstraktes Zeichensystem, aus dem sich immer komplexere Sprachen entwickeln konnten.

Bis zur Entwicklung der Schrift blieb die Sprache eng an ihre Benutzer gebunden—an Stimme, Blick, Gehör und Berührung. Die Schrift objektivierte die Sprache und löste sie vom Subjekt und von der Sinneswahrnehmung. Die Entwicklung zur geschriebenen Sprache und von dort zu einer zunächst begrenzten, schließlich allgemein verbreiteten Schriftkultur begleitet die Evolution des Menschen von einem Stadium unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung (Kreisrelation) zu einem Stadium, in dem sich Ansprüche mittelbarer Art vermehrt einstellten (Linearfunktion). Der Unterschied zwischen Grundbedürfnissen des Überlebens und den darüber hinausgehenden Bedürfnissen des Sozialstatus (Macht, Ego, Furcht, Freude, frühe Stadien des Bewußtseins und der Sinngebung ) ist in der Sprache ausgedrückt, die wir ihrerseits wiederum als Teil der fortschreitenden Selbstkonstituierung des Menschen in einem bestimmten pragmatischen Zusammenhang begreifen müssen.

Entfremdung von der Unmittelbarkeit

Unter Entfremdung verstehen wir ganz allgemein jenen Prozeß, der uns einen Teil unserer selbst (unseres Körpers, unserer Gedanken, Arbeit, Gefühle, Überzeugungen) als fremd erscheinen läßt. Wenn wir die Erklärung dieses bedeutsamen Prozesses (und des Begriffes, der ihn sprachlich darstellt) in die Entstehungs- und Verwendungsgeschichte von Zeichen einbinden, können wir seine pragmatischen Implikationen besser verstehen.

Zeichen wahrzunehmen heißt den Unterschied wahrnehmen zwischen dem, was wir sind, und der Art, wie wir unsere Identität ausdrücken. Wenn Zeichen irgendeinen Gegenstand darstellen (die Zeichnung eines Gegenstandes oder einer Person, Name, Versicherungsnummer, Personalausweis usw.), dann ist der Unterschied zwischen dem, was dargestellt ist, und seiner Darstellungsform eine Frage der Angemessenheit (warum nennen wir einen Tisch Tisch oder eine bestimmte Frau Maria) und der Entfremdung. Der bewußte Gebrauch von Zeichen ergibt sich vermutlich aus der Erkenntnis, daß Gedanken, Gefühle oder Fragen fast immer ungenügend ausgedrückt werden. Zwei Dinge geschehen, und zwar vermutlich gleichzeitig: 1. Wenn nicht mehr der direkte Umgang mit einem Gegenstand oder einer geplanten Handlung, sondern mit dessen Darstellung gegeben ist, wird es schwieriger, die mit dem Gegenstand verbundenen Erfahrungen mit anderen zu teilen. 2. Da sich auch die vorzunehmende Interpretation vom Objekt auf dessen Darstellung verlagert, stellen sich neuartige Erfahrungen und Assoziationen ein, die teils verwirrend, teils anregend sein können. Das Bild war noch nahe am Gegenstand; Verwirrung stellte sich hinsichtlich der Handlungsanweisung ein. Die Schrift ist vom Gegenstand weit entfernt, wohingegen Handlungen wegen der zeitlichen Differenzierungsmöglichkeiten besser beschrieben werden können. Mittlerweile wissen wir, daß sich laufende Bilder oder Photoserien der darzustellenden Handlung zu diesem Zweck noch besser eignen.

Mit dem geschriebenen Wort können Ereignisse berichtet werden. Ferner können Beziehungen und gegenseitge Verpflichtungen unter den Mitgliedern einer Lebensgemeinschaft dargestellt werden. Normen können errichtet und auferlegt werden. Insgesamt schlägt sich in der Schrift eine fundamentale Veränderung nieder, die sich aus der erhöhten Produktivität der gerade erst seßhaft gewordenen Gemeinschaften ergab. Es geht nicht mehr vornehmlich um Arbeit, um leben (d. h. überleben) zu können, sondern um das Leben, welches der Arbeit gewidmet ist. Die Schrift entfremdet mehr als alle vorher gebräuchlichen Zeichen die Menschen von ihrer Umwelt und von sich selbst. Einige Gefühle (Freude, Trauer) und Haltungen (Ärger, Mißtrauen) werden selbst zu Zeichen und können, einmal ausgedrückt, niedergeschrieben werden (in Briefen, Testamenten). Auch die Gedanken durchlaufen, um von anderen geteilt werden zu können, diesen Prozeß, wie überhaupt alles, was auf Leben, Tun, Veränderung, Krankheit, Liebe und Tod bezogen ist.

Daß Schrift und Seßhaftigkeit des Menschen zusammenzusehen sind, haben wir schon festgestellt. Dasselbe gilt für das Verhältnis der Schrift zum Warentausch und zu dem, was später Arbeitsteilung heißt. Während nämlich der mündliche Gebrauch von Sprache die Differenzierung der Lebenspraxis ermöglicht, bringt die Verwendung der Schrift die Teilung zwischen körperlicher und nichtkörperlicher Arbeit mit sich. Das Schreiben erfordert bestimmte Fertigkeiten, zum Beispiel für die Bedienung von Schneidnadel oder Griffel, später für die Kunst der Kalligraphie. Zwischen der Fähigkeit zu schreiben und der Fähigkeit, Felle zu gerben, Fleisch, landwirtschaftliche Produkte und Rohstoffe zu verarbeiten, besteht ein großer Unterschied. Der gesellschaftliche Status von Schreibern belegt, daß dieser Unterschied genügend anerkannt wurde. Und wir sollten nicht vergessen, daß die wenigen, die das Schreiben beherrschten, zugleich diejenigen waren, die lesen konnten. Dennoch belegen einige historische Quellen eher das Gegenteil: im 13. Jahrhundert wurden Schreiber bevorzugt, die des Lesens unkundig waren, weil das ungestörte Abschreiben genauer war. Ganz ähnliches finden wir heute bei den des Englischen unkundigen Operatoren, die angesammelte Datenkorpora auf digitale Datenträger übertragen müssen. Während die Zahl der Lesekundigen ständig anstieg, blieb die Zahl der Schreibenden, die sich den wirklichen Schriftstellern als Schreiber zur Verfügung stellten, jahrhundertelang begrenzt.

Schriftlichkeit begann in primitiven Volkswirtschaften als overhead-Aufwand einer Elite, entwickelte sich zu einer elitären Beschäftigung, die von Vorurteilen und Aberglauben umrankt war, weitete sich aus, nachdem (rudimentärer) technologischer Fortschritt ihre Verbreitung ermöglicht hatte, und erwies sich schließlich im Industriezeitalter als Voraussetzung für gesteigerte Effizienz. Primitiver Tauschhandel kam ohne das geschriebene Wort aus, obgleich er fortbestand, auch nachdem sich geschriebene Sprache ihren festen Platz gesichert hatte.

Die vom Tauschhandel bedingte Form der Entfremdung unterscheidet sich wesentlich von jener, die von einem auf der Vermittlung des geschriebenen Wortes basierenden Markt ausgeht. Mit anderen Worten: Tausch ist etwas grundsätzlich anderes als Kauf und Verkauf. Die an den Tauschhandel gebundenen Produkte tragen den persönlichen Stempel derer, die sie im Schweiße ihres Angesichts produziert haben. Zum Verkauf stehende Produkte werden unpersönlich; ihre Identität ist einzig das Bedürfnis, das sie stillen oder bisweilen hervorrufen. Der Mythos als ein Satz von praktischen Programmen für eine kleinere Zahl räumlich begrenzter Erfahrungen wurde den Erfordernissen einer Gemeinschaft, die ihre Erfahrungen ausweitete und mit fremden Gemeinschaften interagierte, nicht mehr gerecht. Dem Unterschied zwischen den Marktformen, für die entweder Mündlichkeit oder eine frühe Form von Schriftlichkeit charakteristisch ist, entspricht der Unterschied zwischen einem mündlich überlieferten Mythos und einer ausgearbeiteten Mythologie, die an die Schrifterfahrung gebunden ist. Sprache in schriftlicher Form erwies sich als soziales Gedächtnis sui generis, als potentielle Geschichte.

Das starke Interesse an genealogischen Abfolgen (in China, Indien, Ägypten, bei den Hebräern und in nahezu allen mündlichen Kulturen) verrät ein Interesse am Zusammenhang und Ablauf menschlicher Entwicklungen, die in einem Gedächtnis mit sozialen Dimensionen zu bewahren sind. Auch drückt sich darin ein Interesse an der Dimension der Zeit aus, denn jede genealogische Abfolge ist ein historisches Dokument über Menschen, Handlungen, Folgen und Veränderungen. In mündlichen Kulturen dienten Genealogien auch als Erinnerungstechniken, konnten neuen Lebensbedingungen angepaßt und so neben einem Dokument der Vergangenheit auch zu einer Anweisung für die Zukunft werden. Anfänglich griffen die genealogischen Aufzeichnungen noch stark auf Bildmaterial (Stammbaum) und auf das gesprochene Wort zurück und hielten sich damit die Variabilität des Mündlichen offen. Gleichwohl boten die Strukturen der Schriftsprache neue Möglichkeiten des gesicherten Ausdrucks, der Aufbewahrung, Uniformität und des logischen Zusammenhangs. Sie entwickelten sich aus den ersten Versuchen, Gedanken und Begriffe zu formulieren, was schließlich zu dem führte, was wir unter theoria verstehen—die reflektierende Betrachtung von Dingen und ihre Umsetzung in Sprache. Diese wiederum schufen die Grundlage für die Natur- und Geisteswissenschaften von gestern, zum Teil auch noch von heute. In gewisser Hinsicht sind auch Theorien Genealogien, mit einer Wurzel und mit Zweigen, die die Hypothesen und verschiedenen Schlußfolgerungen darstellen. Die geschriebene Sprache sicherte die Dauerhaftigkeit der historischen Dokumente (Genealogien, Besitzverhältnisse, Theorien) und erleichterte zugleich über relativ uniforme Kodes den Zugang dazu.