Wenn wir indes diesen Weg einschlagen, verlassen wir den einheitlichen Rahmen der Schriftkultur, innerhalb dessen die Erfahrungsvielfalt auf Schreiben, Lesen und Sprechen beschränkt ist. Wenn diese Beschränkung nicht mehr leistungsfähig ist—was wir unter den derzeitigen Existenzbedingungen zunehmend erfahren—, wird auch das Verstehen von Sprache immer schwieriger. Andererseits hängt unsere Selbstkonstituierung von dem Ergebnis unseres Sprachverstehens ab. Als einfaches Beispiel können uns hier die zahlreichen Handbücher zur Computer-Software dienen. Sie sind in einfacher Sprache abgefaßt, aber dennoch schwer zu verstehen. Und sind sie einmal verstanden, ist der Ertrag mager. Daher ist man auch dazu übergegangen, anstelle der schriftlichen Anleitung die nötigen Anweisungen online zu geben, und zwar durch graphische Darstellung oder durch einfache bewegte Bilder. Der vorliegende Rahmen der Spezialisierung beschränkt dabei die Anweisung auf das für die Aufgabe notwendige Ausmaß. Im Rahmen einer derartigen fortschreitenden Spezialisierung werden dann auch Lesen und Schreiben zu einem Bereich der Spezialisierung unter anderen. Schriftkultur und darauf beruhende Bildung ist damit eine bestimmte, spezifische Form menschlicher Praxis, und nicht mehr ihr gemeinsamer Nenner.
Das Schreiben als eine eigene spezifische Form der Praxis trägt in diesem Zusammenhang zur Aufsplitterung der Gesellschaft, statt zu ihrer Vereinigung bei. Spezialisierte Formen des Schreibens fördern die allgemeine Tendenz zur Spezialisierung und rufen spezialisierte Formen des Lesens hervor. Das sei etwas näher erläutert.
Selbst wenn Autoren versuchen, ihre Sprache auf ein bestimmtes Lesepublikum auszurichten, sind sie nur teilweise erfolgreich, weil die involvierten Erfahrungsbereiche nicht deckungsgleich sind. Entweder wird der Autor zum Opfer der Sprache (jenem hochspezialisierten Sprachregister, das auf einen spezifischen Wissensbereich zugeschnitten ist) und ahmt in Grammatik und Rhetorik das normale Gesprächsverhalten nach. Oder aber er übersetzt oder erläutert, wie in populärwissenschaftlichen Publikationen zu Physik, Genetik, den Künsten oder der Psychologie. In diesem interpretierenden Diskurs werden Einzelheiten ausgelassen oder ergänzt, um die Wissensgrundlage zu erweitern. Bestimmte Ausdrucksmittel wie Vergleiche und Metaphern sollen unterschiedliche Hintergründe überbrücken und die Leser zu neuen Erfahrungsebenen führen. Und selbst wenn sich die Leser dieser Mittel bewußt sind, kann das nicht den Mangel an Erfahrung ausgleichen, wodurch allein ein Text Sinn ergibt. Ein juristischer Schriftsatz, ein militärischer Text, eine Investmentanalyse, die Evaluierung eines Computerprogramms sind Beispiele hierfür. Sie sind auf Englisch oder Deutsch geschrieben, aber sie beziehen sich auf Erfahrungsbereiche, die nur Juristen, Offizieren, Maklern oder Programmierern zugänglich sind.
Autoren, Redner, Leser und Zuhörer sind sich der Anpassungen bewußt, die zum Verständnis dieser und ähnlicher Texttypen nötig sind. Ein direktes Gespräch, für das man allerdings gemeinsame Zeit aufbringen muß, kann einen solchen Anpassungsrahmen bieten, eine gedruckte Textseite sehr viel weniger. Bestenfalls kann ein Leser seine Reaktion wiederum zu Papier bringen oder schriftlich um ergänzende Erläuterungen bitten, um auf diese Weise den Geist des Gesprächs zu treffen. Die Erfahrung des Schreibens und Lesens hat immer weniger den Charakter einer allgemeinen Erfahrung und immer mehr den einer hochspezialisierten Tätigkeit. Schrift kann von Maschinen gelesen werden. Als Hilfsmittel für Blinde lesen solche Maschinen Anleitungen, Zeitungsartikel und Untertitel von Videofilmen. Synthetische Stimme, Auge und Nase, Berührungssensor oder Geschmacksübersetzer operieren in einem Bereich, der völlig losgelöst ist von dem Leben, das in den entsprechenden Text (Bild, Geruch, Textur, Geschmack) eingegangen ist und das der Leser (Zuschauer, Riechende, Fühlende, Schmeckende) von sich aus hinzuzufügen hätte.
Schriftkultur, verstanden als ein universelles und immerwährendes Medium für Ausdruck, Kommunikation und Bezeichnung hat eine romantische oder auch demokratische Haltung gegenüber Kunst, Politik und Wissenschaft gepflegt. Sie ging von folgenden Voraussetzungen aus: da jeder reden, schreiben und lesen sollte, kann und soll ein jeder reden, schreiben und lesen; kann und soll ein jeder Literatur mögen, am politischen Leben teilhaben und die Wissenschaften verstehen. Das traf in gewissem Maße auch zu, solange Dichtung, Politik und Wissenschaft mehr oder weniger unmittelbare Bestandteile der Lebenspraxis waren und der Skala der menschlichen Tätigkeit entsprachen, die sich in linearen, homogenen Erfahrungen herausbildete. Nun, da sich die Skala verändert, die Dynamik beschleunigt, die Vermittlung vermehrt und Nicht-Linearität etabliert hat, stehen wir vor einer neuen Situation. Dichter, Redenschreiber und Wissenschaftsautor wenden sich längst nicht mehr an die gesamte Bevölkerung; mehr noch, da sie selbst den Prozessen der Arbeitsteilung unterworfen sind, tragen sie auf ihre Weise zur Förderung von Teilbildung und Aufsplitterung der Gesellschaft bei, obwohl sie eigentlich das Gegenteil bewirken wollen. Als Reaktion auf die traditionellen Ansprüche der Schriftkultur stellt eine allgemeine dekonstruktivistische Haltung gegenüber Texten die Dauerhaftigkeit der philosophischen Abhandlung, wissenschaftlicher Systeme, der Mathematik, des politischen Diskurses und vor allem der Literatur in Frage. Die Methode ist überall die gleiche: die Mechanismen aufzuzeigen, die die Illusion von Dauerhaftigkeit und Wahrheit schaffen. Texte sind plötzlich nur noch Mittel zu einem Zweck, der nicht mehr unmittelbar zählt. Daraus ergibt sich eine Beschreibung der Ausdruckstechnologie, die von all jenen begrüßt wird, die gegenüber der Universalität von Wissenschaft, Politik und Literatur skeptisch geworden sind. Wenn jedes Zeichen (unabhängig vom Thema) nur sich selbst bezeichnet und die in ihm verkörperte Erfahrung diejenige seiner Hervorbringung ist, dann hätte das Projekt des Dekonstruktivismus seinen Höhepunkt erreicht.
Worte über Bilder
Das geschriebene Wort trat fast immer, wie wir wissen, zusammen mit anderen Bezeichnungssystemen auf, besonders mit Bildern. Insofern ist unsere Frage, was wir beim Verstehen von Sprache verstehen, auch geknüpft an die Frage, ob Bilder beim Verstehen von Texten hilfreich sein können. Zweifellos tragen Bilder (zumindest manche) aufgrund ihrer kognitiven Merkmale bessere Interpretationshinweise als Wörter oder Schriftmittel. Bilder können besser als Texte den abwesenden Autor ersetzen. Sofern sie den Konventionen der Realität folgen, kann ein Individuum mit ihrer Hilfe den Raum- und Zeitrahmen oder eines von beiden wachrufen. Andererseits sind Bilder nicht unbedingt die besseren Informationsvermittler, ihre Vorzüge gehen auf Kosten des Verstehens, der Klarheit oder der Kontextabhängigkeit.
Vor allem kann die Konkretheit des Bildes die Vorteile der Abstraktion nicht ersetzen. Das dichte Medium der Schrift steht in deutlichem Kontrast zum diffusen Medium des Bildes. Auch ist die jeweilige Komplexität nicht vergleichbar. Im Internet einen Text herunterzuladen ist etwas ganz anderes, als Bilder darzubieten. Wenn allerdings die Komplexität eines Bildes hoch ist, wird seine Dekodierung genauso kompliziert wie die eines Textes und das Ergebnis entsprechend weniger genau. Daher versucht man es am liebsten mit einer Kombination aus Bild und Wort. Wir können daraus auch etwas über die Strategien für die Verknüpfung von Text und Bild lernen: Redundanz richtet die Interpretation auf das Wesentliche; Komplementarität erweitert den interpretatorischen Blickwinkel; andere Strategien wie Kontrastierung von Text und Bild, Paraphrasierung des Textes durch Bilder oder das Ersetzen des einen durch das andere beeinflussen je auf ihre Weise durch die Bereitstellung von Erklärungszusammenhängen die Interpretation. Weite Bereiche unserer heutigen Kultur—von Comics und Bildromanen über Werbung und Soap Operas im Internet—greifen auf solche und ähnliche Strategien zurück.
Im vorliegenden Zusammenhang stellt sich die Frage, ob die Erfahrung, die wir für das Verständnis eines Textes benötigen, durch Bilder ersetzt werden kann. Sollten wir sie bejahen können, würden Bilder fast die Rolle eines Gesprächspartners übernehmen. Als Produkte der menschlichen Erfahrung verkörpern Bilder genauso wie die Sprache eben diese Erfahrung. Das Verstehen von Bildern ist also nicht gleichzusetzen mit der bloßen Anschauung von ihnen. Das hat sich bereits bei geschriebener Sprache gezeigt. Wörter oder Sätze auf dem Papier zu sehen geht deren Verstehen voraus. Die Natürlichkeit der Bilder (jedenfalls solcher, die dem äußerlichen Erscheinungsbild unserer Welt entsprechen) macht den Zugang zu ihnen bisweilen leichter als den zur geschriebenen Sprache. Aber dieser Zugang ergibt sich niemals automatisch und sollte nicht als selbstverständlich angesehen werden. Und während das geschriebene Wort nicht unmittelbar zur Nachahmung einlädt, spielen Bilder hier eine aktivere Rolle und lösen andere Reaktionen als Wörter aus. Sprachkodes und visuelle Kodes sind nicht aufeinander reduzierbar; sie besitzen unterschiedliche pragmatische Funktionen.
Vorliegende Forschungsergebnisse erweisen ziemlich eindeutig, daß ein mithilfe von Bildern verbessertes Textverständnis nicht einfach auf die Präsenz von Bildern zurückzuführen ist, sondern auf bestimmte Lesermerkmale. Das zeigt erneut, wie wichtig ein Hintergrundwissen für das Verständnis von Texten, Bildern und anderen zur Sprache verfestigten Ausdrucksformen ist. Die Forschungsverfahren beruhten dabei auf empirischen Messungen von sogenannten Textverarbeitungsprozessen bei Lesern. Bei den Untersuchungen wurden die Augenbewegungen aufgezeichnet und mit dem Textverständnis korreliert, was Aufschluß über die Interaktion von Text und Bild gab. So sind Bilder für sogenannte schlechte Leser eindeutig hilfreich. Für erfahrene Leser waren Bilder irrelevant, wenn die Information im Mittelpunkt stand. War die Information weniger wichtig, beeinträchtigten Bilder die Lektüre. Auch zeigte sich, daß der Texttyp—expositorisch, erzählend—kein besonderer Faktor ist und daß Bilder dabei helfen, Texteinzelheiten zu erinnern. Das ist allerdings schon seit mindestens 300 Jahren bekannt. Im elisabethanischen Theater lernten die Schauspieler ihre Texte auswendig, indem sie bestimmte Passagen mit bestimmten architektonischen Details des Theatergebäudes verknüpften. Letztendlich ergaben all diese Untersuchungen, daß die Auswirkung von Bildern auf das Verständnis geschriebener Texte nicht leicht zu erklären ist. Das kann kaum überraschen, wenn man auf Schriftlichkeit basierende Meßverfahren verwendet, um die Grenzen der Schriftlichkeit zu bestimmen. Ob zufällig auftretende oder dem Leser aufgenötigte Bilder, ob quasi-lineare oder komplizierte Texte (d. h. solche, die auf komplexe praktische Erfahrungen zurückgehen)—die Beziehung zwischen Bild und Text scheint keinem klaren Muster zu folgen. Wenn wir die Ursachen und Eigenarten von Leseschwierigkeiten ergründen wollen, erweisen sich solche Experimente wie alle anderen, die auf der Prämisse der Schriftlichkeit beruhen, als untauglich.