Im geschriebenen Satz wird ein Schreib- oder Druckfehler fast automatisch korrigiert. Die Schriftlichkeit gibt uns ein Modell für die Unterscheidung zwischen richtig und falsch in die Hand. In der digitalen Welt sind die Sprache des Programms und die Daten, die es bearbeitet, schwer, wenn überhaupt, zu unterscheiden. Diese Maschinen können Symbole in einer viel größeren Menge und Vielfalt verarbeiten als der menschliche Verstand. Da sie auch nicht die Last vorangegangener praktischer Erfahrungen zu tragen haben, können solche Maschinen auf potentielle Erfahrungen in einem Bezugsrahmen hinarbeiten, zu dem Schriftkultur und Schriftlichkeit keinen Zugang besitzen. Das Verhalten eines Gegenstandes in einem multidimensionalen Raum (vier, fünf, sechs oder noch mehr Dimensionen), Handlungen in einem regressiven Zeitverlauf oder in verschiedenen unterschiedlichen und bezugslosen Zeitrahmen oder Modellierungen, die über die Fähigkeit des menschlichen Verstandes weit hinausgehen—diesen und vielen anderen Phänomenen, die für das Überleben und die Weiterentwicklung der Menschheit von unmittelbarer Bedeutung sind, widmet sich der digitale Computer. Allerdings, so könnte man einwenden, formuliert der Computer nicht die Probleme, die er löst. Darum geht es aber nicht. Auch die Schriftkultur hat nicht die Probleme formuliert, für die sie die Antworten lieferte. Beide verkörpern auf ihre Weise Formulierungen und Antworten, die der Skala entsprechen, der sie zuzuordnen sind. Die weniger expressive Sprache aus Nullen und Einsen (ja/nein, offen/geschlossen, weiß/schwarz) ist dafür präziser und für die Komplexitätsebenen unseres neuen Evolutionsstadiums angemessener. Die allgemeine Verwendbarkeit des Computers, die Abstraktionsfähigkeit des Programms für die Symbolmanipulation und die sehr konkreten Daten, auf die die Arbeit des Programms bezogen ist, stellen eine leistungsfähige Verknüpfung aus verdinglichtem Wissen, effektiven Prozeduren für Problemlösungen und hohen Analysefähigkeiten dar. Diejenigen, die im Computer nur eine wichtige technologische Metapher unserer Zeit sehen, verkennen den durch ihn hervorgerufenen und ermöglichten neuen Rhythmus unserer Lebenspraxis und die Rolle, die der Computer eingenommen hat, in dem Maße wie sich die Grenzen unseres Verstandes offenbart haben (so wie der Mensch in der industriellen Gesellschaft die Grenzen seiner körperlichen Leistungsfähigkeit erfahren mußte).

Edsger Dijkstra hat für den Umgang mit dem radikal Neuen einen methodischen Ansatz vorgeschlagen, in dessen Mittelpunkt "die Schaffung und das Erlernen einer neuen fremden Sprache steht, die nicht in irgendeine der bestehenden Muttersprachen übersetzt werden kann." Dieser Vorschlag deutet in die richtige Richtung, geht aber nicht weit genug. Den radikalen Umbruch werden wir nur dann in den Griff bekommen, wenn wir akzeptieren, daß Schriftkultur und schriftkulturelle Bildung ihre Grenzen erreicht haben und an ihre Stelle die Illiteralität, der Analphabetismus der zahllosen Spezialsprachen tritt, die für unsere Selbstkonstituierung in den neuen Lebensumständen erforderlich sind. Dieser Abriß der gegenwärtigen Veränderungen mag zu neuer Verwirrung führen. In dem, was wir üblicherweise eine zivilisierte Gesellschaft nennen, hat bislang die Sprache als Einheitswährung für kulturellen Austausch gegolten. Werden nun die höheren Effizienzgrade und Erwartungen, die den Markt und die Technologie antreiben, ihrerseits die neuen, von ihnen geschaffenen Kommunikationsmittel untergraben? Wird unsere Sprache in einer ihrer neuen, nicht schriftkulturellen Verkörperung, wenn sie mit dem exponentiellen Informationswachstum nicht mehr Schritt halten kann, sich ebenfalls einer Umstrukturierung unterziehen müssen? Werden wir eine völlig neue Art von Symbolen entwickeln oder irgendeine Art von Vorverarbeitung, bevor die Informationen an den Menschen vermittelt werden? Alle diese Fragen bleiben aber auf die Arbeit bezogen, auf die Arbeit als die Erfahrungsform, aus der sich die menschliche Identität gemeinsam mit den menschlichen Produkten, die den Stempel dieser Identität tragen, ergibt.

Die aktive Rolle, die jedes Zeichensystem ausübt, ist durchaus vergleichbar mit der Funktion von Werkzeugen. Die Hand, die einen Stein wirft, wird von diesem auch "getroffen", d. h. beeinflußt. Hebel, Hämmer, Zangen, Teleskope, Füllhalter, Automaten und Computer unterstützen unsere praktischen Erfahrungen, wirken sich aber gleichzeitig auf die Individuen aus, die sich durch ihren Gebrauch in der Welt konstituieren. Eine Geste, ein geschriebenes Zeichen, ein Laut, eine Körperbewegung, geschriebene oder gelesene Wörter drücken uns aus oder tragen unsere Äußerungen weiter und wirken sich gleichzeitig auf diejenigen aus, die sich im Gebrauch dieser Zeichen als Menschen konstituieren. Der Einfluß der Sprache auf die Arbeit ist daher gleichbedeutend mit dem Einfluß, den Sprache innerhalb eines gegebenen pragmatischen Rahmens auf den Menschen ausübt. Um einige Aspekte dieses äußerst schwierigen Problems zu erhellen, wollen wir die synkretistische Natur des Menschen etwas näher betrachten.

Angeborene Heuristik

Begriffliche Werkzeuge, die auf den Menschen in seiner synkretistischen Natur abzielen, existieren nur in dem Maße, in dem wir sie in der Sprache identifizieren können. In jedem uns bekannten System stehen Vielfalt und Präzision in einem komplementären Verhältnis. Was immer die Menschen tun, ihre Bemühungen sind darauf gerichtet, ihre Leistungen zu optimieren. Zu viele Einzelheiten beeinträchtigen die Effizienz, ungenügende Genauigkeit beeinträchtigt das Ergebnis. Es gibt offenbar zwischen dem Was und dem Wie eine strukturale Relation der Art eins : viele. Wo immer uns Effizienzüberlegungen dazu anhalten, die Wahl zwischen mehreren Möglichkeiten zu treffen, wird diese Relation durchgespielt. Das Optimale ist immer das, was sich nach bestem Wissen als das für das Erreichen des Ziels am besten geeignete Mittel erweist. Zugleich ist ein solches Optimum kennzeichnend für die Pragmatik eines jeweiligen Kontexts. Jagd kann z. B. allein oder in Gruppen durchgeführt werden, mit Steinen, Speeren, Pfeilen oder Fallen.

Der primitive synkretistische Mensch war (und ist in gegenwärtigen primitiven Kulturen noch immer) in eine praktische Erfahrung eingebunden, die er als Ganzheit erfuhr: natürliche Veranlagung, Beziehung zur natürlichen Umwelt, erlernte Fähigkeiten und Wissen, Gefühle (wie Furcht, Freude, Trauer). Der spezialisierte Mensch konstituiert sich in partiellen Erfahrungen. Gemeinsam ist beiden gleichwohl die natürliche Bedingung ihres Handelns. Der Unterschied zwischen beiden liegt in den entwickelten Überlebens- und Selbsterhaltungsstrategien, die von unmittelbaren Bedürfnissen und direktem Handeln zu vermenschlichten Bedürfnissen und vermittelter Handlung verlaufen. Eine begrenzte Menge von Optionen (etwa der Art "wenn hungrig, such Nahrung") wird ersetzt durch eine Vielfalt von Optionen, die schließlich zu der den Menschen eigenen heuristischen Natur führt. Homo sapiens ist mithin dadurch gekennzeichnet, daß er nach Optionen sucht. Der Mensch ist kreativ und effizient.

Es mag sein, daß die menschliche Sprache angeboren ist (wie Chomsky glaubt). Für die heuristische Dimension des Menschen gilt dies ganz gewiß. Die Auswahl der Mittel (die Bestimmung des Wie) läßt auf das erstrebte Ziel schließen und auch auf das Bewußtsein von dem, was möglich ist, sowie das Bemühen, den Bereich des Möglichen zu erweitern. Das eigentliche Bestreben liegt nicht darin, die Lebensumstände unverändert zu lassen, sondern den Bereich der Möglichkeiten zu erweitern und mehr als nur das Überleben zu garantieren. Dieses Bemühen nennen wir gemeinhin Fortschritt.

Unser einleitender kurzer Überblick über die Geschichte der Schrift hat gezeigt, daß die gleiche heuristische Strategie der Entwicklung der Schriftkultur zugrundeliegt. Vor der Entwicklung unseres Alphabets in seiner heutigen Form gab es eine Reihe weniger optimaler Schriftsysteme, deren konkrete Natur nur eine eingeschränkte Expressivität erlaubte. Alle Sprachalphabete in ihrer heutigen Form gingen aus einer langen Geschichte hervor, deren wesentliche Antriebskraft das Streben nach Optimierung war: Arbeitspraxis beeinflußte die Ausdrucksweise, die Ausdrucksweise schuf neue Rahmen für die Arbeitspraxis, und gemeinsam entwickelten sich auf diese Weise Erklärungsmodelle für die Welt. Das Was und das Wie im Bereich der Sprachhandlung besaß ursprünglich einen Komplexitätsgrad, der dem Komplexitätsgrad der in ihr zum Ausdruck gebrachten Handlungen entsprach. Im Verlauf ihrer Entwicklung gewannen die Sprachen jeweils die Komplexität der heuristischen Erfahrung, während die Handlungsformen einfacher wurden.

In solchen Vermittlungsmechanismen, die von einem höheren Abstraktionsgrad als die Sprache sind, erreichte die Dimension des Was und des Wie eine noch größere Komplexität. Diese spiegelte sich in dem Unterschied wider, der zwischen der Größenordnung der menschlichen Arbeit und derjenigen des Ergebnisses bestand, insbesondere in den bereitgestellten Wahlmöglichkeiten. In dem Maße, in dem der Mensch als Individuum seine synkretistische Natur preisgeben mußte, verzeichnen wir als Parallelentwicklung die Entstehung eines kompositen Synkretismus der Lebensgemeinschaft. Eine relativ stabile individuelle Ganzheit wurde durch eine auf die Lebensgemeinschaft bezogene, sich gleichwohl immer schneller verändernde Ganzheit ersetzt. Die Spracherfahrungen waren in diese Verlagerung einbezogen. Der Mensch, der sich durch den Sprachgebrauch in der Welt konstituierte, erkannte seine soziale Dimension, welche ja ihrerseits ein Beispiel für die im Verlauf seiner Entwicklung erreichte Ausdifferenzierung seiner Optionen ist.

Die heuristische Natur des Menschen äußerte sich in dem Augenblick, in dem sich die Überlebensstrategien des Menschen aus ihrer unmittelbaren Bindung an die natürlichen Zyklen lösten: Wenn sich z. B. die Zahl der Tiere, die auf eine bestimmte Beute Jagd machen, erhöht, so wird die gejagte Gruppe entweder neue Überlebensstrategien suchen oder in einem absehbaren Zeitraum nicht mehr als Nahrung zur Verfügung stehen. Der Mensch hingegen verfolgte andere Strategien. Statt sich auf wenige Methoden der Nahrungsversorgung zu konzentrieren, diversifizierte er seine praktischen Erfahrungen der Selbstkonstituierung und des Überlebens und erschloß sich vielfältige Ressourcen. Der homo habilis entwickelte in einem präagrikulturellen Handlungsrahmen mannigfaltige Formen der Jagd, der Fischerei, der Nahrungsmittelsuche. Während das begrenzte Nahrungsangebot bei allen anderen Gattungen drastische Wachstumskontrollen zur Folge hatte, entwickelte allein der Mensch eine Fähigkeit, die Palette seiner Ressourcen zu erweitern. Im Verlauf dieser Entwicklung wurde das menschliche Wesen zu einem arbeitenden Wesen, und die Arbeit wurde zum eigentlichen Wesensmerkmal der Gattung.