Um mitzuteilen, daß wir etwas verstanden haben, greifen wir auf verschiedene Alltagsidiome zurück. Im Englischen sagt man "I see.", im Deutschen "Ich habe begriffen." In beiden Fällen wird die abstrakte Sprache gewissermaßen rekonkretisiert, auf ein Greifbares oder Visuelles zurückgeführt. Wir setzen das Verstandene also offenbar wieder in Dinge und Bilder um, an denen wir das Abstrakte festmachen. Ich würde sogar sagen, daß wir alles Abstrakte in der Konkretheit unserer Sinneseindrücke neu schaffen. In Sprache und Schriftkultur herrscht Rationalität vor, gebildet zu sein ist für viele gleichbedeutend damit, rational zu sein. In Wirklichkeit ist jedoch die Rationalität, die wir mit Sprache verbinden, ein kleiner Teil der potentiellen Rationalität des Menschen. Die Messung (lateinisch ratio), die wir in unsere Objektivierung hineinprojizieren, könnte durchaus auch auf unser Wahrnehmungssystem bezogen sein. Es spricht manches dafür, daß einige negative Auswirkungen unserer schriftkulturellen Rationalität hätten vermieden werden können, wenn wir auch unsere anderen Persönlichkeitsdimensionen in unser Tun eingebracht hätten.

Wir haben in verschiedenen Zusammenhängen festgestellt, daß die Verlagerung von Schriftkultur und Schriftlichkeit zu einer stärker auf Visualisierung gründenden Zivilisationsform durch neue Geräte, verstärkte Vermittlung und Integrationsmechanismen hervorgerufen wurde, welche sich ihrerseits aus den neuen Lebenspraktiken einer veränderten Skala des menschlichen Tuns entwikkelt haben. Die Erweiterung unseres Erkenntnis- und Handlungshorizonts hat komplexere Arbeitszusammenhänge hervorgebracht, für die unsere Schriftkultur nur noch bedingt geeignet war und neue, strukturell angemessenere Sprachen entwickelt werden mußten. Die Integration dieser Vielfalt ist durch schriftkulturelle Mittel nur noch teilweise zu leisten, nicht zuletzt auch deshalb, weil viele Wissenschaftler aller Disziplinen die besessene Suche nach endgültigen Erklärungen aufgegeben und durch Vorstellungen von unbegrenzten Abläufen ersetzt haben.

Bilder eignen sich neben anderen Zeichensystemen strukturell besser für einen pragmatischen Rahmen, der durch die unaufhörliche Vermehrung von Wahloptionen, durch hohe Effizienz und Distribution gekennzeichnet ist. Um aber Bilder für solche Zwecke einsetzen zu können, benötigt man einen konzeptuellen Kontext, der diese extensive Bildverwendung zuläßt. Keiner von denen, die an der Erfindung des Computers beteiligt waren, konnte vorhersehen, daß seine Leistung über die Mechanisierung der Zahlenverarbeitung hinausgehen würde. Die visionäre Dimension des digitalen Computers ist nicht in seiner Technologie angelegt, sondern im Konzept einer Universalsprache, einer characteristica universalis, oder, wie Leibniz es nannte, einer lingua Adamica.

Das vorliegende Buch will weder die Geschichte des Computers schreiben noch die der Sprachen, die vom Computer verarbeitet werden. Aber unser Thema der Visualisierung—vor allem unter dem Gesichtspunkt einer Verlagerung von Schriftlichkeit auf Bildlichkeit—erfordert eine kurze Erörterung der Frage, wie Visualisierung und die Benutzung des Computers durch den Menschen zusammenhängen. Das binäre Zahlensystem (das Leibniz in einer auf den 15. März 1679 datierten Handschrift Arithmetica Binarica nannte) war ursprünglich nicht als endgültiges Alphabet aus nur zwei Buchstaben konzipiert, sondern als Grundlage für eine die Begrenztheit der natürlichen Sprachen überschreitende Universalsprache. Bei allen Bemühungen Leibniz, diese Universalsprache für Gesetzestexte, wissenschaftliche Erkenntnisse, Musik u. a. nutzbar zu machen, ist doch die eigentliche Leistung jahrhundertelang unbeachtet geblieben, ähnlich wie der Versuch, abstrakte Phänomene mit Hilfe der zwei Symbole seines Alphabets zu visualisieren. Dabei verdienen zwei Briefe an Nicolas de Remond (ca. 1714) besondere Beachtung, in denen er komplizierte Begriffe aus der chinesischen Philosophie in sein binäres Zeichensystem überträgt. Diese Briefe führen uns unmittelbar in den Bereich des Visuellen und belegen vermutlich erstmalig den Versuch, aus dem Ideographischen ins Sequentielle und schließlich ins Digitale zu übersetzen. Es mußten 300 Jahre vergehen, bis Computerfreaks bei ihren Versuchen, das Digitalprinzip für Musiknotation zu verwenden, entdeckten, daß Bilder in einem binären System geschrieben werden können.

Zwei Schlüsse lassen sich daraus ziehen: 1. Nicht die verfügbare Technologie hat unseren Blick für die Bedeutung von Bildern geschärft und den Weg zu ihrer digitalen Verarbeitung geöffnet, sondern die geistige Fähigkeit, die durch die eigene Effizienzerwartung motiviert war. 2. Visualisierung beschränkt sich nicht auf die Illustration von Wörtern, Begriffen oder Eingebungen. Sie stellt vielmehr den Versuch dar, geeignete Instrumente, Bilder, zur Darstellung und Verwendung von Informationen zu entwickeln. Ein Text auf dem Computerbildschirm ist ein solches Bild, die Visualisierung von Sprache, die nicht aus einer menschlichen Hand mit einem Schreibwerkzeug stammt. Ein Computer spricht keine Sprache. Er übersetzt jedwedes Alphabet in sein eigenes Alphabet, verarbeitet es und übersetzt es zurück in unser Alphabet, und zwar in Form gespeicherter oder automatisch erzeugter Bilder.

Auch beim Schreiben visualisieren wir, indem wir Sprache auf dem Papier sichtbar werden lassen. Beim Zeichnen setzen wir unsere Pläne für neue Gegenstände ins Bild. Solange wir den Computer lediglich anstelle anderer Schreibwerkzeuge verwenden, verändern wir damit nicht die Bedingungen der Sprache. Wenn wir aber darüber hinaus Sprachregeln einprogrammieren (Rechtschreibung, Morphologie u. ä.), Vokabular und Grammatik speichern und menschliche Sprachverwendung nachahmen lassen, dann ist das geschriebene Ergebnis nur noch teilweise auf die Schriftbildung des Verfassers zurückzuführen. Die Visualisierung des Textes führt zur automatischen Erstellung anderer Texte und zu Beziehungen zwischen Sprache und nicht-sprachlichen Zeichensystemen. Wir verfügen heute über Mittel zur elektronischen Verknüpfung von Bild und Text, für Querverweise zwischen Bild und Text und für die schnelle Umsetzung von Texten in Diagramme. Es gibt inzwischen elektronische Zeitschriften, deren Begutachtungs- und Herausgebertätigkeiten ausschließlich im Netzwerk ablaufen. Sie können Bilder, Animationen und Geräusche integrieren und OnlineReaktionen auf Hypothesen und Daten hervorrufen. Diese Publikationen erreichen ihr Publikum natürlich sehr viel schneller. Damit hat sich das Internet zu einem neuen Publikationsmedium entwickelt, in dem der Computer die Rolle der Druckmaschine übernimmt—einer Druckmaschine mit völlig neuen Eigenschaften. Damit haben all diejenigen, die sich in der neuen Welt des Internet entfalten, Zugang zu Informationsressourcen gefunden, die vordem nur den Eigentümern der Druck- und Medienindustrie oder anderen gesellschaftlich privilegierten Personen offenstand.

Die visuelle Komponente des Computers, die Computergraphik, beruht auf der gleichen Sprache aus Nullen und Einsen, auf der sämtliche anderen Computerabläufe beruhen. Diese gemeinsame alphabetische und grammatische Grundlage erlaubt es, Sprache (Übersetzungen von Bildern oder Zahlen-Bild-Beziehungen wie Diagramme, Skizzen u. ä.) und abstrakte Beziehungen zu betrachten. Die Entwicklung von Mitteln, mit deren Hilfe wir die Grenzen von Sprache und Schriftlichkeit überwinden können, hat die wissenschaftliche Arbeit vergangener Jahre beherrscht. Die neuen Mittel der Informationsverarbeitung versetzen uns nunmehr in die Lage, an die Stelle der üblichen phänomenologischen Beobachtung die Entwicklung und Verwendung verschiedener Spezialsprachen zu setzen, mittels derer wir neue, auf sehr komplexe und dynamische Phänomene bezogene Theorien entwerfen können.

Wir wollen die Verlagerung auf visuelle Darstellungsmodi und die damit verbundene Verlagerung von quantitativen Evaluationen zu qualitativen Evaluationen einschließlich der diese darstellenden Bildlichkeit an einigen Abläufen verdeutlichen. In der medizinischen Forschung, bei der Synthese neuer Substanzen und bei der Weltraumforschung haben sich Wörter nicht nur als irreführend, sondern auch in mancherlei Hinsicht als ineffektiv erwiesen. So haben neue Visualisierungstechniken auf der Grundlage der Molekularresonanz innovative Bereiche der Medizin weitgehend von der Sprache losgelöst: Patienten beschreiben ihren Zustand, Ärzte vergleichen diese Beschreibungen mit Krankheitstypologien, die auf den neuesten und fortlaufend ergänzten Daten beruhen; im Netzwerk kann der jeweils qualifizierteste Arzt konsultiert werden; experimentelle Daten werden mit den theoretischen Modellen zusammengeführt, die Ergebnisse visualisiert und auf digitalen breitbändigen Hochgeschwindigkeitskanälen ausgetauscht.

Mit solchen Visualisierungstechniken haben wir mittlerweile auch besseren Zugang zu den Daten der Vergangenheit bekommen und natürlich zu den Informationen, die wir für unsere zukunftsgerichteten Projekte benötigen. Mit der Computertomographie konnte z. B. der innere Aufbau ägyptischer Mumien dreidimensional dargestellt werden, ohne daß sie auseinandergenommen und beschädigt werden mußten. Dabei wurde ein Simulationssystem verwendet, wie es in der nicht-intrusiven Chirurgie üblich ist. Bei Design und Herstellung neuer Materialien, der Weltraumforschung und in der Nanotechnologie ist die analytische Perspektive schriftlichkeitsbezogener Methoden längst durch visuelle Synthetisierungsmethoden ersetzt worden. Molekülstrukturen können abgebildet und Interaktionsprozesse von Molekülen simuliert werden, um die Einwirkung von Medikamenten auf die behandelten Zellen, die Dynamik der Vermischung sowie chemische und biochemische Reaktionen verfolgen zu können. Es ist ferner möglich, in virtuellen Räumen jene Kräfte zu simulieren, die beim sogenannten Docking (Zusammenfügen) von Molekülen eine Rolle spielen. Keine sprachliche Beschreibung, keine Flugsimulation kann die Abbildung von Daten aus der Radioastronomie oder wesentliche Bereiche der Genetik und modernen Physik ersetzen. Nicht zuletzt ergibt der Bereich der künstlichen Intelligenz ein geeignetes Beispiel ab. Obwohl man sich in diesem Zusammenhang darum bemüht, tätige menschliche Intelligenz in ihren authentischen Abläufen nachzubilden, zeichnet sich doch gerade dieser Bereich paradoxerweise dadurch aus, daß er hergebrachte Werte und Begriffe, die zur Schriftkultur gehören, bewahrt.

Wer mit Bildern in dem Maße aufwächst, in dem vorausgegangene Generationen der Schriftkultur verpflichtet waren, entwickelt zu Bildern ein anderes Verhältnis. Die verfügbare Technologie zur Visualisierung fördert neue Wege der Interaktion. Diese Technologie verändert dabei nicht nur Wissenschaft und Technik. Sie beeinflußt unseren täglichen Umgang miteinander, mit Menschen und völlig anderen, weit entfernten Kulturkreisen und unseren Umgang mit Geräten und Maschinen. Sie stellt ein alternatives Medium für unser Denken und unsere Kreativität bereit, wie sie es in der Geschichte von Technik, Handwerk und Design schon immer getan hat. Sie hilft uns dabei, unsere Umwelt besser zu verstehen, insbesondere die vielfältigen Veränderungen, die wir durch unsere Lebenspraxis in ihr hervorrufen. Mit Hilfe von Visualisierungen erfahren wir räumliche Dimensionen, die jenseits unserer unmittelbaren Wahrnehmung liegen, und das Verhalten von Gegenständen in diesen Räumen. Visualisierungen erweitern den Bereich der künstlerischen, aber auch wissenschaftlichen Kreativität.