Die Einsicht, daß einige biologische Merkmale des Menschen seine Überlebenschancen erhöhten, führte auch zum Verständnis der Rationalität des Körpers. Die Einbindung dieser Rationalität in eine Kultur des Körperbewußtseins führte zu praktischen Erfahrungen der Selbstentfaltung, die schließlich im Profisport ihren vorläufigen Endpunkt fand. Ein irrationales Element liegt darin, daß alle Männer und Frauen zwar struktural gleich, manche aber dennoch physisch vorteilhafter ausgestattet sind. Wie bei allen anderen Formen der Identitätsfindung wurde auch hier das Unerklärbare einem Erklärungsbereich zugewiesen, der jeglicher Rationalität entbehrt. Deshalb werden Bitten um Regen und Gesundheit oder das Vertreiben böser Geister mit sportlicher Tätigkeit verknüpft. Der Kult des Körpers, besonders bestimmter Körperteile, ergab sich aus Erfahrungen des Menschen, die zum Bewußtsein seiner selbst führten. Als Körper und Körperteile Selbstzweck wurden, stand die Rationalität körperlicher Leistungsfähigkeit zu Überlebenszwecken zu anderen, jenseits individuellen oder kollektiven Wohlergehens liegenden Gründen im Widerspruch. Ritual und Mythos, Religion und Politik nahmen sich dieser irrationalen Komponenten an. In frühgeschichtlichen Kulturen, in denen die Kenntnis körperlicher Phänomene noch nicht sonderlich ausgeprägt war, wurde von der physischen Leistungskraft der wettstreitenden Athleten auf das zukünftige Wohlergehen der ganzen Gesellschaft geschlossen.

Müssen wir in einem Zusammenhang, in dem das Überleben der Tüchtigsten an körperliche Leistungsstärke gebunden war, von der Vorstellung ausgehen, daß ein Kämpfer ähnlich einem allein lebenden Tier, das sich den anderen nur zu Paarungszwecken anschließt, allein auf sich gestellt aus der Menge herausragt und sich nur dem Kampf stellt, um zu töten oder getötet zu werden? Wohl nicht. Der Mensch hat sich stets in kooperativen Formen entfaltet, wie primitiv sie ursprünglich auch waren. Bis zu einer bestimmten Skala ging der Kampf immer nur ums Überleben, er setzte sich um in Nahrungssuche und Fortpflanzung. Erst als die Landbewirtschaftung mehr Nahrung als unmittelbar benötigt produzierte, verlagerte sich der Kampf vom Überlebenskampf zur Selbstbestätigung im Wettkampf. Wettkampf und Leistungserwartung fielen mit den Anfängen der Schrift zusammen und wurden dann zunehmend als Teil des kommunalen Lebens begriffen. Jede weitere Veränderung des menschlichen Daseins führte zu entsprechend veränderten Erwartungen an die körperliche Leistungskraft, die den jeweiligen Effizienzerwartungen entsprachen.

Sport und Selbstkonstituierung

Gymnastik als Körperkultur steht auch im Zusammenhang mit der Entwicklung der Kunst. Sie ist nicht nur zufällige Abfolge von Bewegungsübungen, sondern hat physische und metaphysische Dimensionen; letztere haben zu tun mit der Suche nach idealen Proportionen, die in philosophischen Zusammenhängen gesucht und ausformuliert wurden.

Entsprechend der Grundthese dieses Buches, daß sich die Menschheitsentwicklung als fortschreitende Selbstkonstituierung in praktischen Lebenszusammenhängen vollzieht, ist auch Sport keine reflexive, sondern eine konstitutive Erfahrung. In der Ausübung sportlicher Tätigkeiten entfalten die Menschen ihre körperlichen Eigenschaften und deren Koordinierung. Diese Entfaltung gehört zur Identitätsfindung und damit auch zur Eingliederung in eine interaktive Gruppe Gleichgesinnter. Die Forschung führt die Anfänge des Sports im wesentlichen auf Überlebenstechniken zurück und stellt ihn damit in den Zusammenhang der Darwinschen Evolutionstheorie. Aus der Perspektive eines Joggers erweist sich der Dauerlauf aber eher als eine sehr persönliche, individuelle Erfahrung. Grundsätzlich ist aber auch das Laufen eine gemeinschaftliche Angelegenheit von Menschen, die der körperlichen Ertüchtigung einen bestimmten Wert und soziale, kulturelle, wirtschaftliche und medizinische Bedeutung beimessen. Wir schaffen uns nicht nur durch Dichtung, Landbewirtschaftung oder die Herstellung von Maschinen, sondern auch durch sportliche Tätigkeit. Der Sport besitzt wie die anderen praktischen Erfahrungen natürliche, kulturelle und soziale Dimensionen, die beim Erlebnis eines Sportereignisses zusammmentreffen. Das Zusammenspiel der verschiedenen Dimensionen kann Gegenstand eines Berichts werden: die Erklärung der Leistung durch Training, Veranlagung, durch soziale Bedingungen (Stolz, Ehrgeiz, Patriotismus). Vielen erscheint die Bedeutung eines Sportereignisses daher auch nicht in der diesem Ereignis jeweils eigenen Dynamik und dem speziellen Ablauf des einzelnen Wettkampfs, sondern als vorbestimmt, wie in den magisch-mythischen Körperkulten ja auch diese Bedeutung den gesamten Vorgang bestimmte. Dem Verlauf eines Fußall- oder Hockeyspiels wird man diese Bedeutung nicht mehr direkt ablesen können. Sie sind zu spezialisiert und stellen nichts dar als sich selbst. Aber ein Spiel kann doch auch andere Funktionen zugewiesen bekommen und statt eines nach bestimmten Regeln ablaufenden Wettkampfes zu einem Nervenkrieg, zur Darstellung von Gewalt, Nationalstolz oder zu reinem Exhibitionismus degenerieren.

Trotz identischer körperlicher Anlagen der Menschen hat der Sport in unterschiedlichen Kulturen doch unterschiedliche Formen und Bedeutungen angenommen. Ich habe dabei nicht die Freudsche oder marxistische Theorie des Sports im Auge oder Huizingas Homo ludens. Ich erkläre die Unterschiede viel mehr aus den unterschiedlichen Kontexten, in denen sie sich wie jede andere Form menschlicher Erfahrung entwickelt haben, also aus einer pragmatischen Perspektive. Wenn ein Japaner in einem Kemari genannten Spiel gegen einen Ball tritt, dann hat das mit Fußball wenig zu tun. Wenn ein buddhistischer Bogenschütze den Bogen spannt, dann ist dieser Ablauf, in dem das Verlangen nach Einheit mit der Welt zum Ausdruck kommt, ein anderer als beim Bogenschießen afrikanischer Stämme oder beim Bogenwettkampf der antiken Olympischen Spiele. Viele Beispiele könnten dies ergänzen. Vielleicht sollten wir uns die Bewegungsabläufe jüngerer, nicht aus dem Symbolismus vergangener Zeiten hervorgegangener Sportarten wie Baseball, Wassergymnastik oder Eistanz anschauen, um zu sehen, welche Aspekte menschlicher Tätigkeit jeweils in sie eingegangen sind und welche Erfahrungsformen sie für die Beteiligten ergeben. Überraschend ist vor allem die Vielfalt. Die menschliche Phantasie ersinnt immer wieder neue Wettkämpfe, in denen Sportler ihre körperliche Leistungsfähigkeit messen können. Ebenfalls wenig überraschend ist die Tatsache, daß sie alle dabei bestimmte Regeln befolgen, Spielregeln oder auch solche der äußeren Erscheinung (Kleiderregeln u. ä.). Neben solchen standardisierten Erfahrungsmustern findet sich auch eine von diesem Standard abweichende Praxis in Form von individuellen Regeln, ad-hocKonventionen und privaten Wettkämpfen. Die soziale und die private Ebene des Sports hängen lose zusammen. Als Profisportler muß man die Regeln der standardisierten Erfahrung in bestimmten Organisationsformen oder in anerkannten Wettkämpfen befolgen. Im übrigen befindet sich derjenige, der einem Beruf im sportlichen Bereich nachgeht, in einer ganz ähnlichen Situation. Hier ist die Schriftkultur das Medium, das die Regeln faßt.

Sprache und körperliche Leistung

Uns interessiert nicht die Ähnlichkeit zwischen, sondern der Zusammenhang von Sport und Sprache. Ein offensichtlicher Zusammenhang besteht darin, daß wir die Sprache zur Beschreibung von Sportereignissen und deren Bedeutung verwenden. Das heißt nicht, daß es ohne Sprache keinen Sport gäbe. Sport wurde zum Teil des gesellschaftlichen Lebens, als sich Schriftsprachen herausbildeten. Genügend visuelle Darstellungen (Petroglyphen und später Hieroglyphen) deuten darauf hin, daß nicht nur die körperliche Tätigkeit und die dazugehörige Übung als solche (z. B. die Jagd nach wilden Tieren) beachtet, sondern die körperlich Tüchtigen auf besondere Weise herausgehoben und behandelt wurden—im Grabmal des ägyptischen Pharao Beni Hasan ist der Ringkampf in allen seinen Varianten abgebildet.

Die Bewegungsmuster des Ballspiels im Kemari und die Muster der Sprachverwendung im selben Kulturkreis hängen nicht unmittelbar zusammen. Aber das Spiel ist durch ein Konfigurationsprinzip gekennzeichnet: Zweck des Spiels ist es, den Ball so lange wie möglich in der Luft zu halten. Fußball, auch das amerikanische football, ist sequentieller Natur: Ziel des Spiels ist es, mehr Tore als der Gegner zu erzielen. Im Kemari ist das Spielfeld durch vier verschiedene Bäume markiert: Weide, Kirsche, Pinie und Ahorn. Beim Fußball sind die Spielfeldgrenzen künstlich gezogen, außerhalb derer die Spielregeln sinnlos wären. Auch die Sprachen beider Kulturkreise sind durch unterschiedliche Strukturen gekennzeichnet, die unterschiedlichen Erfahrungszusammenhängen entsprechen.

Die ihnen jeweils innewohnende Logik beeinflußt offenbar die Logik der Sportart. Kemari ist nicht nur nicht-prädikativ und konfigurativ, sondern vom Prinzip des amé beherrscht, das den Zusammenhang der Dinge betont. Fußball und football sind analytische Planungsspiele, Texte, deren Endpunkt das erzielte Tor oder der touchdown ist. Die Mentalität, also der Ausdruck, den eine praktische Erfahrung in bestimmten musterhaften Erwartungen findet, spielt im Sport also ebenfalls keine geringe Rolle.