Vor mehr als 350 Jahren ist die logische Analyse durch das Prinzip des Experimentierens ergänzt worden. Heute übernimmt die Simulation eine ähnliche Aufgabe wie ehedem das Experimentieren. Sie ist das Experiment in einem Stadium jenseits der Schriftkultur, sie wird die dominierende wissenschaftliche Ausdrucksform für die systematische Suche nach der Vielzahl von Elementen, die an den neuen wissenschaftlichen Theorien und deren Anwendungen beteiligt sind. Eine ganze Anzahl von Simulatoren verfügt über Wissen und Zweifel. Es kann in einem allgemeineren Zusammenhang gesehen werden. Simulation trägt jeglicher Variabilität Rechnung, erforscht Relationen und testet funktionale Abhängigkeiten, und dies auf der Grundlage einer enormen Datenmenge, die für die Leistungsfähigkeit neuer Systeme entscheidend ist, bzw. mit Hilfe einer enormen Menge von Menschen, die in sie eingebunden sind. Nachdem die Wissenschaft sich mühsam, aber zwangsläufig, von der Philosophie losgelöst und ihre eigenen Methoden entwickelt hat, entdeckt sie aufs Neue die Notwendigkeit jener Dimension, die das menschliche Denken und die menschliche Vernunft eingenommen hatte. Eben dies ist der Gegenstand der künstlichen Intelligenzforschung, und eben dies soll von der künstlichen Intelligenz letztendlich hervorgebracht werden: Simulationen unserer Denk- und Vernunftfähigkeit. In diesem Zusammenhang beschäftigen sich Wissenschaftler auch mit der Metaphysik von den Ursprüngen unseres Universums und der Sprache des Geistes (lingua mentis), von der man annimmt, daß sie sich von der Sprache unterscheidet, die wir in unserer Lebensgemeinschaft, in unserem kulturellen und nationalen Dasein gebrauchen.
Wenn wir über die Entstehung des Universums oder über den menschlichen Geist nachdenken, heißt das, daß wir uns, mit der jeweils angemessenen Sprache, in einem pragmatischen Zusammenhang setzen, der sich von der Interaktion innerhalb einer Gemeinschaft, von kulturellen Werten oder nationalen Merkmalen unterscheidet. Der Fokus verschiebt sich von Quantität zu Qualität. Damit verbindet sich der Versuch, eine Wissenschaft zu errichten, die sich mit artifizieller Wirklichkeit beschäftigt und diese schafft. Als wissenschaftliches Artefakt ist diese Wirklichkeit mit allen Merkmalen des Lebens versehen, mit Veränderung und Evolution durch zeitliche Abläufe hindurch, Auswahl der Tüchtigsten, und zwar der Besten, die für diese Welt besonders tauglich sind, Wissenserwerb, gesunder Menschenverstand und schließlich auch Sprache. Diese artifizielle Realität orientiert sich am Modell des Lebens als Organisationsmerkmal und generiert lebensähnliches Verhalten: iterative Optimierung, Lernen, Wachstum, Anpassungsfähigkeit, Reproduktionsfähigkeit und sogar Selbstidentifikation. Die Wissenschaft verfolgt Standardisierungsstrategien. Artifizielles Leben ist hingegen bestrebt, Bedingungen für Vielfalt zu schaffen, die die Anpassungsfähigkeit stärken sollen. Die Zuweisung von Ressourcen innerhalb eines Systems und Strategien der KoEvolution werden als Quellen für vermehrte Leistung gewertet. Die Forschung geht aber von einer Voraussetzung aus, die eher in den Bereich der Vernunft, nicht der Rationalität gehört: Menschen und das zur Lösung anstehende Problem sind beständigem Wandel unterworfen.
Die Erforschung des Virtuellen
Virtuelle Realitäten widmen sich nahezu allem, was auch die Künste beschäftigt: Illusion von Raum, Zeit, Bewegung und Darstellung menschlicher Gefühle. Wer mit einem solchen System in eine interaktive Beziehung tritt, wird in das Innere von Bildern, Geräuschen und Bewegungen hineingezogen. Sie alle sind simuliert, Animation ist hier die neue Wissenschaftssprache, die im bewegten Bild angelegt ist. In gewisser Hinsicht wird die virtuelle Realität zu einem Allzwecksimulator einer variablen Wirklichkeit, sie wird ermöglicht durch Vermittlungselemente wie Computergraphik, Animation, digitaler Ton, Positionierungseinheiten und eine ganze Zahl anderer Elemente. Innerhalb dieser virtuellen Realität stellen sie virtuelle Gegenstände, Werkzeuge und Handlungsweisen zur Verfügung, die uns Möglichkeiten unserer Selbstentfaltung und Selbstkonstituierung in einer Welt des Meta-Wissens eröffnen.
Eine neue Qualitätsdimension spielt in der virtuellen Realität insofern eine Rolle, als Wissenschaftler um ein kohärentes Bild der ersten Minuten bei der Entstehung des Universums bemüht sind. Physik, Genetik, Biophysik, Biochemie, Geologie und alles andere, was in diesen in vielfältiger Weise vermittelten Forschungen eingebunden ist, vollzieht hier den letzten Schritt von der Wissenschaft zur Naturgeschichte und zur philosophischen Ontologie. Die Erklärung dafür, daß Physiker ein nicht weiter teilbares Proton zur Erklärung der Materie brauchten, ist nicht eine Frage von Zahlen, Präzision und Gleichungen, sondern des gesunden Menschenverstands: Wenn Protonen zerfallen könnten, würden Berge, Ozeane, Sterne und Planeten zusammenbrechen und—zurück zu Neutronen und Elektronen verwandelt—würde sich der ursprüngliche Big Bang in gegenteiliger Richtung wiederholen. Mit den neuen experimentellen Methoden, mit Teilchenbeschleunigung in der Computersimulation, mit den neuen radioastronomischen Beobachtungsmöglichkeiten öffnet die virtuelle Realität neue Formen der Lebenspraxis und ermöglicht vollkommen neue physikalische Theorien. Ist dies alles in der Sprache zu leisten und durch Sprache zu evaluieren?
Daß der Effizienzfaktor in dieser Entwicklung eine entscheidende Rolle spielt, ist offensichtlich. Im Fall der Wissenschaft hat die allgemeine Effizienzvorstellung verschiedene Komponenten. Eine Form der Effizienz liegt darin, die Wissenschaft produktiv zu machen. Im Vergleich etwa zur Effizienz von Hebel, Rolle und Flaschenzug ist die Effizienz des Elektromotors in einer anderen Größenskala angesiedelt. Für unsere heute neu entwickelten Instrumente gilt das Gleiche, allerdings auf sehr viel dramatischere Weise. Die Wissenschaft ist das aufwendigste und teuerste Unternehmen, das der menschliche Geist hervorgebracht hat. Ihre derzeitige Entwicklung wird offenbar durch eine Eigendynamik angetrieben: Wissen um des Wissens willen. Wissenschaft brachte aber auch Technologie und Technik hervor, die jegliche menschliche Tätigkeit und Leistung entscheidend beeinflussen.
Die zweite Effizienzkomponente, die zu unserer neuen Lebenspraxis geführt hat, liegt in der Notwendigkeit begründet, diese neuen Instrumente, die neuen Energieformen und die neuen Formen menschlicher Interaktion zu beherrschen und zu kontrollieren. Die Beherrschung eines mechanischen Werkzeugs ist etwas anderes als die Beherrschung einer Programmiersprache, mit der eine hochkomplizierte Technologie und enorme Energiemengen kontrolliert werden. Aber obwohl diese neuen Formen der multimedialen Vermittlung in unserem Leben zugenommen haben, wissen wir noch nicht so recht, wie wir damit umgehen sollen, und noch weniger, wie wir sie in unsere Bildungs- und Ausbildungsformen und in die immer kürzeren Zyklen der wissenschaftlichen und technologischen Erneuerung integrieren können.
Die dritte und letzte Effizienzkomponente ist im Bereich der Erfindung, Entdeckung und Erklärung angesiedelt. Nicht zuletzt unter dem Druck der gesellschaftlichen Erwartungen (Staat, Geschäftswelt und verschiedene Interessengruppen investieren in die Wissenschaft, um damit bestimmte Ziele zu verfolgen) steht die Wissenschaft unter hohem Erwartungs- und Leistungsdruck.
Aus der Sicht des Marktes sind diese Erwartungen dann erfüllt, wenn sich die Investitionen auszahlen. Enorme Summen gehen daher nicht nur in zukunftsträchtige wissenschaftliche Projekte, sondern als Risikokapital in Unternehmensneugründungen, die die wissenschaftlichen Ergebnisse technologisch umsetzen. Innerhalb dieser ökonomischen Dynamik ist jegliche Form der Abkapselung oder gar der Geheimnistuerei abwegig. Sofern man versucht, wissenschaftliche Entwicklungen geheimzuhalten, stößt man bald an die Grenzen der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit: Interaktivität und die Zusammenführung unterschiedlichster, weltweit verbreiteter wissenschaftlicher Aktivitäten, Vernetzung dieser Arbeit, Arbeitsteilung und vor allem geteilte Ressourcen determinieren heutzutage den Fortschritt in den Wissenschaften. Insofern ist es kaum noch verständlich, wie in den USA und in Europa die Bürokratie der Wissenschaftsverwaltung diese neuen Formen der Wissenschaft und damit den wissenschaftlichen Fortschritt behindert. Sie stehen noch immer unter dem schriftkulturellen Einfluß von Nationalstolz, Sicherheit und ähnlichem und hüten einen Wissenschaftsbetrieb, der längst passé ist.
Auch der Konflikt zwischen Wissenschaft und Ethik gewinnt eine neue Dimension. Nicht alle wissenschaftlichen Ergebnisse, die richtig sind, sind auch gut für die Menschheit. Höhere Effizienz kann sich für den Menschen und für die Erhaltung des Lebensstandards als kontraproduktiv erweisen. In vielen Bereichen—zu viele, um sie anzuführen—ist der Mensch bereits vollständig durch Maschinen ersetzt. Enorme körperliche oder geistige Anstrengung, Gefahren, die von Chemikalien, von Strahlung oder anderen widrigen Elementen ausgehen, können auf diese Weise vermieden werden. Die Entfernung von Menschen aus Arbeitsprozessen, in denen er sich schließlich entfaltet und zu seiner Identität gefunden hatte, macht diese Arbeitsprozesse gewiß auch fragwürdig. Heute reden wir nicht mehr nur über die genetische Manipulation der Bevölkerung, über die geistige Manipulation des Menschen, über die Entwicklung intelligenter Maschinen, die selbst ihre Hersteller beherrschen. Wir haben diese Möglichkeiten alle verwirklicht oder stehen zumindest kurz vor ihrer Verwirklichung. Wissenschaft und Technologie, und noch weniger die Philosophie können diesen in der Entwicklung zwangsläufig angelegten Konflikt einfach ignorieren. Auch sollten wir uns der Gefahr bewußt werden, daß wir allzu leichtfertig und aus begrenztem Blickwinkel heraus zu scheinbar unproblematischen wissenschaftlichen Lösungen greifen oder daß wir uns von dem Wahn leiten lassen, grundsätzlich alles zu realisieren, was machbar ist. Immerhin: Wir könnten bereits unseren Planeten zerstören, tun dies aber nicht, oder doch zumindest nicht so radikal, wie wir es tun könnten. Vor allem muß sich die Wissenschaft selbst einer permanenten Selbstkritik und Selbstbefragung unterziehen. Es ist daher wohl kein Zufall, daß die Naturwissenschaften nunmehr, jenseits der Schriftkultur, die Philosophie wiederentdecken oder zumindest ihrerseits eine Komponente philosophischer Selbstreflexion entwickeln. Quo vadis, Philosophie?