Die Menschen werden niemals aufhören zu staunen und sich zu fragen, was ist was?, schon gar nicht, solange ihre Tätigkeit den Bereich der Dinge, des Seienden ständig erweitert. Sie werden sich immer wieder fragen, was sie wissen können, mit welcher Gewißheit sie das, was sie wissen, für wahr oder wenigstens für relevant halten dürfen. Der Mensch ist gekennzeichnet durch seine Fähigkeit zu denken, Dinge herzustellen und Werkzeuge zu beherrschen, Werte zu entwickeln und sich mit anderen Menschen als Lebensgemeinschaft mit gemeinsamen Anliegen und Ressourcen zu konstituieren, und dies im freien Spiel seiner Kräfte, Möglichkeiten und Charakteristika (die in solchen Begriffen wie homo conomicus, zoon semioticon, zoon politikon, homo ludens gefaßt sind). All diese Bezeichnungen mögen wesentliche Aspekte der Menschheit benennen. Das einzig wirklich herausragende Merkmal des Menschen liegt indes darin, daß er denken und alles hinterfragen kann. So wie die genetische Anlage des Menschen durch die Sprache gekennzeichnet ist, so ist sie durch Denken und Fragen gekennzeichnet, die sich vermutlich zuallererst in Sprachmechanismen äußerten. Wenn ein Kind seine erste Frage stellt, ist seine gesamte genetische Anlage involviert.
Wir sind, wer und was wir sind, durch unsere fragende Interaktion mit anderen Menschen. Geist und Verstand existieren nur durch diese Interaktion. Das bedeutet, daß das Philosophieren Teil der menschlichen Selbstkonstituierung und Identitätsfindung ist. Der einzige Gegenstand der Philosophie ist der Mensch mit seiner Entfaltung in der Lebenspraxis. Zusammen mit anderen fortlebenden Formen der Bildung und der Schriftkultur wird auch die Philosophie als eine von vielen anderen fortwirken. Aber jenseits der Schriftkultur wird die Philosophie wie in allen vorangegangenen Stadien der Menschheit die Arbeits- und Lebensumstände widerspiegeln, die für den neuen pragmatischen Rahmen charakteristisch sind. Sie wird sich auch dem Test der Marktbedürfnisse unterziehen müssen. Die Wissenschaft kann die hohen Investitionen mit neuen Erklärungsmodellen rechtfertigen. Auch kann sie neue technologische Entwicklungen anstoßen. Die Philosophie muß ihre Rechtfertigung indes auf andere Weise suchen. Die Notwendigkeit ihres Tuns ist nur schwer faßbar. Da sie nicht wie die schriftkulturelle Bildung, Religion oder Kunst von der Vergangenheit lebt, muß sie sich neu besinnen auf die Vernunft als den Bereich menschlicher Tätigkeit. Wenn sich die Philosophie mit alternativen Formen der Lebenspraxis auseinandersetzt, kann sie auf sehr praktische Weise den Menschen helfen, sich einerseits von der Fortschrittsbesessenheit—sofern wir Fortschritt verstehen als eine Folge sich ständig übertreffender Rekorde in Produktion, Distribution und Erwartung—und andererseits von der Furcht vor all den Konsequenzen des Fortschritts zu befreien. Auch könnte sie die Aufmerksamkeit des Menschen darauf richten, Alternativen zu all dem zu entwickeln, was die Unversehrtheit der Gattung und seine Qualitätsansprüche beeinträchtigt, das Verhältnis des Menschen zur Umwelt mit eingeschlossen. Wenn Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im allumgreifenden ungebildeten Wahn des Augenblicks kollabieren, dann ist die Philosophie uns eine Antwort auf die Frage schuldig, ob es noch eine Zukunft gibt. Aber diese Zukunft gewinnt Gestalt durch Menschen, die an der offenen Welt der vernetzten Interaktionen teilhaben. Banalitäten werden als Antworten auf diese entscheidende Frage mithin nicht genügen.
Kapitel 4:
Ein Gespür für Design
Im Englischen heißt to design wörtlich "mit Zeichen (sign) umgehen". Design, Gestalten und Entwerfen, heißt also einerseits, mit Hilfe von Zeichen Gedanken, Gefühle und kommunikative Absichten auszudrücken, und andererseits, seine eigene Persönlichkeit in Gegenstände einzubringen, die für die praktischen Erfahrungen des Menschen eine Rolle spielen. Die unmittelbare praktische Erfahrung kannte keine Gestaltung, kein Design. Die Verwendung von Zeichen ermöglicht es uns, die Gegenwart auf die Zukunft hin zu transzendieren. In der Natur bedeutet Zukunft Befruchtung. In der Kultur bedeutet Zukunft Bezeichnung, etwas in Zeichen bringen, d. h. etwas durch Zeichen ausdrücken, etwas entwerfen. Im weitesten Sinn ist das Gestalten und Entwerfen die Selbstbestimmung des Menschen, als jemand, der Veränderung bewirkt. Diese verändernden Eingriffe betreffen die Umwelt und unsere Wahrnehmung von Dingen (Werkzeuge eingeschlossen), von Häusern, Kleidung, Bräuchen, religiösen Zeremonien, Veranstaltungen, Nachrichten, Interpretationszusammenhängen, Interaktionen und in jüngster Zeit auch von ganz neuen Stoffen und virtuellen Realitäten. Shakespeare hätte am Eifer, mit dem unsere Zeit Design betreibt, seine Freude gehabt. Er beschreibt Design folgendermaßen: "…Und wie die schwangre Phantasie Gebilde / Von unbekannten Dingen ausgebiert (Ein Sommernachtstraum). Obwohl Gestalten und Entwerfen sprachliche Elemente aufweisen, sind sie dennoch im Grundsatz nichtsprachlich. Die wesentlichen Ausdrucks- und Kommunikationsmittel sind visueller Art. Diese können unterstützt werden durch andere Mittel, wie Ton, Textur, Geschmack und Geruch und deren Kombination (Synästhesie), Rhythmus, Farbe und Bewegung.
Die Natur bietet sich dem Menschen, der seine Identität durch praktische Erfahrungen schafft, als etwas Gegebenes dar. In Abgrenzung dazu erscheint die Natur des Menschen in der Retrospektive als etwas Gestaltetes. In einigen Fällen bedeutet Gestalten Selektieren. Man nimmt etwas aus seiner gewohnten Umgebung heraus—einen Stock, einen Stein, eine Pflanze—und gibt ihm eine neue, un-natürliche Funktion, indem man es in etwas anderes einfügt, sei es zur Markierung von Land, zur Arbeitserleichterung, zum Stützen eines Körperteils, zum Fallenstellen, für Angriff und Verteidigung oder zum Färben von Kleidung oder Haut. Manchmal folgt dem Akt der Selektion eine Form der Rahmensetzung, so wie der Rahmen bei einem Tanzritual um den Totempfahl, bei einem Tieropfer, bei Trauerzeremonien oder Sieges- und Fruchtbarkeitsfeiern. Selektion und Rahmensetzung hängen mit Effizienzerwartungen zusammen. Sie symbolisieren die Hoffnung auf Hilfe von magischen Kräften und drücken die Bereitschaft aus, für ein Individuum, für die Familie oder für die Gemeinschaft einzutreten. Dies ist bereits bei den ersten Versuchen einer pragmatischen Rahmensetzung sichtbar. Eines der wiederkehrenden Muster beim Gestalten und Entwerfen ist, die formalen Merkmale, die in der Natur als schön empfunden werden, nachzuahmen und diese dann in eine optimale Form in der Zukunft zu integrieren. Auf diese Weise fließt die ästhetische Dimension des menschlichen Alltags in die Tätigkeit des Entwerfens und Gestaltens ein.
Notationssysteme (z. B. quipu, zeichnerische Abbildungen auf Stein oder auf dem Boden, oder Hieroglyphen), die sich später zu einer Schrift entwickelten, können als Design bezeichnet werden, nicht zuletzt wegen ihrer ästhetischen Kohärenz. Erst wenn sprachlich definierte Regeln und Erwartungen an die Stelle des Zeichensystems treten, löst sich Schrift vom Design und wird Teil der Spracherfahrung. So erklärt sich, daß Veränderungen in der Sprache, die einen Rahmen für die Erfahrung von Zeit und Raum bildet, nicht unbedingt auch Veränderungen im Bereich des Designs mit sich bringen. Als sich die Schriftkultur herausbildete, war die ihr zugrunde liegende Struktur in dem Gebrauch der Sprache eingebunden. Dies gilt nicht in gleichem Maß für die Praxis des Designs. An diesem Punkt etabliert sich Design als eigenständige praktische Disziplin mit eigener Dynamik und eigenen Zielen. Es ist kein Zufall, daß das technische Design als eine praktische Notwendigkeit im Zuge des Baus von Pyramiden, Zikkurats und Tempeln entstand und seinen Höhepunkt während der Industriellen Revolution im Entwurf und Gestalten von Maschinen fand. Die Prämisse des Industriezeitalters ist: Alles ist eine mechanische Maschine: Das Haus, die Kutsche, Öfen, die im Unterricht verwendeten Geräte, Schulen, Universitäten, Ateliers, sogar die Natur.
In der Industriegesellschaft war Designtätigkeit eine relativ begrenzte und homogene praktische Tätigkeit. Jenseits der Schriftkultur jedoch gewann sie eine umfassende Bedeutung, die sich auf viele spezialisierte Anwendungsbereiche auswirkte: Werkzeugdesign, Modedesign, Textildesign, Produktdesign, Graphikdesign, die vielen Teilgebiete des technischen Designs (einschließlich des computergestützten Designs), interaktive Medien und virtuelle Realitäten, Gentechnik, neue Werkstoffe, event design (in verschiedenen Bereichen, z. B. Politik), Netzwerkdesign und Bildungsdesign. Einfache und komplexe Technologien, die visuelle Sprache hervorbringen, schaffen komplexe Zusammenhänge, für die der intuitive Gebrauch visueller Ausdrucksmöglichkeiten nicht mehr effektiv genug ist. Folglich änderte sich die Bandbreite designorientierter praktischer Erfahrungen. Design erlaubt heute umfassendere, integrative Projekte auf höheren Synästhesieebenen und gleichzeitig Formen variablen Designs, eines Designs, das mit dem Menschen wächst, der sich in der Interaktionen mit einer durch Design gestalteten Welt konstituiert.
In seiner digitalen Arbeitswelt hat das Design mehr als jede andere
praktische Erfahrung die Schriftkultur ersetzt. Die Ergebnisse des
Designs unterscheiden sich dem Wesen nach von denen, zu denen die
Schriftkultur führt.
Die Zukunft zeichnen