Einige der heute geläufigen visuellen Zeichensysteme haben sich aus der Schriftkultur heraus entwickelt: Werbung, Theater und Fernsehspiel. An sie stellen wir die für das Maschinenzeitalter charakteristischen Erwartungen. Andere visuelle Zeichensysteme überschreiten die der Schriftkultur gesetzten Grenzen: konkrete Poesie, Happening, Animation, Performancespiele bis hin zum interaktiven Videospiel, interaktive Multimedien, virtuelle Realitäten und die globalen Netzwerke. In diesen Aktivitäten liegt eine eigene, ganz neue Dynamik, an Stelle der traditionellen Homogenität werden das Anderssein, Unterschiede und Auswahl betont. Viele dieser Erfahrungen ergeben sich aus der praktischen Notwendigkeit, den menschlichen Erfahrungshorizont zu erweitern und mit der Dynamik der globalen Wirtschaft Schritt zu halten.
Wie viele Worte in einem Blick?
In einer Zeitschrift der Druckindustrie (Printers Ink) hat Fred R. Barnard 1921 eine Formulierung verwendet, die seitdem immer wieder aufgegriffen wurde: "Ein einziger Blick ist 1000 Worte wert!" Er formulierte sie später um und behauptete, es sei ein altes chinesisches Sprichwort: "Ein Bild ist 1000 Worte wert." Er wollte damit auf die Wirkungskraft von Bildern aufmerksam machen, auf die im übrigen Gestalter und Handwerker aller Art in jahrtausendealter Praxis schon immer gesetzt hatten.
Bilder sind konkreter als Wörter. In ihrer Konkretheit vermögen sie natürlich nicht, andere Bilder zu beschreiben. Dennoch assoziieren wir mit den abstrakten Begriffen, die der Mensch im Verlauf seiner praktischen und theoretischen Tätigkeit entwickelt hat, immer wieder Bilder. Sie sind auch in ihrer Verwendbarkeit eingeschränkter und viel stärker durch ihren Entstehungszusammenhang bestimmt. Das Wort rot ist im Vergleich zur Farbe, die es bezeichnet, willkürlich. Auch hat die Bezeichnung selbst nur einen Annäherungswert. In einem bestimmten experimentellen Zusammenhang kann man viele Farbnuancierungen unterscheiden, für die es keine eigenen Bezeichnungen gibt. Die Farbe in einem gegebenen Bild hingegen ist eine meßbare physikalische Größe, die man in der Photographie, im Druck oder der Pigmentsynthese entsprechend leicht verarbeiten kann. Im gleichen experimentellen Zusammenhang kann diese Farbe mit vielen Gegenständen und Abläufen assoziiert werden: mit Blumen, Blut, einem Stop-Schild, einem Sonnenuntergang oder einer Fahne. Sie kann Vergleiche oder Assoziationen bewirken oder selbst zur konventionalisierten Bedeutung werden. Wird ein visuelles Zeichen in Sprache übersetzt, wird es mit derartigen für die Sprache typischen Konventionen beladen—Rot als Farbe der Revolution, das Rot der Kardinäle, der Rotgardisten usw.—und damit aus dem Bereich der physikalischen Bestimmtheit (Wellenlänge oder Oszillationsfrequenz) in den Bereich kultureller Konventionen verlagert. Diese Konventionen gehören zum Symbolinventar einer bestimmten Gemeinschaft.
Rein bildliche Zeichen wie im Chinesischen und im Japanischen beziehen sich auf die Sprachstruktur und tragen kulturelle Bedeutung. Unabhängig davon, zu welchen Abstraktheits- und Kompliziertheitsgrad sie sich entwickelt haben, behalten sie doch einen Bezug zu dem, was sie bezeichnen. Sie weiten die Erfahrung des Schreibens—besonders in kalligraphischen Übungen—auf die darin ausgedrückte Erfahrung aus. Wir können die in der Sprache verkörperte Logik durchaus auf Bilder übertragen, und das nicht nur bei den chinesischen Ideogrammen. Doch verändern wir damit automatisch den Status des Bildes; es wird eine Illustration.
Die in der Schriftkultur verkörperte Sprache ist ein analytisches Instrument, das die analytische Tätigkeit des Menschen fördert. Bilder haben vornehmlich synthetische Eigenschaften und eignen sich besonders für Komposita. Synthetisierende Tätigkeiten, besonders der Entwurf von Gegenständen, Mitteilungen oder Handlungsabläufen, greifen auf Bilder zurück, besonders auf aussagekräftige Diagramme und Zeichnungen. Schrift beschreibt, Bilder bilden heraus. Sprache setzt für das Verstehen einen Kontext voraus, in dem Distributionsklassen definiert werden. Bilder deuten einen solchen Kontext an. Ein Bild kennt aufgrund seines individuellen Charakters keine Entsprechung für eine Distributionsklasse.
Beim Betrachten eines Bildes, zu welchem praktischen oder theoretischen Zweck auch immer, beziehen wir uns stets auf die Methode des Bildes, nicht auf seine Bestandteile. Die Methode eines Bildes ist seine Erfahrung, nicht eine auf ein bestimmtes Repertoire angewandte Grammatik oder die Umsetzung bestimmter grammatikalischer Regeln. Die Kraft der Sprache liegt in ihrer abstrakten Natur. Bilder beziehen ihre Wirkungskraft gerade aus ihrer Konkretheit. Die Abstraktheit der Sprache ergibt sich daraus, daß eine Sprachgemeinschaft ein bestimmtes Vokabular und eine Grammatik gemeinsam hat; die Abstraktheit von Bildern bedeutet, daß Menschen eine gemeinsame visuelle Erfahrung teilen oder daß die Bilder einen Kontext für neue Erfahrungen schaffen.
Solange die visuelle Erfahrung wie bei den nomadischen Stämmen auf die eigene, begrenzte Welt beschränkt blieb, konnten visuelle Zeichen nicht als Medium für eine Erfahrung dienen, die über diese sich verändernde Welt hinaus wies. Die Sprache entwickelte sich ja gerade aus dem Bedürfnis heraus, diese Grenzen von Raum und Zeit zu überwinden und Optionen zu schaffen. Das abstrakte phonetische Zeichen bot sich als Alternative, es konnte leichter von einer Welt in die andere überführt werden, wie es die Phönizier ja auch praktizierten. Jedes Alphabet ist ein kondensiertes visuelles Zeugnis von Erfahrungen, die sich inzwischen von der Sprache und deren konkreter praktischer Motivierung losgelöst haben.
Schrift visualisiert Sprache; die Lektüre gibt der geschriebenen Sprache ihre mündliche Dimension zurück, wenn auch in gezähmter Form. Die Buchstaben der verschiedenen Alphabete sind nicht einfache, neutrale Zeichen für eine abstrakte phonetische Sprache, sondern vielmehr die Zusammenfassung visueller Erfahrungen und die Kodierung von Regeln des Wiedererkennens; sie haben einen Bezug zu anthropologischer Erfahrung und zu kognitiven Abstrahierungsprozessen. Der Mystizismus von Zahlen und deren meta-physische Bedeutung, der Mystizismus von Buchstaben oder Buchstaben- und Zahlenverknüpfungen, von Formen, Symmetrien und Ähnlichem gehören dazu. Mit der Alphabetisierung und der Einführung von Zahlensystemen nahm die abstrakte Natur der visuellen Darstellung die phonetische Eigenschaft der Sprache an. Für den durchschnittlich gebildeten (oder ungebildeten) Menschen ging die Konkretheit der bildlichen Darstellung zusammen mit den darin gefaßten Elementen (welche Erfahrung steht hinter einem Buchstaben, einer Zahl, einer bestimmten Schreibweise?) ein für allemal verloren. Eben diese Durchbrechung von Spracherfahrungen gehört zum allgemeineren Prozeß der Akkulturierung. Schriftforscher haben verschiedene Ebenen nachgewiesen, auf denen ein jedes Buchstabenbild Ausdrucksebenen formt, die in sich bedeutsam sind. Dennoch ist deren alphabetisches Wissen für das Schreiben etwa so relevant wie eine gute Beschreibung der verschiedensten Radtypen für die Herstellung und Benutzung von Automobilen.
Heute verwenden wir Bilder nach Maßgabe der Möglichkeiten, die die Zwänge unserer Lebenspraxis und entsprechender Technologien bereitstellen. In den vorausgegangenen Kapiteln haben wir einige dieser Bedingungen ausgeführt. Es waren im einzelnen: 1. die globale Skala unseres Daseins und unserer Tätigkeit; 2. die Vielfalt, die durch die aus der Globalität hervorgehenden praktischen Erfahrungen ermöglicht wird; 3. die Dynamik immer schneller werdender und zunehmend vermittelter Formen der Interaktion; 4. die Notwendigkeit, menschliche Interaktion zu optimieren, um höhere Effizienzebenen zu erreichen; 5. die Notwendigkeit, die latenten Stereotypien der Sprache zu überwinden; 6. die nicht-lineare, nicht-sequentielle, offene Natur menschlicher Erfahrungen, die die neue Skala in den Vordergrund gerückt hat. Die Aufzählung läßt sich fortsetzen. Je besser wir den Einsatz von Bildern beherrschen, desto mehr Argumente können wir zu ihren Gunsten vorbringen. Wir sollten diese Argumente jedoch nicht als unkritische Verherrlichung von Bildern mißverstehen. Vieles läßt sich nicht allein durch Bilder ausdrücken: theoretische Arbeit etwa oder metasprachliche Reflexion. Bilder sind faktisch, situationsgebunden, instabil. Sie vermitteln auch ein falsches Demokratieverständnis. Vor allem aber veranschaulichen sie die Verlagerung von einem positivistischen Tatsachenverständnis, wie es den schriftkulturellen Determinismus bestimmt, zu einer relativistischen Auffassung von einer chaotischen Funktionsweise, wie sie sich im Markt oder in den neuen Formen menschlicher Interaktion niederschlägt. Wir müssen ein besseres Verständnis vom Leistungspotential von Bildern außerhalb ihrer traditionellen Wirkungsbereiche in Kunst, Architektur und Design entwickeln, um wirklich ermessen zu können, in welchem Maße sie am Denken und den bislang eher nicht-bildlichen Formen menschlicher Praxis teilhaben werden.