Man könnte leicht ins Moralisieren verfallen. Die Schriftkultur trägt bestimmte Erwartungen an demokratische Institutionen heran. Wie andere Institutionen, müssen auch sie sich dem Effizienztest unterziehen. Wenn die Institutionen diesen Test nicht bestehen, bekräftigen sie—in der Sprache der Demokratie—nicht mehr die Demokratie als praktische Erfahrung des Volkes, sondern sich selbst als Institution. Bürokratien entstehen dadurch, daß die Demokratie ihren sozialen und politischen Blickwinkel aufgibt und sich gleichsam in ihre eigene Sprache verliebt, in der ihre Prinzipien formuliert sind.

Die Medien werden in Form der Massenmedien zu einem eigenen Faktor in der Formel der Macht. Wird das Potential der neuen Ausdrucksmittel voll ausgeschöpft—die Macht der Bilder, der direkte Zugang zu Ereignissen, die Macht der Vernetzung, der kommunikativen Ressourcen, neuer Technologien—dann spielen die Medien eine Doppelrolle als Repräsentanten des Volkes und Repräsentanten der Macht. Da ihr eigener Praxisbereich die Darstellung ist, sind die Medien von der Effizienz der Selbstkonstituierung des Menschen in produktiven Tätigkeiten abhängig. Die Tätigkeit der Massenmedien folgt nicht eigenen Zielen, sondern wird durch den Markt, der in ihnen verortet ist, motiviert. Folglich wird die Formel der Demokratie zur Formel von Wettbewerb und wirtschaftlichem Erfolg. Die Medien wählen die Ursachen und Persönlichkeiten aus, die für den Prozeß der Demokratievermarktung geeignet erscheinen. Demokratie steht nicht mehr für Regierung und die damit verbundene Verantwortung, sondern vielmehr für das Recht der Menschen zu kaufen; unter anderem, die Regierung zu kaufen und den Luxus, die eigene Verantwortung an ihre Institutionen zu übertragen.

Medienkritik wird immer dann zur Lieblingsbeschäftigung der Politiker, wenn die Dinge nicht wie erwartet funktionieren. Die Öffentlichkeit beteiligt sich an solchen Auseinandersetzungen besonders in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit oder politischer Entwicklungen, die außer Kontrolle geraten (Kriege, gewalttätige Massendemonstrationen, Wahlen). Die Kritik an den Medien bezeugt, daß deren Beteiligung an der Macht gewachsen ist. Die schriftkulturellen Methoden der Hierarchiebildung werden durch neue Technologien verstärkt, die jeden Adressaten selbst in vollkommen übersättigten Kontexten der Informationsverbreitung erreichen.

Informationsvermarktung, Feedbackstrategien, Massenmedien, soziales Engineering, Psychologie und Veranstaltungsdesign bilden eine merkwürdig eklektische Praxis. Ihr einen bestimmten Namen zu geben, wie etwa Medio-kratie mag tendenziös klingen. Aber es trifft den Kern. Ihre Bemühungen sind nicht darauf gerichtet, Exzellenz und Qualität zu fördern oder gesellschaftliche Gruppen davon zu überzeugen, daß Demokratie Qualität garantiert und selbstverwaltende Systeme vor Korruption schützt. Vielmehr ist ihr daran gelegen, glaubhaft zu vermitteln, daß Mediokrität der Ausdruck von Gleichheit ist, und daß mehr nicht zu erwarten ist, wenn die Menschen nicht entschlossener von ihren Rechten Gebrauch machen. Die Mittel, die zur Verteidigung der Demokratie verwendet werden, und das gesamte politische System, das auf ihren Grundsätzen aufgebaut ist, machen nur allzu deutlich, daß die Demokratie als ein Kind sprachgebundener Praxis alles andere als die ewige und universelle Antwort oder der Höhepunkt der Geschichte ist. Auch hier müssen alternative Partizipationsformen gefunden werden, die der neuen Skala entsprechen. Solche Alternativen müssen die entscheidenden neuen Faktoren beinhalten: die verteilte Natur der Arbeit; ein besseres Verständnis der Beziehung (oder fehlenden Beziehung) zwischen Individuum und Gemeinschaft; das Bewußtsein von Veränderung als einzig dauerhaftem Zustand; und Strategien der Koevolution, die alle Menschen und die Natur, deren Teil der Mensch immer noch ist, als gleich betrachten. Demokratie ist das Produkt menschlicher Erfahrungen, die auf dem Postulat des Gleichseins beruhen. Alternativen entstehen durch die Dynamik des Unterschieds. Sobald die Grünen eine Partei wie jede andere werden, verschwimmt ihre Farbe.

Selbstorganisation

Zeit, Energie, Ausrüstung und Verstand sind in die Erforschung des künstlichen Lebens (ALife) investiert worden. Das Wissen, das wir aus dieser Forschung bezogen haben, kann zur Verbesserung von Modellen für individuelles und gesellschaftliches Leben genutzt werden. Derartige Forschungsergebnisse besagen, daß Vielfalt und Selbstorganisation, die durch strukturelle Merkmale hervorgerufen und in emergenten Funktionen veräußerlicht sind, den Evolutionsimpuls in einem lebenden System erhalten. Die Menschen gehören einem solchen System an. In der Vergangenheit haben wir uns auf soziale Formen mit variabler Organisation konzentriert. Iterative Optimierung und Lernprozesse waren darin Ausdruck innerer Notwendigkeiten, nicht Ausdruck angenommener oder aufgezwungener Funktionsregeln.

Die gesamte Reproduktionsdynamik, die die gegenwärtigen Anstrengungen von Staaten und Organisationen bei der Kontrolle des Bevölkerungswachstums kennzeichnen, muß wieder an die Praxis gebunden werden. Wir können davon ausgehen, daß Gemeinschaften, die nach solchen Prinzipien strukturiert sind, mit einer Art sozialem Immunsystem ausgestattet sind, das es ihnen ermöglicht, soziale Erkrankungen zu erkennen und zu bekämpfen. Eine Rückbindung an den pragmatischen Kontext muß als neue Strategie verstanden werden, die den Menschen nicht mehr sagt, was zu tun wäre, sondern sie zu wirklichem Tun motiviert. Alle Vorteile eines sich rapide entwickelnden Netzwerks der Netzwerke basieren auf dieser Grundvoraussetzung. Ein soziales Immunsystem sollte ein Mechanismus sein, der die für das Funktionieren eines jeden Einzelnen und aller Mitglieder der Gemeinschaft schädlichen Handlungen verhindert. Der Begriff der sozialen Erkrankung läßt Merkmale eines Systems von gut und böse, richtig und falsch anklingen. Hier ist aber die fehlende Verbindung von individueller Leistung und pragmatischem Fokus gemeint. Mechanismen zur Wiederherstellung dieser Verbindung gründen auf der Anerkennung von Vielfalt und auf einer Definition von Einheit, Mitteln, Zielen und Idealen.

Anpassungsfähigkeit ergibt sich aus Vielfalt; das gilt für die Fähigkeit, Ressourcen innerhalb einer dynamischen Gemeinschaft zu mobilisieren. Stärker als in der Vergangenheit wird der Einzelne in mehr als nur einer Gemeinschaft eingebunden sein. Neue Interaktionsformen und geteilte Ressourcen werden es möglich machen. Die heutige Telekommunikation ist erst der Anfang. Das traditionelle Verständnis von Gemeinschaft, das identisch ist mit Ortsgebundenheit, wird dem Begriff der Interessengemeinschaften weichen. Virtuelle Gemeinschaften im Internet zeigen, was das bedeuten kann. Das Hauptmerkmal solcher selbstorganisierender sozialer und kultureller Zellen ist ihre Modifikationsstruktur während der Koevolution, die die Einsicht verrät, daß sich politische und soziale Interaktion verändert, wenn die Menschen sich verändern.

Ausgangspunkt für das beschriebene Modell war ursprünglich, das Phänomen des Lebens genauer zu verstehen und bestimmte Aspekte davon zu simulieren; es läßt sich auf natürliches und künstliches Leben gleichermaßen anwenden. Eine globale Wirtschaft, globale politische Anliegen, globale Verantwortung für unser Versorgungssystem, globales Interesse an Transport- und Kommunikationsnetzen, globales Engagement für die sinnvolle Nutzung von Energie sollten nicht zu einem Weltstaat führen, sondern zu einem Staat mit vielen Welten. Die Skala der politischen Praxis hat eine solche Komplexität erreicht, daß das Kokettieren mit globalen Institutionen zur Selbstzerstörung durch soziale Implosion führen könnte. Die Alternative wäre Dezentralisierung, leistungsstarke Netzwerke, verbunden mit hochspezialisierter Aufgabenteilung und effektiven Integrationsverfahren.

Konkret bedeutet dies, daß Individuen ihre Identität in Erfahrungen finden, die ihren persönlichen Beitrag in verschiedene Geschehensabläufe oder Produkte einbindet. Sie werden Ressourcen teilen und Kommunikationsmittel zur Optimierung ihrer Arbeit nutzen. Zugang zum Wissen anderer mit Hilfe von Mitteln, die die gleichzeitige Nutzung durch viele ermöglichen, ist Teil des globalen Vertrags, den die Menschen abschließen werden, wenn sie die Vorteile eines für alle zugänglichen Informationskomplexes und der Möglichkeiten einer weltweiten Vernetzung erkannt haben. Selbstorganisierende Zellen menschlicher Gemeinschaft verschiedenster Art werden die Vielfalt der Sprachen in der Kultur jenseits der Schriftkultur, die Freiheit von Bürokratie und eine direktere Teilhabe am Leben jeder dieser sozialen Einheiten betreiben.