Durch Zwang läßt sich nichts vermitteln und nichts erreichen. Ein bestimmter Standpunkt gegenüber einer Sache oder Werten außerhalb des unmittelbaren Lebenszusammenhangs werden nur in einer lebenspraktischen Erfahrungslage als notwendig erfahren. Wer gezwungen wird, Daten aus Shakespeares Leben und Passagen aus seinen Werken auswendig zu lernen, wird seine Dramen weder verstehen noch schätzen. Aber ein zwangfreies Angebot von Kunst und Wissenschaft, Sport und Unterhaltung, Politik und Religion, Ethik und Rechtssystemen in vielfältigen didaktisch-methodischen Formen wie interaktiven Medien, Büchern, Kunstwerken, Datenbänken und Interaktionsprogrammen bietet die Möglichkeit eigener Entdeckungen und Erfahrungen. So wichtig alle genannten Bereiche sind, wir dürfen niemals vergessen, daß Erziehung nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie die Schüler einigermaßen glücklich und zufrieden macht. Jede Erziehungsmaßnahme, gut oder schlecht, greift in irgendeiner Weise in den Menschen als eine natürliche Einheit ein. Das heißt, daß es im Erziehungsprozeß immer auch Spannungen geben muß; aber statt nur diejenigen zu belohnen, die sich leichter akkulturieren lassen, sollte die Erziehung auch komplementäre Faktoren berücksichtigen. Damit befürworte ich weder interaktives Lernen am Strand oder auf dem Skihügel noch die totale und bedingungslose Einbindung in die Arbeitswelt. Aber wenn sich die Erziehung schon vom Modell industrieller Abläufe lösen sollte—fabrikähnliche Gebäude, Unterricht, der nach Pinzipien der Schichtarbeit und der Teilung von Arbeit, Freizeit und Urlaub organisiert ist—, dann sollten die Schüler den Unterrichtsrhythmus auch besser mit ihren natürlichen Lebensrhythmen vereinbaren können. Statt ständiger physischer Anwesenheit aller zu bestimmten Zeiten sollte sich eine interaktive und kooperative Kreativität entfalten dürfen, die Raum bietet für das Spielerische, Natürliche und Zufällige.
Das klingt vielleicht weit hergeholt, aber es liegt tatsächlich noch in weiter Ferne. Selbst wenn die großen Computerfirmen überall auf der Welt Interaktionszentren einrichten würden, hätte dies keine weitreichenden Veränderungen zur Folge. Zu tief sind die Lernhaltungen der Schüler in den traditionellen Erwartungen verwurzelt. Es läßt sich leichter Übereinstimmung darüber erzielen, was am gegenwärtigen Bildungssystem gut ist, als darüber, was geändert werden könnte und müßte. Aber jeder einzelne kleine Kern selbstorganisierten Lernens, der sich in Online-Klassen mit netzwerkspezifischen Fragestellungen beschäftigt, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Überall dort, wo sich der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften besonders dringlich stellt—rechnergestützte Genetik, Nanotechnologie, nicht-lineares elektronisches Publishing—, bietet das hier vorgestellte Modell eine Chance. Wir können nicht mehr erwarten, daß unser Bildungssystem qualifizierten Nachwuchs heranbildet, ohne daß die an diesem Nachwuchs interessierten Firmen an den Kosten dafür beteiligt werden. Statt Stiftungslehrstühle für traditionelle Wissenschaftsdisziplinen bereitzustellen, sollten die Unternehmen in die Ausbildung und die lebenslange berufliche Weiterbildung investieren.
Solange wir davon ausgehen, daß nur derjenige ein guter Architekt wird, der Geschichte, Mathematik, Biologie beherrscht und dazu noch weiß, wer Vitruvius war, halten wir an den überkommenen Regeln der Schriftkultur fest. Die Frage ist auch falsch gestellt. Denn sie unterstellt, daß man im voraus wissen kann, was für veränderte pragmatische Zusammenhänge wichtig wird und wie diese sich darstellen. Die Inhalte verändern sich, die Proportionen verändern sich, vor allem aber verändert sich der Lebenszusammenhang.
Im Gegensatz zur heute verbreiteten Rangordnung zwischen den Fächern, die z. B. Zeichnen und Singen zu Nebenfächern und Lesen und Schreiben zu Hauptfächern erklärt, müssen wir die Komplementarität der einzelnen Fähigkeiten anerkennen. Unsere Erziehung sollte alle die Fähigkeiten fördern, in denen und durch die die jungen Menschen sich in einer Welt definieren, die den Kreislauf ewiger Wiederholungen durchbrochen hat und völlig neue, auf keine Vergangenheit bezogenen Ziele verfolgt. Statt Intuition und Irrationalität rundweg abzulehnen, sollten auch Selbsterkundungswege offenstehen, die sie integrieren. Eine nur auf Problemlösung ausgerichtete Erziehung ist zu eng; alternative Ziele, auf die auch Intuition, Irrationalität oder das Unbewußte hinführen, sollten erlaubt sein.
Ein Weckruf
Unser Modell vertraut bei den Schülern auf Reife und Erfahrung und bei den Erziehern auf die Fähigkeit, ein Unterrichtsklima zu schaffen, in dem sich Selbstverantwortung und Selbstdisziplin entfalten können. Es muß sich den bislang ungeklärten Fragen danach stellen, wann und mit welchen Mitteln die Ausbildung beginnt, welche Rolle die Familie darin spielt—sofern die Familie überhaupt noch ein nennenswerter Erziehungsfaktor bleibt—, wie man Vielfalt und Multiplizität integrieren kann. Öffentlichen Bekundungen nach verfolgen Erziehung und Ausbildung einen Hauptzweck: die nachwachsenden Generationen mit den Fähigkeiten auszustatten, die sie in die Lage versetzen, in der Zukunft zum nationalen Wohl beizutragen. Wenn das so ist, dann sollte die Tatsache, daß unsere wirtschaftliche Lebensfähigkeit von einer globalen Wirtschaft abhängt, die sich nicht mehr durch Landes- und Staatsgrenzen definieren oder lenken läßt, und daß Wettbewerb sich auf dem übernationalen Markt abspielt, nicht unberücksichtigt bleiben.
Insgesamt gerät, ein wenig wohl auch in unserem Modell, die Entfaltung des Individuums durch die Entwicklung seiner geistigen und seelischen Fähigkeiten in Vergessenheit oder wird dem Einschärfen von Fakten und Fertigkeiten untergeordnet. Ästhetische Sensibilität, subtilere geistige Interessen, auch der Erfahrungsreichtum der Gefühlswelt, bleiben sich selbst genügende persönliche Interessen. Die Menschen sehen sich einer Arbeitswelt ausgesetzt, die mit der von Pädagogen, Wirtschaftsvertretern und Politikern antizipierten Berufswelt wenig zu tun hat und immer fragmentarischer und vermittelter wird. Letztendlich wird fast jede Arbeit zu einem "Job" statt zu einem Beruf. Ärzte, Professoren, Geschäftsleute, Schreiner und Fast-food-Verkäufer üben Tätigkeiten aus, die zumindest teilweise automatisiert werden könnten. Damit verliert die Arbeit ihre wichtigste Motivationsgrundlage—die Entfaltung individueller Anlagen zu einer persönlichen Identität. Innere Motivation wird durch äußere Begründungen—die Erhaltung der kommerziellen Demokratie—ersetzt, was schließlich zu abnehmendem Interesse an der Arbeit, geringerem Engagement und weniger Kreativität führt. Eine berufsbezogene Ausbildung verspricht Wohlstand, nicht Selbsterfüllung. Der Verfall der Familie und ein neues Sexual- und Fortpflanzungsverhalten deuten darauf hin, daß eine stärkere Einbindung der Familie in die Bildungsverantwortung, so begrüßenswert sie wäre, wohl eher die Ausnahme bleiben wird. Es wäre also geraten, daß wir uns auf die Veränderungen einstellen und Alternativen entwickeln, statt darauf zu hoffen, daß durch ein Wunder oder die göttliche Intervention des Dollars oder einer anderen starken Währung die Familie wieder zu dem wird, was sie nach den Idealen der Schriftkultur hätte werden sollen.
Zahlreiche Pädagogen haben Theorien zur Erziehungs- und Bildungsreform entwickelt. Sie ignorieren nicht etwa die neuen pragmatischen Erfordernisse, sie werden ihrer überhaupt nicht gewahr. Ihre Empfehlungen laufen daher mehr oder weniger auf dasselbe hinaus: immer das Gleiche und davon noch mehr.
Der allgegenwärtige Fernsehapparat ist das typischste Merkmal unserer Zeit. Er hat längst die Rolle übernommen, die das Buch einmal innehatte. Dennoch ist das Fernsehen ein passives Medium; sein Informationsgehalt ist trotz der gegebenen Möglichkeiten gering. Das digitale Fernsehen mit der Einbeziehung des Computers wird hier entscheidende Veränderungen mit sich bringen; es ist ein aktives Medium und fördert Interaktivität. Bildungszentren werden diese Möglichkeiten aktivieren und mit seiner Hilfe interaktive Bildungsprozesse zwischen Individuen mit unterschiedlichstem Bildungshintergrund ermöglichen. Vor allem dieses Medium wird uns den Umgang mit unterschiedlichen Sichtweisen und Perspektiven lehren und neue Erfahrungs- und Wissenshorizonte erschließen. Sie werden weniger auf Informationsvermittlung konzentriert sein als auf das Verständnis von Veränderungen und den Prozessen, die sie herbeiführen.
In diesem Zusammenhang hat auch die ästhetische Erfahrung einen Platz, nicht als Kunstgeschichte, sondern als ästhetische Erwägung und Tätigkeit, die neben den wissenschaftlichen Kenntnissen zur Optimierung der menschlichen Praxis beiträgt. Wenn sich zukünftige Lerngruppen dynamisch zusammensetzen, werden sie nach Alter, Herkunft und Vorbildung heterogen sein. Angesiedelt im öffentlichen Bereich vernetzter Ressourcen findet jeder den Zugang zu Lerngebieten seiner Wahl, Feedback ist jederzeit gewährleistet und insgesamt ein Klima kreativen Wettbewerbs geschaffen. Hieraus ergeben sich dann nicht nur wissenschaftliche und technologische Leistungen, sondern besonders auch die Relevanz ästhetischer Dimensionen.