Ihr
Prophet, ihr Staat und ihr Glaube.
Von
Dr. Moritz Busch.
Leipzig
Verlag von Carl B. Lorck.
1855.
Erstes Kapitel
Sectenwesen in Amerika.
Wenn schon das politische Leben der Vereinigten Staaten eine beträchtliche Anzahl von Erscheinungen zeigt, die dem Fremden erst nach einem tiefern Studium von Land und Leuten einigermaßen verständlich werden, so ist dies bei den Gestalten, in welchen sich hier das religiöse Element ausgeprägt hat, noch bei Weitem mehr der Fall. Lassen sich dort in der bunten Mannigfaltigkeit der Parteien immerhin zwei große Grundmächte unterscheiden, die, zwei Trieben oder Zügen in der menschlichen Natur entsprechend, wie Ebbe und Fluth die Interessen der Gesammtheit tragen und ausgleichen, so entzieht sich das Gewimmel der Secten Amerika's beinahe jeder Eintheilung. Wir haben ein vollkommnes Chaos vor uns, in dem die Stoffe in wildester Weise durcheinandergähren, und vor welchem derjenige, den die Wissenschaft nicht an ähnliche Perioden in der Kirchengeschichte erinnert, an einen Verwesungsproceß des Christenthums glauben kann. Das stupideste Festhalten am Buchstaben der Schrift mischt sich mit den wahnwitzigsten Ausschweifungen der Phantasie. Die augenfälligste Täuschung findet bei Tausenden und aber Tausenden von Menschen, die in weltlichen Dingen sich der schärfsten Sinne erfreuen, Augen, die Schwarz für Weiß ansehen, Ohren, die der Lüge wie einer Offenbarung aus der Höhe lauschen, und Kniee, die sich vor Charlatanen wie vor Sendboten Gottes beugen. Hier baut die steifnackige Rechtgläubigkeit ihren Tempel auf. Dort stellt der absolute Zweifel den seinen hin. Da wieder hebt das unter dem Boden brennende vulkanische Feuer der Schwärmerei die Decke, und rasch schwillt die anfangs unscheinbare Blase zum mächtigen Dome, in welchem Fanatiker oder Betrüger eine völlig neue Religion verkünden.