Unter den Ueberlebenden waren der Prophet Mormon und sein Sohn Moroni, von denen der Erstgenannte einen Auszug aus den Ueberlieferungen seiner Vorväter gemacht hatte, den er vor seinem Tode dem Sohne zur Vollendung übergab, während jene Traditionen von ihm auf Gottes Geheiß im Berge Cumorah verborgen wurden. Moroni führte die Chronik seines Vaters noch einige Jahre fort, und wir erfahren von ihm, daß die unversöhnlichen Lamaniten die wenigen von den Kindern Nephi, welche jener Vertilgungsschlacht entronnen waren, so lange verfolgten, bis das ganze Geschlecht, ihn ausgenommen, vernichtet war. Er berichtet fernerhin, daß nach dem Untergange ihrer Gegner die Lamaniten unter sich selbst in Streit geriethen, und daß ganz Amerika lange Zeit nichts als ein großer Schauplatz von Gewalt, Raub und Blutvergießen war. Er schließt endlich seine Geschichte im Jahre 424 nach Christi Geburt, um die Platten, auf die sie geschrieben, ebenfalls in den heiligen Berg zu vergraben.
Drittes Kapitel.
Die Mormonen in Missouri und Ohio. – Zion im Westen. – Verfolgungen in Missouri und Triumphe in Illinois. – Die Wunderstadt Nauvoo und ihr Tempel. – Die Ermordung des Propheten und der Auszug aus Aegypten.
Wir kehren nun zu der Geschichte Smiths und der von ihm am 6. April 1830 gegründeten neuen »Kirche« zurück. Dieselbe bestand anfänglich nur aus dem Propheten selbst, seiner Frau, der Familie seines Vaters und seinen Freunden Martin Harris und Oliver Cowdery. Nach dem Sprichworte, daß ein Prophet in seinem Vaterlande nichts gilt, fanden sich in Manchester nur Wenige, die der Predigt von dem erdentstiegenen Pseudoevangelium ein geneigtes Ohr leihen mochten. Dagegen wurden in den Grafschaften Fayette und Colesville Zweiggemeinden zu Stande gebracht. Trotzdem würde schwerlich etwas Bedeutendes erreicht worden sein, wenn die Helfershelfer Smiths nicht auswärts wichtigere Erfolge vorbereitet hätten.
Im August 1830 reiste (die Mormonen sagen: zufällig) ein Campbelliten-Prediger aus Lorrain-County in Ohio auf dem Canale durch Palmyra, hörte hier von der neuen Religion, besuchte den Propheten, las das Buch Mormons und wurde zum Glauben an seine Echtheit bekehrt. Dies war Parley Peter Pratt, später einer der beredtesten und feurigsten Vertheidiger und einer der fruchtbarsten Hymnendichter des Mormonenthums, jetzt Präsident seiner zahlreichen Gemeinden auf den Inseln des Stillen Oceans. Bei seiner Rückkehr nach Ohio, wohin ihn Cowdery begleitete, übergab er die »Goldne Bibel« dem in der Nachbarschaft lehrenden Rigdon, der dadurch zu einer Reise nach Manchester bewogen wurde, wo er sich nach einigem Sträuben gleichfalls bekehren ließ und sofort zum Aeltesten, Oberpriester und Schriftführer ernannt wurde. Heimgekehrt rief er unverzüglich seine Gemeinde zusammen, trug ihr in einer zweistündigen Rede voll glühender Begeisterung seine Erfahrungen im Staate Neuyork vor, ermahnte, flehte, weinte Zähren des Kummers und der Wonne, fiel einige Male in Ohnmacht, sah den Himmel offen und bewirkte durch diese und ähnliche Mittel, daß der größte Theil der Versammelten sich von ihm und Cowdery taufen ließ.
Um diese Vorgänge begreiflich zu finden, muß man wissen, daß Pratt ein alter Bekannter Rigdons war, und sich erinnern, daß Letzterer schon seit drei Jahren die buchstäbliche Deutung der biblischen Weissagungen, die bevorstehende Sammlung des Hauses Israel zum Empfange des wiederkommenden Messias, die Aufrichtung des tausendjährigen Reiches und die Nothwendigkeit wunderbarer Gnadengaben in einer Kirche, welche sich die rechte nenne, gelehrt hatte. Man wird dann auch die zufällige Reise Pratts zu Smith für eine verabredete, und das Sträuben Rigdons für ein blos scheinbares halten dürfen. Vor allen Dingen aber erklärt sich daraus die Fülle eigenthümlicher Dogmen, welche nun in der Form unmittelbarer göttlicher Eingebungen im Kreise der Jünger Smiths auftauchten, ein Conglomerat von Tollheiten, das später in dem zweiten großen Religionsbuche der Secte, dem »Book of Doctrine and Covenants« dem ersten an die Seite trat.
Die Zusammenkunft Rigdons und Smiths hatte im October 1830 stattgefunden. Im Januar des nächsten Jahres empfing der Letztere eine Offenbarung, in welcher den Gemeinden im Osten geboten wurde, nach der Stelle auszuwandern, welche, wie Rigdon schon längst erklärt hatte, »sich an der Markscheide des Erbes der Heiligen befand,« ein Erbtheil, welches sich von dort bis an das Stille Meer erstrecken sollte. Der Prophet und die Seinen zogen in Folge dessen nach dem Städtchen Kirtland in Nordohio, wo Pratt, Rigdon und Cowdery bereits eine Gemeinde von einigen hundert Seelen beisammen hatten. Hier entwickelte sich ein Schauspiel der seltsamsten Art, und eine Masse Neugieriger strömte von allen Gegenden herbei, um Zeuge dieser Vorgänge zu sein. Der Wahnsinn der methodistischen Lagerversammlungen tobte hier in gesteigertem Grade. Verzückungen waren an der Tagesordnung. Männer und Frauen fielen bei den öffentlichen Versammlungen zu Boden, stöhnten, kreischten, wälzten sich zuckend und zappelnd umher, wiesen gen Himmel, wo eine Wolke heiliger Zeugen schwebte, sprachen in Zungen, namentlich in denen der Indianer, zu deren Bekehrung sie aufbrechen zu müssen erklärten, fuhren wie besessen zu den Thüren hinaus und wieder herein, fielen in Ohnmacht, sprangen wieder auf, stellten sich predigend und singend auf Zäune und Baumstümpfe und verkündeten den Anbruch des jüngsten Tages. Einige hoben Steine auf und lasen auf ihnen sonderbar klingende Inschriften, wo Andere bloßes Moos erblickten. Einigen fielen plötzlich Pergamentrollen vom Himmel auf den Kopf, welche mit dem Siegel Christi gesiegelt waren, und welche sie nicht so bald abgeschrieben hatten, als sie wieder verschwanden. Die rasendste Aufregung herrschte in ihren Zusammenkünften, jedes einzelne Mitglied der Secte war durch diese »Ausgießung des heiligen Geistes« zum Schauer und Offenbarer geworden.
Diese Allgemeinheit des Prophetenthums konnte als Zeugniß für die Echtheit der neuen Religion gelten. Ihre Dauer jedoch war begreiflicher Weise nicht nach Smiths Geschmack, der so nur primus inter pares gewesen wäre. Er mußte den Brand, den er entzündet, mäßigen, dem Eifer der Brüder und Schwestern Schranken setzen, und so predigte er eines Tages, wie er eine Offenbarung empfangen habe, in welcher Gott die Heiligen warne, sich der Gewalt, die über sie gekommen, zu arglos hinzugeben, indem der Satan dabei die Hände im Spiele habe und die Gaben des heiligen Geistes zu seinen Zwecken verkehre. Verschiedene andere Offenbarungen folgten, von denen die eine die Gläubigen anwies, den »Seher« mit allem Nöthigen zu versorgen, da er nicht mehr für seinen Unterhalt weltliche Arbeit thun solle, die andere einige aufsässige oder lässige Gemeindeglieder tadelte, eine dritte endlich die Gabe des Schauens und Weissagens auf »Mr. Joseph Smith junior« beschränkte. Er allein sollte fürderhin das Vorrecht haben, mit Engeln zu verkehren, und ihm sollten Alle als dem Dolmetsch der Befehle Jehova's gehorchen.
Dies geschah. Um sich aber für die Zukunft sicher zu stellen, und einestheils dem Eifer der Schwärmer einen Abzugscanal zu schaffen, anderntheils die einflußreichsten und ehrgeizigsten Mitglieder der Secte auf eine Weile von sich zu entfernen, entwarf der schlaue Prophet einen andern Plan. Im Juni 1831 hatte er eine weitere Offenbarung, in welcher Gott die Aeltesten der Kirche anwies, paarweise nach Westen zu wandern, auf dem Wege zu predigen und zu einer bestimmten Zeit am Ufer des Missouri zusammenzutreffen, wo Cowdery vorher das Land nach einer passenden Stelle zur Gründung der zukünftigen Hauptstadt des Reiches Gottes auf Erden ausgekundschaftet hatte.
Diese Stelle war in der Nähe des in der Grafschaft Jackson in Westmissouri gelegenen Städtchens Independence. Sie war mit großer Umsicht gewählt, und nicht völlig unglaubwürdig klang es, wenn der Prophet verkündete, daß hier einst der Garten Eden und Adams Altar gestanden. Bei Weitem herrlicher aber war die Aussicht, welche Smiths Prophetengeist in die Zukunft dieses Neuen Jerusalems der Heiligen eröffnete. Hier sollten sich einst alle Gläubigen anbauen, hier alle Könige der Erde ihren Tribut entrichten, hier eine ungeheure Stadt sich erheben, deren Straßen mit Gold und Edelsteinen gepflastert sein sollten – und was dergleichen Ueberschwänglichkeiten mehr sind. Manche dieser Weissagungen würden sich, wie die Folge zeigen kann, wenigstens annähernd erfüllt haben, wenn die Führer der Secte sich nicht in den bereits hier wohnenden Hinterwäldlern verrechnet hätten und nicht gleich Anfangs mit unmäßigen Ansprüchen aufgetreten wären.