Darauf rezitierte Fritz ein Ding, das aus lauter Unsinn zusammenhing. Nein, es hing nicht zusammen. Ein junger Mensch schrieb an seine Mutter, dass er verliebt gewesen wäre, und dass sein Mädchen sich mit einem andern verheiratet habe—woran sie sehr recht that, finde ich—dass er aber, ungeachtet dessen, stets viel von seiner Mutter hielte. Sind diese paar Worte deutlich oder nicht? Findet ihr, dass da viel Weitläufigkeit nötig ist, um das zu sagen? Nun, ich habe ein Brötchen mit Käse gegessen, darauf zwei Birnen geschält, und ich hatte gut halb die dritte verspeist, als Fritz mit seiner Erzählung erst zu Rande war. Aber Luise weinte wieder, und die Damen sagten, dass es sehr schön sei. Darauf erzählte Fritz, der, wie ich glaube, der Meinung war, ein grosses Stück verrichtet zu haben, dass er das Ding in dem Paket von dem Mann gefunden habe, der einen Shawl trüge, und ich setzte den Herren auseinander, wie dasselbe in mein Haus gekommen war. Aber von der Griechin sagte ich nichts, da Fritz zugegen war, und ebenso nichts von dem Kapelsteg. Jeder fand, dass ich ganz recht gehandelt hatte, indem ich mich von dem Mann losmachte. Das Ding, das Fritz rezitierte, war 1843 in Indien in der Gegend von Padang geschrieben, und das ist eine minderwertige Marke. Der Kaffee, meine ich. Aber gleich werdet ihr sehen, dass in dem Paket auch andere Dinge von mehr solider Art waren, und davon kommt das eine und andere auch in diesem Buche vor, da die Kaffeeauktionen der Handelsgesellschaft damit in Verbindung stehen. Denn ich lebe für mein Fach.
Viertes Kapitel.
Bevor ich weiter gehe, habe ich euch zu sagen, dass der junge Stern gekommen ist. Es ist ein artiger Bursche. Er scheint gewandt und tüchtig, aber ich glaube, dass er ein bisschen schwärmt. Marie ist dreizehn Jahr. Seine Einkleidung ist recht ansehnlich. Ich habe ihn ans Kopierbuch gesetzt, damit er sich im holländischen Stil üben kann. Ich bin neugierig, ob nun bald Ordres von Ludwig Stern kommen werden. Marie soll ein Paar Pantoffeln für ihn sticken ... für den jungen Stern, mein’ ich. Busselinck & Waterman haben hinter den Reusen gefischt. Ein anständiger Makler benutzt keine Schleichwege, das sage ich!
Am Tage nach der Gesellschaft bei den Rosemeyers, die in Zucker machen, rief ich Fritz und gebot ihm, mir das Paket von Shawlmann zu bringen. Ihr müsst wissen, Leser, dass ich in meiner Familie sehr ängstlich auf Religion und Sittlichkeit sehe. Nun, am Abend zuvor, gerade als ich meine erste Birne geschält hatte, las ich auf dem Gesicht von einem der Mädchen, dass etwas in dem Gedicht vorkam, das nicht schicklich war. Ich selbst hatte nicht hingehört nach dem Kram, aber ich bemerkte, dass Betsy ihr Brot verkrümelte, und das war mir genug. Ihr werdet einsehen, Leser, dass ihr es mit jemandem zu thun habt, der weiss, wie es in der Welt zugeht. Ich liess mir also von Fritz das schöne Stück vom vorhergehenden Abend vorlegen und ich fand sehr bald die Stelle, die Betsys Brot verkrümelt hatte. Es wird da gesprochen von einem Kind, das an der Brust der Mutter liegt—das geht ja noch—aber: »das kaum dem mütterlichen Schoss entstiegen ist«, sieh, das fand ich nicht gut—dass man davon spricht, mein’ ich—und meine Frau auch nicht. Marie ist dreizehn Jahr. Von Adebars wird bei uns nicht gesprochen, auch nicht von Kohlköpfen oder den Teichen, wo die Kinder herkommen sollen, aber so die Sachen beim Namen zu nennen, finde ich ungehörig, denn mein ganzes Trachten ist durchaus auf Sittlichkeit gerichtet. Ich liess mir von Fritz, der das Ding nun einmal »auswendig wusste«, wie Stern das nennt, versprechen, dass er es nicht wieder aufsagen würde—wenigstens nicht, bevor er Mitglied von »Doctrina« ist, denn dahin kommen keine jungen Mädchen—und dann barg ich es in meinem Schreibtisch ... das Gedicht, mein’ ich. Doch ich musste wissen, ob nicht noch mehr in dem Paket war, das Anstoss erregen konnte. Da ging ich ans Suchen und Blättern. Alles lesen konnte ich nicht, denn ich fand Sprachen darin, die ich nicht verstehe; doch ei! da fiel mein Auge auf ein dickes Heft: »Bericht über die Kaffeekultur in der Residentschaft Menado«.
Mein Herz hüpfte vor Freude, weil ich Makler in Kaffee bin—Lauriergracht No. 37—und »Menado« ist eine gute Marke. Also dieser Shawlmann, der so unsittliche Verse machte, hatte auch in Kaffee gearbeitet! Ich sah nun das Paket mit ganz andern Augen an, und ich fand Stücke darin, die ich wohl nicht alle begriff, die aber wirklich Geschäftskenntnis verrieten. Es fanden sich da Listen, Angaben, ziffernmässige Berechnungen, an denen nichts von Reim zu erkennen war, und alles war mit so viel Sorgfalt und Genauigkeit bearbeitet, dass ich, geradeaus gesagt—denn ich halte was von der Wahrheit—auf die Idee kam, dass dieser Shawlmann, wenn es mit dem dritten Kontoristen mal nichts mehr wäre—was schon kommen kann, da er alt und stümperig wird—ganz gut dessen Platz würde ausfüllen können. Es versteht sich von selbst, dass ich mir erst Informationen einholen würde über Ehrlichkeit, Glauben und Betragen, denn ich nehme niemand aufs Kontor, bevor ich darüber nicht Sicherheit habe. Das ist ein fester Grundsatz bei mir. Ihr habt das aus meinem Brief an Ludwig Stern ersehen.
Ich wollte Fritz nichts davon merken lassen, dass ich dem Inhalt des Pakets Wichtigkeit beizumessen anfing, und schickte ihn deshalb weg. Es wurde mir wirklich duselig im Kopf, wie ich so die verschiedenen Teile einen nach dem andern aufnahm und die Überschriften las. Es ist wahr, viel Verse waren darunter, aber auch viel Nützliches, und ich musste staunen über die Verschiedenheit der behandelten Gegenstände. Ich gebe zu—denn ich gebe was auf Wahrheit—dass ich, der ich immer in Kaffee gemacht habe, nicht im stande bin, den Wert von dem allen zu beurteilen, aber auch ohne diese Beurteilung: allein die Liste der Überschriften war schon kurios. Da ich euch die Geschichte von dem Griechen erzählt habe, wisst ihr schon, dass ich in meiner Jugend einigermassen latinisiert worden bin, und wie sehr ich mich auch in der Korrespondenz aller Citate enthalte—was auf einem Maklerkontor auch nicht recht am Platz ist—so dachte ich doch, als ich dies alles sah: »Multa, non multum«. Oder: »De omnibus aliquid, de toto nihil.«
Doch das kam eigentlich mehr von einer Art Drang zu widersprechen und von einem gewissen Bedürfnis, die Gelehrsamkeit, die da vor mir lag, in Latein anzusprechen, als dass ich es genau so meinte. Denn wo ich längere Einsicht in das eine oder andere Stück nahm, musste ich mir gestehen, dass der Autor wohl auf der Höhe seiner Aufgabe zu stehen schien, und sogar, dass er grosse Solidität in seinen Beweisführungen an den Tag legte.